Wolf und Schaf – eine vielschichtige Beziehung

Helmut Rothermel

Von Helmut Rothermel

Do, 10. Januar 2019

Waldkirch

Fünf Künstlerinnen nähern sich den Wild- und Weidetieren.

WALDKIRCH. Der Wolf ist in unsere zivilisierte Welt zurückgekehrt. Manche freuen sich darüber, andere ängstigt das Raubtier. Für Katharina Gehrmann, Christine Huss, Kerstin von Klein, Julia Krohm und Katja Wüstehube ist dies ein Anlass, sich in einer Gemeinschaftsausstellung mit dem Titel "gerissen" künstlerisch mit dem Jäger und seinen Opfern auseinanderzusetzen.

Dabei, so betonen sie, möchten sie die nahezu archetypische und häufig verkürzt dargestellte Schaf-Wolf-Thematik facettenreich präsentieren, sich ihrer metaphorischen, symbolischen und mythologischen Bedeutung aus ganz unterschiedlichen Perspektiven und mit einer Vielfalt an künstlerischen Techniken annähern. Die aktuelle Diskussion über den Umgang mit Wölfen stehe auch stellvertretend für Problemstellungen innerhalb der menschlichen Gesellschaft, gelten dort doch typisch wölfische Eigenschaften als vermeintliches Erfolgsrezept. Ambivalenz und Infragestellung gängiger Rollenklischees seien Stichworte, welche die mit einer Ausnahme alle aus dem Freiburger Raum kommenden Künstlerinnen zur Idee dieser Ausstellung beim Waldkircher Kunstforum motiviert hätten.

Katharina Gehrmann bezeichnet ihre grafischen Bildwelten als "Textbilder", in denen neben Wolf und Schaf auch andere Tiere porträtiert werden. Die kleinen Tuschezeichnungen aus der Bildreihe "Gefährliche Wildtiere" sollen an die dramatischen Beschreibungen in "Brehms Tierleben" erinnern. Dabei interessiert sich die Künstlerin für die den einzelnen Tierarten zugeschriebenen menschlichen Charaktereigenschaften sowie für deren Vereinnahmung, etwa im militärischen Bereich. So sind Leopard und Marder auch die Namen von Kampf- und Schützenpanzern, der Wolf repräsentiert den skrupellosen Turbokapitalisten. Auf größeren Bildern sind die Opfer des Wolfs dargestellt, aber Hirsch, Hase und Schaf haben hier selbst ein Raubtiergebiss. Ein Spiel mit der Opfer- und Täterrolle.

Julia Krohm verwendet für ihre Reliefs und Skulpturen meist Ton, Filz oder Pappmaché. Über einem Haufen von Schafswolle balanciert auf einem gespannten Seil ein einsamer Wolf. Als Seiltänzer ist er stets selbst in prekärer Lage und Gefahr, die Schnur wird an den Enden von Mistgabeln gehalten. Nicht zu übersehen ist die Sympathie der Künstlerin für das Tier. Ihre Werke zeigen Verehrung und Respekt vor der Kreatur und verweisen den Menschen in die Rolle eines Mitwesens, nicht des Herrn der Welt.

Christine Huss präsentiert in einem Raum ihre großformatigen, filigranen Scherenschnitte, in denen sich Wolf und Schaf gegenüberstehen. Die porträtierten Tiere blicken in Frontalsicht aus den Bildern heraus, der Betrachter scheint in einen Spiegel zu schauen. Er beginnt, sich selbst im tierischen Gegenüber zu hinterfragen.

Neue Ausstellung "gerissen" beim Kunstforum

Kerstin von Klein arbeitet mit ihren Schwarz-Weiß-Fotografien in Serien. Sie variiert das Motiv eines Weidezaunes, in dem sich Wollreste verfangen haben. Die Bilder wirken poetisch und lassen dem Betrachter Freiraum zur Assoziation. Haar und Draht ergeben einen Kontrast aus Zartheit und Unnachgiebigkeit, thematisieren Fragen wie Freiheit, Gefangenschaft und Schutz.

Bei der Installation "Insomnia oder Schlaflos" hat die Künstlerin Katja Wüstehube "ausgeweidete" Plüschschafe aneinandergenäht. Die traurige Herde weckt in ihren tragisch-komischen Zügen Assoziationen an einen Bettvorleger und das "Schäfchenzählen" des Ruhelosen und keinen Schlaf Findenden. In einer weiteren Installation sind 24 kleine, im Lauf der Zeit auf Flohmärkten erstandene Wolfsfiguren zu sehen.

Im ersten Zimmer der Ausstellung werden Werke aller fünf Künstlerinnen gezeigt. In der Mitte des Raums ist auf einem Klappbock ein Fleischwolf befestigt, aus dem Papierstreifen quellen. Mit dem Begriff "Fleischwolf" scheint der Mensch seine eigene Lust und Gier auf den Verzehr von toten Lebewesen dem Tier in die Schuhe zu schieben.

Info: Die Ausstellung "gerissen" ist vom 13. Januar bis zum 17. Februar in den Räumen des GeorgScholzHaus-Kunstforums in der Schlettstadtallee 9 zu sehen. Ausstellungseröffnung ist am Sonntag, 13. Januar, um 11 Uhr. Am Montag, 21. Januar, 20 Uhr, findet ein Kunstgespräch mit den Künstlerinnen statt. Mehr Infos: http://www.georg-scholz-haus.de