Vorsorglicher Zwangsaufenthalt unter fürstlichem Schutz

Heidemarie Seifert

Von Heidemarie Seifert

Sa, 03. Juni 2017

Ausstellungen

REFORMATIONSAUSSTELLUNG II: Auch Bayern hat mit der Landesausstellung "Ritter, Bauern, Lutheraner" auf der Veste Coburg etwas zum Jubiläum beizutragen.

"Sendbrief vom Dolmetschen" und "Sermon, dass man Kinder zur Schule halten solle" heißen zwei der 120 Schreiben, die Martin Luther 1530 während seines fünfeinhalbmonatigen Aufenthalts auf der Veste Coburg verfasste. Offenbar hat sich das wissenschaftliche Team, das die Bayerische Landesausstellung "Ritter, Bauern, Lutheraner" konzipierte, von diesen Manifesten leiten lassen. Zu sehen, zu hören und zu fühlen ist eine Ausstellung zum Reformationsgeschehen, die in höchst gelungener Weise komplexe Sachverhalte so darzustellen vermag, dass sowohl geschichtsferne Laien wie historisch Gebildete ihre Freude daran haben können.

Verschiedene Medien vermitteln, was man vom Leben um das Jahr 1500 weiß: An einem Tisch können die Gäste an einem Bildschirm Lebensmittel auf den virtuellen Teller der Bauernfamilie schieben. Viele bekommen ihre Bauern nicht satt – weil viele Lebensmittel um 1500 noch nicht zur Verfügung standen oder zumindest nicht im Bauernstand. Ein karges Leben für die überwiegende Mehrheit also – erschwert durch die Abgabenlast. Hier findet das Gemälde "Beim Steuereintreiber" von Jan Massys Verwendung. Die Hands-on-Station hat das Bild aus dem Jahr 1539 beweglich gemacht und ihm Stimmen verliehen, so dass man das Feilschen zwischen dem Paar der Eintreiber und den Zahlenden vorgespielt bekommt. Ein Panoramabild versetzt auf den Marktplatz von Augsburg, wo man die Gespräche von Marktfrau und Kunden, Ratsherren und Handwerkern mithören kann. Plastisch begrüßt der Nachbau eines zeitgenössischen Kunstwerks in der Abteilung über Glaubensvorstellungen der Zeit: Ein lebensgroßes Skelett reitet einen wehrlosen Löwen.

Unter den Exponaten, die aus ganz Europa zusammengesucht wurden, präsentieren sich viele an gewohntem Platz: Aus den Kunstsammlungen der Veste Coburg stammen etliche Werke von den Cranachs, Dürer und Grünewald. Dürers Stich "Ritter, Tod und Teufel" ist vergrößert und in Plexiglasschichten zerteilt zu sehen, so dass Details hervorgehoben werden können. Dass für den Menschen um 1500 Tod und Teufel schreckliche Realitäten waren, die Angst vor Fegefeuer und Hölle unermesslich gewesen sein muss und der Ablasshandel eine grandiose Geschäftsidee, versteht man ohne große Erklärung. Ein bewegtes Schaubild veranschaulicht, wie Fegefeuer, Himmel, Hölle und Jüngstes Gericht zusammenhängen.

Die Kernfigur der Ausstellung ist auf wohltuend schlichte Weise präsent: In den Räumen, die Luther auf der Veste Coburg bewohnte, und in seinen Äußerungen. Türen und Türstöcke sollen aus jener Zeit stammen. In den Türstock zur "Steinernen Kemenate" (dem späteren "Lutherzimmer") steht geschnitzt: "Da zu augspurg die confession wurd übergeben, thät martin luther still wirkend hier leben." Das erklärt, warum im Reigen der Reformationsfeierlichkeiten die Bayerische Landesausstellung mit von der Partie ist: Auch auf der Veste Coburg saß Martin Luther, übersetzte die Bibel, Äsop und schrieb – diese Phase gilt als eine der produktivsten in seinem Leben. Eigentlich war der Urheber der "95 Thesen gegen den Ablasshandel" auf dem Weg zum Augsburger Reichstag, wo über die strittigen Glaubenssachen auf höchster Reichsebene entschieden werden sollte. Da über den unter Kirchenbann stehenden Luther 1521 auch die Reichsacht verhängt worden war, schien es zu gefährlich, ihn in die Höhle des Löwen zu schicken. Man hatte warnende Beispiele: Jan Hus war während des Konstanzer Konzils auf dem Scheiterhaufen gelandet, obgleich ihm König Sigismund freies Geleit zugesichert hatte. Also hielt der Wettiner Johann der Beständige, der Kurfürst von Sachsen, dessen Einfluss gerade bis Coburg reichte, seine schützende Hand über ihn: Luther blieb als Gast auf der Veste Coburg, während Freunde auf dem Reichstag seine Sache verhandelten – ungeduldig, wie die drängenden Briefe Luthers zeigen. Eine unsichtbare Hand schreibt sie an die Wand. 172 Tage war er auf der Veste, mehrmals predigte er in der Morizkirche. Dort ist ein weiterer Teil der Landesausstellung zu sehen, der sich reformatorischem Kirchenbau und Kirchenmusik widmet.

Veste Coburg. Bis 5. November, täglich 9–18 Uhr.