Das Bild vom anderen

Annette Mahro

Von Annette Mahro

So, 26. August 2018

Basel

Der Sonntag Die Basler Guggen Negro Rhygass und Mohrenkopf treten Rassismusdebatte los.

Um Namen und Logos der Basler Guggenmusiken "Negro Rhygass" und "Mohrekopf" ist eine Rassismusdebatte entbrannt, die im Netz und auf der Straße ausgetragen wird. Längst geht es dabei nicht mehr allein um die Frage, wie ernst gemeint die Symbolik ist.

Für Serena Dankwa, promovierte Sozialanthropologin an der Universität Bern, geht es nicht um die Frage, ob das Logo mit dem Schwarzen, der einen Bastrock trägt und einen Knochen im Haar stecken hat, in den Augen der Fasnächtler je rassistisch gemeint war. "Das hat nichts mit Absicht zu tun", erklärt die Wissenschaftlerin und Journalistin mit Schweizer und ghanesischer Staatsbürgerschaft auf einer Podiumsdiskussion, die die Basler Tageswoche zum Thema ausgerichtete hat.

Dennoch dürfe man nicht über die Tatsache hinwegsehen, dass die Darstellungen von mehr oder weniger unbekleideten "Wilden" zu Zeiten des Kolonialismus das klare Ziel gehabt hätten, Menschen als minderwertig darzustellen. "Solche Bilder haben Gewalt legitimiert", so Dankwa, "es ging ebenso darum, zu entmenschlichen wie um die Rechtfertigung von Mord und Versklavung". Vor diesem Hintergrund habe das besagte Logo der Basler Clique durchaus eine Reaktion ausgelöst, als sie es als Kind erstmals sah: "Mir hat das ziemlich etwas abgeschnürt, das Logo ist herabmindernd."

Ähnlich sieht es auch Jovita Pinto, die wie Dankwa dem Netzwerk schwarzer Frauen in der Deutschschweiz "Black She" angehört und an der Universität Bern mit Schwerpunkt Postkolonialismus und Rassismuskritik arbeitet. Die Frage sei ja, welches Bild man vom anderen habe und was daraus entstehe.

Ein Detail ist für Pinto auch die alltägliche Erfahrung, dass ihre Gesprächspartner regelmäßig ins Hochdeutsche fallen, auch wenn sie beharrlich auf Schweizerdeutsch antwortet. "Natürlich ist das nicht böse gemeint, aber es macht etwas mit einem." Hinzu kommt für Pinto die Frage des erkennbaren Systems: "Die rassistischen Bilder, die wir kennen, sind nicht vom Himmel gefallen. Wir finden sie in unseren Geschichtsbeständen, in unseren Erzählungen, in unseren Lehrbüchern. Unser Alltag ist geprägt davon." Wäre es da nicht naheliegend, wo immer möglich gegen alte Stereotype anzugehen und gegebenenfalls Namen oder Logos zu ändern?

Nachdem das Thema in der Basler Presse und in sozialen Medien in den vergangenen Wochen immer weiter hochgekocht war, hatte es zuletzt einen Sympathiemarsch für die Guggen gegeben. Die Betroffenen selbst hatten sich daran nicht beteiligt, sehr wohl aber einige Rechtsextreme, die das Thema Tradition und Brauchtumspflege für sich entdeckt hatten. Umgekehrt stellten sich dem Zug aus rund 1 000 Unterstützern einige Duzend Linke in den Weg, räumten ihn aber nach kurzer Zeit wieder, ohne dass es zu Ausschreitungen gekommen wäre.

Kommentatoren äußerten Erstaunen darüber, welche Menschenmengen eine solche Diskussion auf die Straße brächte, während sich um täglich im Mittelmeer ertrinkende Flüchtlinge kaum mehr jemand schere. Auf der anderen Seite gab es auch die Verwunderten, die kein Problem erkennen konnten. Zu ihnen zählte auch Markus Somm, Noch-Chefredakteur der Basler Zeitung , der zudem die Vermutung äußerte, dass die Gugge-Gründer ihre Namensfindung 1927 vielleicht sogar als Kompliment gemeint haben könnten, dies hinsichtlich des damals aufkommenden Jazz.

Die Streitkultur hat sich rasant verändert

Und die Angesprochenen selbst? Vertreter der Guggen waren zum Tageswoche -Podium zwar eingeladen, sie hatten eine Teilnahme aber abgelehnt. "Negro Rhygass" hat vorübergehend auch ihren Internetauftritt deaktiviert, während "Mohrekopf" die Anfeindungen aufgreift. Die 1954 gegründete Gugge distanziere sich ausdrücklich "von allen Formen der Intoleranz und des Rassismus". Der Name gehe zurück auf das bekannte Gebäck, das einer der Gründer, damals Bäckerlehrling, einst zu den Treffen mitgebracht habe. Thema war am Podium schließlich auch die Frage einer sich rasant verändernden Streitkultur, die scheinbar nur noch Schwarz und Weiß kennt. Die Empörungsspirale drehe sich immer weiter, Kommentare überschritten schnell jede Grenze.

Keine Frage, dass die Themen Rassismus und Sexismus einander da sehr nahestehen. Prallten zuletzt doch unter dem Hashtag "MenAreTrash" (Männer sind Müll), in dem es eigentlich um Gewalt an Frauen gehen sollte, die Fronten auch umgekehrt aufeinander. Auch hier kippte die Diskussion sehr schnell.

Ganz so einfach lasse sich die Frage, ob legitim oder nicht, aber nicht beantworten, sagt Pinto. "Man soll also ein Gewalterlebnis möglichst objektiv und emotionslos darstellen?" Rassismus und Gewalt gehören indes eng zusammen. Auch für die andere Seite, in diesem Fall alle, die zufällig zu den privilegierten Weißen zählten, ergebe sich irgendwann ein Problem, ist Dankwa überzeugt: "Es trifft uns alle, die Schwarzen vielleicht zuerst."