Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

13. September 2017 00:00 Uhr

Abschuss

Die Stadt Frankfurt macht Jagd auf Gänse

Nilgänse verbreiten sich am Rhein rasant und sind auch schon in Südbaden angekommen. In Frankfurt weiß man sich gegen die zugewanderte Art nicht mehr anders zu helfen, als die Tiere zu jagen.

  1. Sie kann beruhigt weiterschwimmen: Nilgans im Nicht-Schwimmer-Becken eines Frankfurter Freibads Foto: dpa

Nilgänse verbreiten sich am Rhein und seinen Zuflüssen rasant und sind auch schon in Südbaden angekommen. In Frankfurt weiß man sich gegen die zugewanderte Art nicht mehr anders zu helfen, als die Tiere zu jagen.

Aus Sorge um die Gesundheit ihrer Bürger macht die Stadt Frankfurt ab sofort Jagd auf Nilgänse. Die zugewanderte Art hat sich so rasant vermehrt, dass inzwischen Scharen der Gänse die Rasenflächen am Main, Parks aber auch Freibäder bevölkern. Seit Jahren schon versucht die Stadt vergeblich, die Tiere mit vergleichsweise humanen Mitteln zu vergrämen.

Akuten Handlungsbedarf sieht der Frankfurter Magistrat, seitdem kürzlich in Kotproben der Nilgänse Salmonellen-Erreger gefunden wurden. Gerade für Säuglinge und Kleinkinder kann der Kontakt mit den tierischen Hinterlassenschaften lebensgefährlich sein. Daher hat die Stadt eine Ausnahmegenehmigung für den Abschuss von Nilgänsen erteilt – zunächst allerdings nur in Freibädern. Die Beschränkung hat politische Gründe. Frankfurts Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne), zuständig für die Grünflächen der Stadt, wollte offenbar nicht diejenige sein, die das Töten der Nilgänse zu verantworten hat. Also wechselte das Thema zu Sportdezernent Markus Frank (CDU), dem alle Schwimmbäder unterstehen. Im Frankfurter Brentanobad, mit acht Hektar Liegewiese eines der größten Freibäder Europas, soll nun die Gänsejagd beginnen. Ob das Problem gelöst wird, wird sich zeigen.

Werbung


"Wenn die ersten beiden Schüsse gefallen sind und zwei Gänse tot am Boden liegen, werden die anderen Tiere Reißaus nehmen", ist Berufsjäger Axel Seidemann überzeugt. Zur Jagd werde er ein hellblaues Bademeister-T-Shirt anlegen, damit die Nilgänse das Personal künftig als Bedrohung wahrnähmen. Schießen wird Seidemann auf Jungtiere, so verlangt es das Jagdrecht. Geht der Plan des Jägers auf, werden die führenden Alttiere, an denen sich der Nachwuchs orientiert, das Freibad in Zukunft meiden.

Noch grasen im Brentanobad an manchen Abenden bis zu 100 Nilgänse. "Während der Freibadsaison sind dann fünf Mitarbeiter damit beschäftigt, morgens möglichst jeden einzelnen Kothaufen einzusammeln, was unmöglich ist", berichtet Seidemann. Im Auftrag der Stadt habe er in den vergangenen drei Jahren schon alles Erdenkliche ausprobiert, um die Nilgänse zu verjagen. Doch vom Besuch mit seinem Jagdhund und der Beschallung mit Greifvogelstimmen hätten sich nur die einheimischen Graugänse nachhaltig vertreiben lassen – nicht aber die Nilgänse.

"Die Tiere haben keine große Scheu und fühlen sich in unseren Parks und Freibädern wohl, weil sie dort von Menschen gefüttert werden", sagt Volker Bannert, Vorsitzender des Naturschutzbundes (Nabu) in Frankfurt. "Das Problem haben wir Menschen uns selbst eingebrockt." Statt Nilgänse abzuschießen, plädiert der Ornithologe dafür, das Fütterungsverbot konsequent durchzusetzen und zur Not Ordnungsstrafen zu verhängen. Die Zahl der Nilgänse schätzt Bannert allein in Hessen auf mehr als 10 000. Die Art stammt ursprünglich aus Afrika, wo sie heute überwiegend in Savannensümpfen und an den Flussläufen Ostafrikas lebt. In Europa wurden die Tiere wegen ihres hübschen Gefieders zwar seit dem 18. Jahrhundert als Ziergeflügel gehalten – in überschaubarer Zahl. Dass die Nilgans freilebend nach Deutschland gelangen konnte, soll auf Exemplare zurückgehen, die in den Siebzigerjahren in den Niederlanden ausgesetzt wurden oder entflogen sind. Seitdem verbreitete sich vor allem entlang des Rheins und seinen Zuflüssen. Mit ihrem aggressiven Verhalten verdrängt sie heimische Tiere zum Beispiel in Mannheim, Frankfurt und Koblenz. Die Stadt am Deutschen Eck verscheucht die Tiere mit Drohnen.

Laut der Fachschaft für Ornithologie am südlichen Oberrhein (Fosor), die zum Nabu gehört, gibt es vereinzelte Nilganspaare im Schutter- und im Kinzigtal sowie an Südbadens großen Baggerseen, etwa in Freiburg-Opfingen oder im Brei- sacher Ortsteil Niederrimsingen.

"Noch treten die Nilgänse bei uns nicht invasiv auf, aber es ist nicht ausgeschlossen, dass das noch passiert", sagt Fosor-Vorstandsmitglied Helmut Opitz aus Seelbach. Anders als die meisten Entenarten sei die Nilgans kaum störungsempfindlich und anspruchslos, was den Lebensraum betrifft. Darum vermehre sie sich so erfolgreich.

Ob die Jagd auf die Nilgänse in Frankfurt bald auch auf die Parks der Stadt und das Mainufer ausgedehnt wird, ist noch offen. Nabu-Chef Bannert will das verhindern. Anfang Oktober soll es einen Gesprächskreis geben mit Nabu und Vogelschutzwarte und Umweltdezernentin Heilig. Solange leben die Frankfurter Nilgänse nur in Freibädern gefährlich.

Autor: Arne Bensiek