Führungen an Londons stille Örtchen

Klogang mit WC-App

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Von dpa

So, 18. November 2018 um 19:07 Uhr

Panorama

In London gibt es immer weniger öffentliche Toiletten. Bei Führungen durch die Stadt kann man den stillen Örtchen jetzt einen Besuch abstatten – und dabei auch viel über Londons Kanalisation erfahren.

LONDON (dpa). Im Schnitt verbringt jeder Mensch zwischen eineinhalb und drei Jahren auf dem Klo. Doch Rachel Cole-Wilkin bringt dort ihr halbes Leben zu. Die 29-Jährige zog vor sieben Jahren von San Francisco nach London, um Schauspiel zu studieren. Warum sie nach dem Abschluss blieb? Ihr liegen öffentliche Toiletten am Herzen. Eine Geschichte zum heutigen Weltklotag.

Rachel bietet seit 2012 in London die "Loo Tours" an, Führungen zu stillen Örtchen. Ihr Erkennungszeichen am Treffpunkt ist eine Saugglocke. Hoch erhobenen Pömpels zieht sie durch die britische Hauptstadt, gekleidet in regenbogenfarbene Ringelsocken, im Schlepptau Menschen, die mehr über Toiletten und die Londoner Kanalisation lernen wollen.

In den USA seien öffentliche Toiletten kostenlos, erzählt Rachel. Bei den Briten nicht: Die verlangen umgerechnet oft mehr als 50 Cent pro Klogang. Zu müssen ist aber nun mal ein menschliches Grundbedürfnis, dafür Geld zu verlangen, sei falsch, meint sie. Also nahm sie sich vor, jede kostenfreie Toilette der Stadt aufzuspüren. Daraus entwickelte sich ein Interesse für die Geschichte der Toilette und die Idee, dazu Führungen anzubieten.

Rachels Tour führt von der Waterloo Station über die Themse bis nach Covent Garden. Gestoppt wird auch am "Jubiloo", dem wohl patriotischsten Klo der Stadt, direkt neben dem Riesenrad London Eye. Ein Architekt hat das Häuschen entworfen, gespült wird mit Regenwasser. Die Queen lächelt von den Wänden, der Union Jack ist auf den Klodeckeln, Mülleimern und Spiegeln. Das Jubiloo ist Rachels Lieblingsklo – und das, obwohl man bezahlen muss. Dafür ist der Service entsprechend: Nach jedem Gast wird die vaterländische Schüssel einmal abgewischt. Das Klohäuschen könnte allerdings bald verschwunden sein, der Mietvertrag läuft aus.

Die British Toilet Association (BTA) schätzt, dass es in Großbritannien 40 Prozent weniger öffentliche Toiletten gibt als noch vor zehn Jahren. Das liegt vor allem daran, dass die Regierung seit 2011 den Kommunen weniger Geld zur Verfügung stellt. "Dadurch können die sich den Betrieb der Toiletten nicht mehr leisten", sagt Raymond Martin, Geschäftsführer der BTA. Auch in Deutschland sinkt die Zahl der öffentlichen Toiletten. In Berlin gibt es nach Angaben von Umweltsenatorin Regine Günther nur noch rund 250 Anlagen.

Damit man in Großbritannien die Toiletten, die übrig sind, auch findet, haben Rachel und die BTA geholfen, eine Online-Karte für Klos zu erstellen. Für Londons Zentrum gibt es mittlerweile sogar eine App, die auf Waschräume hinweist. Auch das Jubiloo lässt sich so finden.

Von dort führt die "Loo Tour" weiter Richtung Norden, der nächste Halt ist auf der Golden Jubilee Bridge mitten über der Themse – dem größten Klo Londons. Jedes Jahr fließen etwa 40 Millionen Kubikmeter Abwasser in den Fluss. Das liegt daran, dass Londons Kanalisation alt ist. Zu alt. 1865 wurde das System fertiggestellt, die beiden Hauptkanäle verlaufen unterirdisch am Ufer der Themse und sind auf die Bevölkerung Londons vor über 150 Jahren ausgelegt. Damals lebten etwa zwei Millionen Menschen in der Stadt. Mittlerweile kratzt die Metropole an der Neun-Millionen-Marke. Mehr Menschen machen mehr Dreck.

Nur wohin damit, das wusste in London lange keiner. Was die Kanalisation nicht packt, wird in den Fluss gekippt. Dass es sich hierbei um keine Ideallösung handelt, merkte man Anfang der 2000er. Gegenüber des London Eye entsteht deswegen gerade eine Art Überlaufbecken in der Themse, das den Schmutz auffangen soll. In sechs Jahren will man mit dem Bau fertig sein. Bis dann rauschen jede Woche weiterhin etwa 300 olympische Schwimmbecken ungeklärtes Abwasser den Fluss hinab. Als die Briten zuletzt so mit der Themse umgingen, verursachten sie "The Great Stink", den großen Gestank. Durch eine Hitzewelle im Sommer 1858 stank der Fluss so unerträglich, dass die Vorhänge im Parlament in Kalziumchlorid getränkt wurden, um den Geruch zu überdecken. Man überlegte, die Gerichtshöfe nach Oxford zu verlegen. Der Bau der Kanalisation wurde von der Regierung in nur zwei Wochen beschlossen.

Die "Loo Tour" führt weiter Richtung Savoy Hotel, hinter dem Gebäude steht Londons letzte Straßenlaterne, die noch mit Methan aus den Abwasserkanälen betrieben wird. Etwas Gutes hat das jahrhundertealte System doch.