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13. Januar 2010 22:16 Uhr
Haiti
Port-au-Prince: Eine Stadt versinkt in einer Schutthalde
In nur einer Minute hat ein Erdbeben große Teile von Porte-au-Prince zerstört und unzählige Menschenleben gefordert. Doch über die Lage auf dem Land ist wenig bekannt.
Es dauerte nur eine Minute, dann lag Port-au-Prince in Trümmern. Wie sehr, das kann derzeit niemand mit Bestimmtheit sagen, denn nicht nur Häuser stürzten ein, auch das Kommunikationsnetz brach zusammen. Telefonleitungen sind zerstört, Stromkabel gerissen oder durch Kurzschluss zum Erliegen gekommen, Elektrizitätswerke zerstört. Nur tröpfchenweise dringen seither Informationen aus dem Armenhaus der Karibik an die Öffentlichkeit. Und die Zahl der Satellitentelefone auf Haiti ist sehr klein.
Eine Minute nur bebte die Erde, mit der Stärke 7,3 war es ein gewaltiges Beben, aber es gab schon kräftigere Erdstöße. Doch ein Journalistenkollege des haitianischen Senders Haitipal berichtet am Telefon, dass unzählige Gebäude eingestürzt sind. Er beschreibt, was er weiß und sieht: Ein Teil des Präsidentenpalastes ist zerstört, ein Krankenhaus, Ministerien und eine Schule. Beschädigt seien auch das Parlamentsgebäude, die Kathedrale und der Sitz der UN-Stabilisierungstruppe Minustah. Bei der UNO-Mission sind rund 7000 Soldaten beschäftigt, dazu 2000 zivile Mitarbeiter. Viele Menschen seien unter den Trümmern begraben, sagt der Kollege. Was er nicht sieht, sind die Orte außerhalb des Zentrums, die er nicht besuchen kann. Die niemand besucht. Dort, wo die Wohnhäuser stehen.
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Es ist exakt 16.53 Uhr Ortszeit, als das Beben beginnt, um 17 Uhr liegt eine dichte Staubwolke über der Stadt. Ein Mitarbeiter des US-Landwirtschaftsministeriums berichtet, die Menschen seien in Panik auf die Straßen gerannt, überall blockierten Trümmer die Wege. "Ich war auf dem Weg in mein Hotel, als die Erde zu brummen und zu beben begann und ich gegen eine Mauer geschleudert wurde", sagt Henry Bahn. "Wir rechnen mit Tausenden von Toten", sagt Karel Zelenka, der Repräsentant einer US-amerikanischen, katholischen Hilfsorganisation in Port-au-Prince. Dann bricht die Telefonleitung zusammen. "Das Stadtzentrum wurde zerstört, es herrscht ein Chaos, überall ist Wehklagen zu hören", berichtet ein anderer Augenzeuge.
Blutüberströmte Menschen laufen voller Panik auf die Straßen. "Das ist das Ende der Welt", sagt eine völlig geschockte junge Frau, die das Erdbeben von einem Hügel aus sah. Über Stunden gibt es kein Durchkommen in der Stadt, ganze Quartiere sind völlig unzugänglich. Auf den staubigen Straßen von Port-au-Prince werden die blutenden Menschen notdürftig versorgt. Es herrscht das Chaos. Verlässliche Angaben über Tote und Verletzte sind nicht zu bekommen. Allein beim Einsturz des Luxushotels Montana könnten nach ersten Angaben 200 Menschen ums Leben gekommen sein.
Seismologen zählen mehr als 20 zum Teil heftige Nachbeben. Immer wieder zittert die Erde, wieder stürzen Häuser ein, auch mehrstöckige, wieder werden Menschen unter den Trümmern begraben, wieder bricht Panik aus. In stockdunkler Nacht graben Überlebende verzweifelt mit den bloßen Händen in den Trümmern, um Verschüttete zu befreien. Auch als wenige Stunden nach dem Erdbeben die Dunkelheit in Haiti anbricht, bleiben die Menschen auf den Straßen.
