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13. Januar 2010 22:19 Uhr
Armenviertel
Haiti: Die Angst ist ein Mitbewohner
In den Armenvierteln von Port-au-Prince ist die Bausubstanz der Häuser katastrophal. Ein Erdbeben richtet hier schlimmere Schäden an als anderswo.
In der Häuserzeile im Stadtteil Pétionville in Port-au-Prince klafft ein großes Loch. Die Trümmer sind noch nicht vollständig weggeräumt, an der Wand lehnt ein Kranz aus Plastikrosen, Menschen kommen vorbei, zünden Kerzen an, beten. Vor etwas mehr als zwölf Monaten stand hier noch eine Schule, im November 2008 sackte sie in sich zusammen. 94 Kinder und Lehrer starben an einem ganz normalen Schultag. Viele der Leichen sind bis heute nicht geborgen, sie liegen noch unter den Trümmern. Die Schule war ein Betonbau, sie war eines der besseren Häuser. Morgens um 10 Uhr stürzten die Mauern ohne jegliche Einwirkung von außen ein. Der Besuch in Pétionville liegt erst wenige Wochen zurück.
Die Bausubstanz der meisten Häuser in der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince ist katastrophal, Einstürze nichts ungewöhnliches. Die Angst ist ein ständiger Mitbewohner der Einwohner von Haitis Hauptstadt. Bei jedem Zittern der Erde geraten die Menschen in Panik, rennen aus den Häusern, weil sie vermuten, dass diese über ihnen zusammenstürzen könnten.
Haiti ist das ärmste Land der westlichen Hemisphäre. In Port-au-Prince wohnen die meisten armen Familien in kleinen Hütten aus Stein, Beton oder Wellblech, die sich ineinander verschachtelt auf engstem Raum an den steilen Hängen drängeln – ohne Baugenehmigung und statische Berechnungen errichtet. Oft wohnen in einer Zehn-Quadratmeter-Hütte sieben Menschen, teilen sich ein Bett. Strom gibt es nicht, das Wasser müssen die Kinder in Plastikeimern vom Brunnen im Tal holen.
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Die Häuser gehören meist reichen Exil-Haitianern, die bis zu 100 US-Dollar im Quartal für die Unterkünfte verlangen. Um mehr Gewinn machen zu können, werden die Häuser aufgestockt und um abenteuerliche Anbauten ergänzt. Da Stahl teuer ist, wird er nur selten zur zusätzlichen Stabilisierung der Konstruktionen verwendet. Beim Bau großer, öffentlicher Gebäude blüht die Korruption, eine gewissenhafte Bauabnahme gibt es nicht.
Im Stadtteil Carrefour, unweit des Epizentrums des Erdbebens, gibt es kaum Straßen. Viele Quartiere sind nur über Hunderte von Treppenstufen zu erreichen, es ist eng und unübersichtlich. "Es wird für die Helfer sehr schwer werden, diese Gebiete überhaupt zu erreichen", befürchtet Michael Huhn, Haiti-Experte bei Adveniat, dem Hilfswerk der katholischen Kirche. Zudem gibt es kein funktionierendes Gesundheitssystem. Es gibt kaum Ärzte und Krankenwagen. Beim Einsturz der Schule in Pétionville dauerte es Stunden, bis die Opfer versorgt wurden. Viele Kinder starben, weil die Hilfe zu spät kam. "Damals waren die Hilfsaktionen schon ein reines Chaos. Ohne fremde Unterstützung werden sie es nicht schaffen", sagt Huhn. "Die Not war schon vor dem Erdbeben unerträglich."
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Autor: Gaby Herzog
