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15. Mai 2009

"Heilende Handgranaten" in Stausee geworfen

Deutscher Esoteriker sitzt seit Wochen in Mosambik in Haft

MAPUTO. Mosambikanische Zeitungen berichteten von dem ungeheuerlichen Vorfall auf der Titelseite. Am Cahora-Bassa-Stausee seien vier Männer festgenommen worden, die einen Sabotageanschlag auf einen der größten Staudämme der Welt verüben wollten, teilte ein Polizeisprecher mit: Man habe die Täter dabei erwischt, wie sie Substanzen ins Wasser warfen, die den Beton der Staumauer zersetzen sollten. Falls die 165 Meter hohe Mauer tatsächlich bersten würde, könnten Hunderttausende flussabwärts lebender Menschen ertrinken, weiß man. Und der Gipfel der Ungeheuerlichkeit: bei den Verhafteten handelt es sich um Ausländer, zwei von ihnen Weiße aus Europa, einer aus Deutschland.

Später stellt sich heraus, dass der Deutsche Georg Ritschl heißt. Ein dem Verfasser dieser Zeilen persönlich bekannter, durchaus netter und hochintelligenter Bursche, der allerdings ein wenig aus der Spur der Konvention geraten ist. Jedenfalls wandte sich Ritschl, nachdem sein Berliner Architektenbüro im Abschwung Ost pleite ging, in seinem südafrikanischen Zufluchtsort einer Art atmosphärischer Esoterik zu: Er widmete sich der Wilhelm Reichschen Lehre von den "Orgonen" und bastelte an "Orgon-Haubitzen", die die Atmosphäre von negativer Energie befreien sollen. Zweifellos sucht Ritschl mit seinen orgonomischen Regenmachern und Gleichstromgerätchen namens "Zappern", die angeblich neben Krebs auch Aids heilen können, seinen Lebensunterhalt zu sichern. Wer allerdings argwöhnt, dass es dem "Orgon-Kämpfer" bloß auf den schnellen Euro ankommt, liegt falsch: Die Orgoner haben auch höhere Ziele. Sie wollen die Welt vom Schmutz der negativen Energie reinigen und brechen deshalb regelmäßig zu Orgon-Safaris auf.

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Ihr Ziel sind Orte von besonders mieser Energie – ehemalige Schlachtfelder, Mobilfunktransmitter und eben auch Stauseen, die einst millionenfaches Leben ertränkten. Zur Reinigung werden "Tower Buster" ausgelegt, in Ritschls Küche aus Kunstharz und Metallspänen gebackene Halbkugeln. 170 solcher "heilender Handgranaten" warfen Ritschl und Co. ins Wasser des Cahora-Bassa-Damms, was Augenzeugen spanisch vorkam: Sie riefen die Polizei. Nun muss man kein Analytiker der afrikanischen Psyche sein, um die Brisanz des Vorfalls zu erahnen: Zwei Weiße, von denen einer auch noch aus Portugal, der einstigen Kolonialmacht Mosambiks, stammt, machen sich an der Achillesferse des Landes, dem Staudamm, zu schaffen – da muss was ganz Übles im Schwange sein.

Nun sitzen die vier Orgoner im Knast – und zwar schon seit mehr als drei Wochen. Gefängnisse sind in diesen Breitengraden Orte von ganz besonders negativer Energie: Selbst ein "Orgon-Kämpfer" kann nicht sicher sein, dass er einen solchen Aufenthalt auf Dauer überlebt. Die deutsche Botschaft steht auf dem Standpunkt, dass sie erst einmal den Abschluss der Ermittlungen abwarten muss, um sich intervenierend einschalten zu können – das allerdings kann sich über Monate hinziehen. Erst einmal hat die mosambikanische Staatsanwaltschaft Proben der "Tower Busters" nach Südafrika gesandt: Dort soll untersucht werden, ob es sich tatsächlich um harmlose, in Kunstharz gegossene Metallspäne handelt.

Autor: Johannes Dieterich