Autor als Marodeur des Pressekriegs

Wendelinus Wurth

Von Wendelinus Wurth

Do, 14. Juni 2018

Oberkirch

Wie Grimmelshausen sich den Dreißigjährigen Krieg erlas.

OBERKIRCH-GAISBACH. Im Gaisbacher "Silbernen Sternen", dem Wirtshaus, das der Großschriftsteller Grimmelshausen betrieb und seine Erlebnisse im Dreißigjährigen Krieg verarbeitete, ging es um die Rolle der Medien in diesem großen Massenmorden. Rosemarie Zeller schilderte den "Dreißigjährigen Krieg als Krieg der Medien". Für die Basler Professorin war es teilweise ein Déjà-vu, hatte sie doch vor zwei Jahren schon für die Grimmelshausen-Gesellschaft über die Kleidung in Grimmelshausens Werken referiert.

Dass Schriftsteller nicht alles selbst erfahren haben müssen, hält sie nicht davon ab, dennoch über Dinge zu schreiben, das sei natürlich bekannt, so Zeller. Interessant werde es, wenn Literaturwissenschaftler und Historiker davon ausgehen, dass etwas selbst erlebt sei, es aber nicht ist. So würden einige Passagen aus Grimmelshausens "Simplicissimus" als real erlebte, von einem jungen naiven Erzähler wiedergegebene Kriegserlebnisse immer wieder in Anthologien abgedruckt. Solche Schilderungen etwa von Schlachten verführten gelegentlich Philologen sogar dazu, an Hand solcher Schilderungen ganze Schlachten zu rekonstruieren.

An einem Flugblatt zeigte Zeller, dass etwa die Schilderungen von Gräuel der Soldaten, die der junge Simplicius auf seinem Hof erlebt haben will, durchaus den Abbildungen entsprechen. Offen müsse bleiben, ob Grimmelshausen nach einer Vorlage gearbeitet hat oder tatsächlich Selbsterlebtes verarbeitete.

An einer längeren Passage aus dem 27. Kapitel des zweiten Buches im Simplicissimus zeigte Zeller, dass Grimmelshausen über mehrere Seiten die "Arcadia" von Philipp Sidney für eine Schlachtbeschreibung geplündert hat. Grimmelshausen macht daraus keinen Hehl und verweist im Roman quasi mit einer Quellenangabe selbst darauf, dass Simplicissimus dieses Buch gelesen habe, daraus die "Wohlredenheit lernen wollte" und den Stil kopierte. Interessant seien vor allem Grimmelshausens Auslassungen und Zusätze. Zum Beispiel verzichtet er aus den Hinweis Sidneys, dass die Pferde sich ob des menschlichen "rasenden Wütens" in der Schlacht schämten und in die Freiheit ausgerissen seien. Eine Angleichung nimmt Grimmelshausen vor, wenn er statt der abgehauenen Arme in Sidneys Text die Waffentechnik auf den neuesten Stand bringt und von abgeschossenen Armen erzählt.

Doch hat das Abschreiben eine noch viel ältere Tradition. So könne man auch Stellen finden, die auf Lucans "Bellum civile" zurückgehen. Lucan sei im Mittelalter Schullektüre gewesen. Zeller folgert daraus, dass solche Textvorlagen ob ihrer drastischen Schilderung als Quelle gewählt wurden. Je drastischer die Schilderung, desto größer der Glaube, dass der Schreiber ein authentischer Teilnehmer eines Schlachtgeschehens gewesen sei. Adjektive wie "einzigartig, unerhört und nie gesehen" würden dafür bürgen. Derartige Aneignungen seien auch durchaus als versteckte Hommage zu werten, als Anerkennung der realistischen Darstellung des Krieges.

Jedenfalls, so Zeller, müsse man vorsichtig sein, wenn man Grimmelshausen zitiere und sage, so sei der Dreißigjährige Krieg gewesen. Sie schalt auch ihre eigene Zunft, indem sie manchen Germanisten vorwarf, sie hätten keine Ahnung.