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10. Oktober 2009 00:03 Uhr
Wörterbuch
Neuer Duden für Jugendsprache
Sind Sie ein Fruppie? Vielleicht, weil Sie so gepsycht sind, dass Sie es nicht einmal mehr ins Münzmallorca schaffen? Sie verstehen kein Wort? Dann ist es Zeit für das neue Szene-Wörterbuch.
FREIBURG. Ein neues Szene-Wörterbuch soll einen Überblick über Jugend-, Internet- und Fachsprachen geben. Ein Germanistik-Professor glaubt allerdings, dass viele der Wörter gar nicht existieren.
Sind Sie ein Fruppie? Vielleicht, weil Sie so gepsycht sind, dass Sie es nicht einmal mehr ins Münzmallorca schaffen? Oder weil sie, sagen wir mal, höchstens drölf Mal Casual Sex hatten, gerne ein Bobo wären, aber doch stets ein Knowbie blieben? Machen Sie sich nichts draus, sondern lieber einen Druffi aus sich. Ein paar andere MoFs werden dann schon auf Sie abflashen.Kein Wort verstanden? Dann sind Sie womöglich gar kein frustrierter Yuppie, der vor lauter Stress den Solariumsbesuch verpasst, dem unverbindliche Liebschaften in unbekannter Zahl gleichgültig sind und der weder dem lebenslustigen Bürgertum angehört, noch als ewiger Besserwisser gilt. Wenn das so ist, bedürfen Sie sicher auch keiner Drogen, um andere Menschen ohne Freunde maßlos für sich zu begeistern.
Vor allem aber ziehen Sie offenbar nicht mit Jugendlichen um die Häuser. Die reden nämlich heute so, meint zumindest der Duden-Verlag. Und hat jetzt ein "Neues Wörterbuch der Szenesprachen" herausgebracht. Auf 204 Seiten erklärt es etwa 700 Begriffe aus dem Party- und Freizeitleben Jugendlicher, aus der Welt des Internets, aber auch aus dem Berufsleben oder den Medien.
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Ob indes wirklich irgendjemand so spricht, ist zu bezweifeln. "Fruppie oder Drölf sind Wortkreuzungen", erklärt Peter Schlobinski, Germanistikprofessor an der Universität Hannover. "Aber solche Wörter sind in der Jugendsprache absolut bedeutungslos. Da wird eine Fiktion von Jugendsprache aufgebaut, die mit der Realität nichts zu tun hat." Auch in einzelnen Szenen seien solche Wortschöpfungen sicher nicht verbreitet.
Dass Jugendliche einander beispielsweise zuriefen, sie gingen nun ins Münzmallorca, hält Schlobinski ebenfalls für Quatsch. "Bei solchen Wörterbüchern ist der Anteil der Begriffe, die Jugendliche nicht einmal kennen, geschweige denn aktiv gebrauchen, sehr hoch ist." Das gelte auch für die Lexika anderer Verlage.
Andere Wörter haben schon eine gewissen Verbreitung erlangt. Zum Beispiel Fremdschämen als Begriff für das peinliche Gefühl, jemandem bei einer Blamage zuzusehen,die er selbst nicht bemerkt. Oder Vorglühen, einst das Aufheizen kalter Dieselmotoren vor dem Start, heute das Alkoholisieren junger Menschen vor der Party. Auch hier hat Schlobinski allerdings Zweifel: "Diese Wörter sind zwar nicht so exotisch und machen Sinn, aber dass sie wirklich verbreitet sind, muss erstmal einer bewiesen."
Die Einträge im Szene-Wörterbuch hat die Duden-Redaktion über ein sogenanntes Wiki gesammelt, eine interaktive Internetseite also, auf der die Nutzer selbst Vorschläge machen können. So könnten allerdings auch Auisdrücke ins Lexikon rutschen, die praktisch kein Jugendlicher je verwendet. Angelika Böhm vom Duden Verlag glaubt das aber nicht: "Voraussetzung für die Aufnahme in das Wörterbuch ist, dass die Begriffe eine gewisse Verbreitung haben." Wenn das nicht der Fall sei, würden die Ausdrücke auch wieder aussortiert.
Manche Wörter, zum Beispiel aus der Internet-Sprache, sind dagegen unstrittig. So adden zum Beispiel Nutzer sozialer Netzwerke wie Facebook neue Kontakte, statt sie hinzufügen. Kein Zufall: "Das ist Fachsprache", sagt Schlobinski. Die Technik komme aus meist den USA. Statt deutsche Übersetzungen zu suchen, werde das englische Wort einfach ins Deutsche eingebaut. Ähnlich auch der Recall, die zweite Einladung vor eine Jury also – das Wort ist durch die zahlreichen Casting-Shows weithin bekannt.
Die wenigsten der Begriffe haben jedoch eine Chance, langfristig in die Standardsprache einzudringen. Bis auf wenige Wörter wie cool oder geil, die inzwischen bei fast allen Altersgruppen etabliert sind, verschwindet Szene-Wortschatz meist ebenso schnell, wie er gekommen ist.
Autor: Sebastian Kretz