Auf einem der wenigen Fernsehbilder, die aus dem Land übertragen werden konnten, ist ein Mann zu sehen, der vor Schmerzen schreit. Er steckt fest, sein linkes Bein ist von Trümmern eingeklemmt, Helfer versuchen ihn freizubekommen. "Ein Albtraum", berichtet ein Haitianer via Skype. "Die Mauern sind überall zusammengestürzt. Ich bin um mein Leben gelaufen. Menschen schrien: Jesus! Jesus! Es war völlig irreal. Völlig abgedreht. Ich bin aus meinem Hotelzimmer gelaufen, und die Mauer ist direkt neben mir zusammengebrochen", berichtet der Fotograf Ivanoh Demers dem kanadischen Online-Magazin cyberpresse.ca.
Informationen aus dem Landesinnern gibt es praktisch nicht. Der neun Millionen Einwohner zählende Karibikstaat ist das ärmste Land der westlichen Hemisphäre, rund 80 Prozent der Bevölkerung leben in bitterer Armut. Nach Schätzungen des Roten Kreuzes sind drei Millionen Einwohner von dem Erdbeben betroffen, also rund ein Drittel der Gesamtbevölkerung Haitis. Bei den schweren Wirbelstürmen des Jahres 2008 wurde die ohnehin bescheidene Infrastruktur des Landes schwer beschädigt, nur ein Teil konnte seither wiederaufgebaut werden. Allein zwischen 2004 und 2008 starben bei Hurrikans und Überschwemmungen mehr als 5500 Menschen, etwa 1,1 Millionen Einwohner wurden bei diesen Naturkatastrophen obdachlos.
Es ist nicht das erste Beben in Haiti, aber es ist das schwerste seit 150 Jahren. Haiti befindet sich nahe einer gefährlichen Erdspalte. Daher haben Geologen schon lange vor einem schweren Beben gewarnt. Aber die Menschen kämpfen ohnehin täglich mit dem Überleben, der Staat ist in normalen Zeiten kaum handlungsfähig und überfordert. Das wird erst recht für die Ausnahmesituation gelten, vor der das Land nun steht.
Raymond Alcide Joseph, der Botschafter Haitis in den USA, sprach von einer Katastrophe biblischen Ausmaßes. Sein leidgeplagtes Land habe aber schon oft solche Katastrophen gemeistert: "Die tapferen Haitianer werden das vereint durchstehen." Zugleich appellierte er eindringlich an die Weltgemeinschaft, umgehend zu helfen. Nötig seien jetzt vor allem Lazarettschiffe zur medizinischen Betreuung der Verletzten. Nach seinen Angaben blieb Staatschef René Préval unversehrt. Dagegen soll der Beauftragte der UNO für Haiti, der Tunesier Hedi Annabi, beim Einsturz des UN-Quartiers verschüttet worden sein. Zahlreiche Mitarbeiter der Mission Minustah würden noch vermisst. Am Mittwoch meldeten mehrere Staaten, die an der Mission beteiligt sind, Todesopfer unter ihren Soldaten – darunter China und Brasilien.
Zahlreiche Länder, unter ihnen auch Deutschland, die USA und viele lateinamerikanische Staaten sagten schon am Mittwoch umfangreiche Soforthilfen in Millionen-Höhe zu. Die hat das Land bitter nötig, denn die Wirtschaft in dem Neun-Millionen-Einwohner-Land liegt am Boden. In den USA liefen noch in der Nacht die Vorbereitungen für Hilfstransporte an. Noch am Mittwoch sollten erste Schiffslieferungen auf den Weg gebracht werden.
Der Flughafen in Port-au-Prince war in der Nacht gesperrt. Erst am Tag sollte geprüft werden, ob die Start-und Landepisten durch das Beben beschädigt wurden.
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Autor: Sandra Weiss und unseren Agenturen
