Im Zeichen der Gerechtigkeit

Annette Mahro

Von Annette Mahro

So, 02. September 2018

Lörrach

Der Sonntag Der Lörracher SPD-Ortsverein zählt mit 150 Jahren zu den ältesten seiner Art.

"Lörrach ist in Baden der zweitälteste SPD-Ortsverein nach Mannheim und auch in Deutschland einer der ältesten", erklärt Hubert Bernnat, der seit 1973 SPD-Mitglied ist, und bis zu seiner Pensionierung 2015 Rektor des Lörracher Hans-Thoma-Gymnasiums war. Der Historiker hat über die Ortsgeschichte seiner Partei ein Buch geschrieben.

Der Grund für die frühe politische Organisierung der Arbeiterschaft seien die Textilindustrie gewesen und das Dreieck Mulhouse-Basel-Lörrach. Zumal in der Textilbranche wurden traditionell sehr niedrige Löhne bezahlt und es gab einen hohen Anteil an Frauen- und Kinderarbeit. Entsprechend groß war das Potenzial an Arbeitern, die in sehr schlechten Verhältnissen lebten.

Hinzu kam der Verdichtungsraum zweier Großstädte, eben von Mulhouse und Basel. "In diesem Dreieck ist dann fast gleichzeitig die Arbeiterbewegung entstanden", sagt Bernnat, "die Initiative, dass auch in Lörrach ein Arbeiterverein gegründet wird, ging von Basel aus". Vor dem Ersten Weltkrieg waren die Grenzen noch weitgehend offen, politische Parteien durften sich allerdings nicht grenzüberschreitend organisieren.

Noch firmierte die Partei unter anderem Namen. 1868 hieß sie in Lörrach Internationale Arbeiter-Association IAA, vier Jahre später dann Allgemeiner Arbeiterbund. In anderen Landesteilen galten weitere Namen. "Man muss sich das so vorstellen, dass die Arbeiterbewegung am Anfang noch nicht zentral einheitlich organisiert war, sondern es gab Untergruppierungen, die dann wieder untereinander Verbindungen hatten", erklärt der Historiker, der auch im Lörracher Stadtrat sitzt.

Die Landbevölkerung strömte in die Zentren

Entscheidend sei, dass sich alle Gruppierungen entweder auf die Sozialdemokratische Arbeiterpartei SDAP, die von Wilhelm Liebknecht (Vater von Karl) und August Bebel gegründet worden war, oder den Allgemeinen deutschen Arbeiterverein ADAV, den Ferdinand Lassalle gegründet hatte, zurückführen ließen.

Erst seit 1890 galt die einheitliche Bezeichnung der damals noch Sozialistischen Partei Deutschlands. Das hatte wiederum zu tun mit den Sozialistengesetzten Bismarcks, der 1887 nach zwei, den Sozialisten unterstellten Attentaten auf Kaiser Wilhelm II. die SPD und alle ihre Vereine hatte verbieten lassen. Nach mehrfachen Verlängerungen wurde dieses Gesetz erst 1890 wieder aufgehoben.

Erst danach gründete sich die Partei neu, errang aber aus dem Stand bei den Reichstagswahlen 19,8 Prozent der Stimmen und war damit die wählerstärkste Partei Deutschlands. In ihr begegneten sich gemäßigte und radikalere Flügel, wie die IAA, die in Lörrach das Sagen hatte und auf Karl Marx zurückging.

Lörrach war indes nicht immer schon Arbeiterstadt, sondern wurde erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts dazu. Damals hatten Elsässer und Schweizer Unternehmer in Lörrach und im Wiesental ihre Manufakturen gegründet und die Landbevölkerung strömte in die Zentren. Unzufriedenheit mit schlechten Arbeitsbedingungen führte dazu, dass man sich organisierte. 1906 gipfelte das, daran erinnert Bernnat, im großen Textilarbeiterstreik, an dessen Ende eine Sechs-Tage-Woche und der Zehn-Stunden-Tag standen. Ein klarer Verdienst von SPD und Gewerkschaften.

In Lörrach brachte es die Partei denn auch bis zum Ersten Weltkrieg auf rund 50 Prozent der Stimmen. Das änderte sich jedoch mit dem Zusammenbruch der Industrie in der Kriegs- und Nachkriegszeit. Die Arbeitslosigkeit war jetzt riesig, das Elend war es auch. Allerdings hatte es spätestens seit 1914 mit der Zustimmung zur Zeichnung von Kriegsanleihen und der sogenannten "Burgfriedenspolitik" der SPD auch große Differenzen gegeben. In Lörrach verlor die Partei zugunsten der weiter links stehenden Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei USPD und der Kommunistischen Partei Deutschlands KPD nach 1920 ihre vorherrschende Stellung.

Ein Problem der alten Arbeiterpartei werden indes auch die selbst erreichten Verbesserungen für ihre Wählerschaft, mit denen die eigenen Ansprüche an Gewicht verlieren. Je mehr Wohlstand es gibt, umso schwieriger wird auch die Parteiarbeit. Lebten einst zwei Drittel der Bevölkerung in Not, haben sich Verhältnisse heute umgekehrt, daran erinnert Bernnat. Die SPD habe dem Wandel zuerst in ihrem "Godesberger Programm" von 1959 Rechnung getragen, das sich vom klassischen Verständnis des Arbeiters zugunsten des Arbeitnehmers verabschiedete.

Und die Erneuerungsbewegung innerhalb der SPD heute? "Es ist sicher eine schwierige Zeit, wir erleben die Auflösung von gewachsenen Strukturen und es ist nicht leicht, sich darauf einzustellen", sagt der Mann, der seit 45 Jahren der Partei die Treue hält. "Was aber die großen Fragen der Daseinsfürsorge betrifft, etwa bei den Renten oder der Frage der Alleinerziehenden, da muss man sich wieder für die Solidargemeinschaft einsetzen." In Zeiten der zunehmenden Vereinzelung sei das eine Herausforderung. Und in Zeiten von Populismus und neuem Nach-rechts-Rücken umso mehr.
Buchvorstellung 5. Oktober, 19 Uhr, im Dreiländermuseum Lörrach