Kesse Kunststoff-Kopie

Amt kennt keine Gnade für das Hirschplagiat im Wehratal

Markus Donner

Von Markus Donner

Di, 17. Januar 2017 um 12:26 Uhr

Buchenbach

In Südbaden lenken gleich zwei Hirsche die Blicke der Autofahrer auf sich, aber nur der im Höllental steht unter "Artenschutz". Warum muss der Hirsch im Wehratal im Kreis Waldshut wieder weg?

Stellen Sie sich vor, die New Yorker Freiheitsstatue stünde jetzt auch in Düsseldorf, der Schiefe Turm von Pisa auch in Staufen und der in London beheimatete "Big Ben" in Kirchzarten – in Kopie wohlbemerkt. Geht gar nicht, würde jeder dazu sagen. Das träfe auch für den röhrenden Hirsch im Höllental zu. Der markiert in der engen Schlucht entlang der B 31 den Zugang zum Hochschwarzwald.

Und so soll das, bitte schön, auf ewige Zeiten auch bleiben. Doch siehe da: Jetzt macht ein Plastikhirsch zwischen Todtmoos und Wehr dem Original Konkurrenz. Dieser unehrenhafte Stilbruch beschäftigt nun auch die Landesbehörde.

Plagiat steht im Staatswald

Der Hirsch im Wehratal im Kreis Waldshut muss wieder weg. Das hat im Freiburger Regierungspräsidium die Chefin Bärbel Schäfer höchstpersönlich so entschieden. Und hat aus behördlicher Sicht gute Gründe dafür. Denn das Plagiat vom Höllentäler Hirsch steht im Staatswald mitten in einem Flora-Fauna-Habitat-Gebiet. Über Bannwald und bedrohte Vogelarten hält der Gesetzgeber seine schützende Hand. Rotwild aus Kunststoff gehört jedoch nicht dazu.

Die durch schroffe Felsen markierte Engstelle im Wehratal erlaubt gerade noch eine zweispurige Fahrbahn. Der aufragende Felsensporn an der L 148 wird dort wie im Höllental ebenfalls "Hirschsprung" genannt – von alters her. Die Forstleute staunten nicht schlecht, als sie nach Ostern vorigen Jahres auf dem Felsbiotop das Hirschimitat entdeckten. Ein Dummer-Junge-Streich steckte nicht dahinter.

Wer steckt hinter der Aktion?

Das ergab sich schon aus der Tatsache, dass der Hirsch, etwa 30 Kilogramm schwer, in bester Handwerkskunst buchstäblich felsenfest verschraubt wurde. In der Stadt Wehr wird seither gerätselt, wer sich die ganze Aktion in gut 30 Meter Höhe einfallen ließ. Pfadfinder, Feuerwehr... alle beteuern ihre Unschuld. Offiziell schweigt der Volksmund dazu, keiner will’s gewesen sein. Im Rathaus hätte man indes den Hirsch gerne unter "Artenschutz" gestellt.

Denn der Werbe-Effekt, der sich mit ihm im Tourismus verbindet, ist nicht unerheblich. Klar, dass für die Straßenbaubehörde und die Forstverwaltung andere Kriterien gelten. Die Verkehrssicherheit kommt an erster Stelle, wenngleich der Hirsch bei einem Absturz wohl in der Wehra, dem unter dem Fels dahin plätschernden Bach, landen würde.

Kein Präzedenzfall schaffen

Das Regierungspräsidium will jedoch keinen Präzedenzfall schaffen. Da lief auch die Intervention des Wehrer Bürgermeisters Michael Thater im Basler Hof in der vergangenen Woche ins Leere. Die gesetzlichen Bestimmungen seien eindeutig, wie ihm die Regierungspräsidentin am Telefon erklärte.

"Insofern hilft alles nichts, denn der Kunststoffhirsch wird seinen exponierten Platz wieder räumen müssen, sobald es die Witterung zulässt," bekam es der Wehrer Schultis in einer Pressemitteilung gleich noch Schwarz auf Weiß. Zugleich lässt die Behörde anklingen, dass man der Stadt bei der Suche nach einem genehmigungsfähigen Standort im Wehratal unterstützen wolle.
Wo der Hirsch springt

Wer hät’s gedacht: Auch in Franken erstreckt sich entlang der Selbitz das Höllental. Das namensgleiche Tal am Ausgang des Kirchzartener Beckens hat also keine Alleinstellung. Und was dem Fass den Boden ausschlägt: Am 123 Kilometer langen Fernwanderweg erblickt man als Wahrzeichen des Höllentals auf einem Felsvorsprung in 80 Meter Höhe den Hirschsprung, ein in Holz gearbeiteter springender Hirsch. Wie hierzulande ranken sich auch in Franken die abenteuerlichsten Sagen um den Namen des Höllentals. Jägerlatein – hier wie dort.