Famoser Start in die Olympiasaison

Johannes Bachmann

Von Johannes Bachmann

Fr, 01. September 2017

Nordische Kombination

Fabian Rießle stürmt beim Sommer-Grandprix der Nordischen Kombinierer binnen einer Woche dreimal aufs Podest.

SKI NORDISCH. Ein bisschen müde klingt er an diesem letzten Sommer-Abend, den der August in dieser mit Regen und Kühle endenden Woche zu bieten hat. Mattigkeit, die erklärbar ist nach sechs tollen Tagen, die hinter Fabian Rießle (26) von der SZ Breitnau liegen. Während sich der Schwarzwald vor Georg Thoma, seinem großen Vorbild, zu dessen 80. Geburtstag verbeugte, hob der Nordische Kombinier aus St. Märgen binnen einer Woche bei vier Wettkämpfen des Sommer-Grandprix von der Schanze ab, stürmte hernach auf Skirollern über Asphalt und stand dreimal auf dem Siegerpodest.

Es ist, als sei er nie weggewesen, als habe es sie gar nicht gegeben, diese viel zu kurze Pause, in der der zweimalige Team-Weltmeister aus dem Hochschwarzwald nach dem Weltcup-Finale Mitte März in Schonach gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Sandra Ringwald irgendwo auf der Welt an einem Traumstrand abgetaucht war. Gestärkt, tiefenentspannt, gut gelaunt ist er zurückgekehrt in den Trainingsalltag, der für einen Wintersportler im Sommer nicht immer prickelnd ist. Rund 300 Trainingssprünge über grünen Matten hat er schon in den Beinen, mehr als 2500 Kilometer auf Skirollern, rund 1000 Kilometer ist er rund um St. Märgen und in Oberstdorf gejoggt. Vergleichsweise selten saß er im Rennradsattel. Nach Ausfahrten in Mallorca und im Schwarzwald weist der Tacho 1000 Kilometer aus.

Wie er sich, abgesehen von der Müdigkeit, fühlt? "Fit", sagt Rießle, der vor dreieinhalb Jahren bei Olympia im russischen Sotschi Bronze im Einzelwettkampf und Silber mit dem Team gewonnen hatte. Eine Medaillensammlung, die der 26-Jährige im kommenden Februar vergrößern und womöglich vergolden will – bei den Olympischen Winterspielen im südkoreanischen Pyeongchang: vorausgesetzt, Nordkoreas Diktator versetzt die Welt nicht zuvor in noch mehr Fassungslosigkeit. Um die weltpolitische Lage macht sich der St. Märgener allerdings nicht wirklich Sorgen: "Das lässt mich momentan noch kalt." Wie fit er aktuell ist, bewies Fabian Rießle jetzt beim Sommer-Grand-Prix. Zum Auftakt der sechsteiligen Serie sprang und lief er in Oberwiesenthal auf Rang drei und feierte im österreichischen Schruns/Tschagguns im Gundersen-Wettkampf (ein Sprung, zehn Kilometer Lauf) dank seiner Endschnelligkeit auf den Skirollern den ersten Saisonsieg. Zum Ende einer kraftraubenden Woche landete er beim Doppel-Grandprix in Oberstdorf zuerst auf Rang sieben und dann, nach solidem Sprung von der Großschanze, mit rasanter Skiroller-Aufholjagd auf Rang zwei vor Weltcup-Gesamtsieger Eric Frenzel.

In der Gesamtwertung des Sommer-Grandprix belegt Fabian Rießle hinter dem Österreicher Mario Seidl und dem Weltcup-Gesamtsieger Eric Frenzel Rang drei. Am 30. September und 1. Oktober steht bei einem Doppelweltcup im slowenischen Planica das Finale des Sommer-Grandprix auf dem Programm – allerdings ohne Rießle und seine Teamkollegen, die bewusst auf einen Start verzichten und vor dem Start in den Olympiawinter für ein paar Tage die Seele baumeln lassen und Urlaub machen dürfen.

"Ich muss mehr

Speed reinkriegen."

Rießle zur Schanzen-Anfahrt
Wo er momentan steht, was ihn in den kommenden Monaten erwartet, kann Rießle nur erahnen. Zu Beginn des Winters werde alles wieder bei null beginnen "und ach ja, ich muss mich ja auch erst mal für Olympia qualifizieren". Nervosität sieht anders aus. Locker, in sich ruhend wirkt der St. Märgener, kein bisschen hibbelig ist er – und damit eben so wie immer. Mit gerade einmal 26 Jahren zählt er längst zu den alten Hasen in der kleinen großen Welt der Nordischen Kombinierer.

Gelassen spricht er über eine Schwäche, die er seit drei Jahren gut im Griff hat und ab und an sogar zu einer Demonstration der Stärke nutzt. Der Langlauf, das war immer seine Lieblingsdisziplin in diesem Zusammenspiel zweier so unvereinbar scheinender Sportarten, wie dem rasanten Dahingleiten auf drei Finger breiten Latten und der Luftfahrt mit zwei breiten Brettern unter den Fußsohlen. Mit den Schanzen hat er schon als Kind immer gekämpft "und das wird wohl so bleiben", sagt Rießle, obwohl er bei den Wettkämpfen des Sommer-Grandprix "sehr zufrieden" war mit seinen Sprüngen: "Das war noch nicht das Optimum, aber ermutigend." Dennoch habe er noch ein, zwei Baustellen, die es vor dem Winter abzuschließen gelte. In der Anlaufspur ist Rießle bei der rasanten Beschleunigung von null auf Tempo 90 bis zur Schanzenkante oft einen, manchmal zwei Stundenkilometer langsamer als etwa Teamkollege Eric Frenzel unterwegs. "Da muss ich mehr Speed reinkriegen", sagt der Kombinierer der SZ Breitnau.

Baustelle Nummer zwei: Der Übergang zwischen Erdenschwere und dem Gefühl, für vier, fünf Sekunden schwerelos zu sein. Im Moment des Absprungs stelle er die Ski derzeit noch zu steil an, "da muss ich dran arbeiten, die Skiführung muss flacher werden". Genug erzählt, befindet der St. Märgener und gähnt. Ein Schläfchen wär’ jetzt nicht schlecht.