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21. April 2017 00:00 Uhr

Kolumbien

Medellín kämpft gegen schlechtes Image – erfolgreich

Seit dem Tod von Kokainbaron Pablo Escobar vor 23 Jahren hat Medellín einige Zeit gebraucht, vom Image der "Mordhauptstadt" wegzukommen – nun ist sie zum Vorbild geworden.

  1. Das neue Medellín: Kunst statt Kokain Foto: dpa

Es ist unvermeidlich: Diese Geschichte muss beim alten Medellín beginnen. Federico Arrollave fegt das schwarz-weiße Steinmosaik, das das Grab von Pablo Escobar umrandet. Seit der Tötung des mächtigsten Kokainbarons der Welt, im Dezember 1993, pflegt der 68-Jährige das Grab. Die Pflege wird heute bezahlt von "Popeye", der für Escobar mindestens 250 Menschen persönlich tötete, nach 23 Jahren Gefängnis wieder frei ist – und im nächsten Jahr Senator werden will.

"Er hat Häuser gebaut, jede Woche Milchlieferungen in die armen Barrios geschickt, es gibt viele, die ihm nachtrauern", sagt Arrollave. Auch bei ihm ist eine gewisse Bewunderung zu spüren für den Escobar, den sie "El Patrón" nannten, der mit dem Schmuggel von Drogen zu einem der reichsten Männer der Welt wurde.

Touristen machen Fotos, das Grab ist eine der Attraktionen in Medellín, der zweitgrößten Stadt Kolumbiens. Und das nicht erst seit der Netflix-Serie "Narcos" über Escobars Leben. Im von Escobar finanzierten Armenviertel, das bis heute seinen Namen trägt, werden Kaffeetassen mit einem Bild seiner Hochzeit verkauft. Jüngst kiffte hier am Grab der US-Gangsterrapper Wiz Khalifa, der die Bilder als Hommage an Escobar postete. Das wiederum brachte den Vertreter des anderen, des neuen Medellín auf die Palme, Bürgermeister Federico Gutiérrez. "Dieser Typ hat nicht die Gewalt der Drogenhändler erleiden müssen." Das sei eine Schande, er solle lieber den Opfern Blumen bringen, wetterte er. Ein paar Tage später verkündete er etwas, das aus seiner Sicht das neue Medellín ist: "Der März war der Monat mit den wenigsten Morden in 38 Jahren. Die Aufgabe geht weiter, es fehlt noch viel."

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Ein Slogan der Millionenstadt lautet: "Medellín es un orgullo para el mundo." "Medellín ist ein Stolz für die Welt." In der Vitrine im Rathaus steht der Preis für die Stadt des Jahres 2013. Seilbahnen und Rolltreppen wurden gebaut, um die Armenviertel besser an den Verkehr anzuschließen, im Gegensatz zur Hauptstadt Bogotá gibt es eine Metro. Es wurde massiv in Bibliotheken und öffentliche Plätze investiert. Wo früher geschossen wurde, schauen sich die Bürger an der frischen Luft Fotoausstellungen an. Oder sie genießen die durch überproportionale Proportionen glänzenden Skulpturen des Bildhauers Fernando Botero. Fast überall lockt kostenloses Internet, ebenso ein Radleihsystem.

Es geht um Gemeinsinn, Teilhabe der Armen, um Fußballplätze und Stipendien. Es geht um einen Brückenschlag zu den lange Vernachlässigten, statt – wie in anderen Städten Lateinamerikas – die Favelas und Villas als Hort der Gewalt und des Drogenhandels sich selbst zu überlassen. Ein Fordern und Fördern. Die Stadt exportiert das Modell, um Geld damit zu verdienen. Für 400 000 Dollar hilft die städtische Firma für urbane Entwicklung (EDU) nun Paraguay bei der Integration von Armenvierteln.

Längst ist nicht alles gut: Die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch, insgesamt liegt die Quote bei mehr als zehn Prozent. Die einstige "Mordhauptstadt" zählt rund 350 Morde im Jahr, was 20 Morden je 100 000 Einwohner entspricht – nur noch, möchte man fast sagen, vergleicht man die Zahlen mit jenen der 90er Jahre: 1991 waren es 7273 Morde, was 266 Morden je 100 000 Einwohnern entsprach. Es gibt Porsche-Läden, eine quicklebendige Radszene, Galerien, schicke Bars. Die Zahl der Touristen stieg 2016 auf fünf Millionen.

Bürgermeister Gutiérrez setzt auf das Motto "Cuenta con vos", "Man zählt auf Dich". Besonders gefördert werden Menschen mit Behinderung, Frauen, die Opfer von Prostitution waren, ehemalige Straßenkinder, Opfer der Drogenkriege. Was diese "Inclusión social" heißt, erfährt man, wenn man mit Marisol Martínez spricht. Sie kommt aus dem einst täglich von Morden erschütterten Armenviertel Comuna 13. Nun steht sie an einem Stand im Rathaus von Medellín und verkauft Fruchtsäfte. Sie hat sich mit acht Mitarbeitern auf die Herstellung von Fruchtkonzentrat aus Mangos, Ananas, Trauben und Guanabánas spezialisiert. Die Stadt finanziert für solche Projekte Kurse zur Rechnungsführung und zur Verwaltung der Miniunternehmen.

"Hier können wir für unsere Produkte werben", erzählt Martínez. Die große Eingangshalle ist ein Markt der Möglichkeiten. Über die Escobar-Zeit will die 43-Jährige nicht sprechen. In ihrer Stimme schwingt so etwas wie Stolz mit. Stolz auf das neue Medellín, das seinen berühmtesten Toten endgültig vergessen will.

Autor: dpa