Die Heimat ist immer da, "wo mer aständig mitnander umgeht"

Erich Krieger

Von Erich Krieger

Mi, 30. September 2015

Oberried

Liederabend im Rahmen der Alemannischen Woche mit dem Männergesangverein Oberried und Liedermacher Uli Führe in der Klosterscheune.

OBERRIED. Ein alemannischer Liederabend war in der Oberrieder Klosterscheue angesagt und der Männergesangverein "Schwarzwald" eröffnete im vollbesetzten Bürgersaal mit "Schwinge dich auf mein Lied, empor zum Jubelsang". Wie der Titel, so auch der Vortrag. Alemannisch traditionell wurde es mit "Mi alemannisch Heimetland" und "Maidle, lass dir was erzähle".

Dann aber kündigte Dirigent Michael Weh an, dass sein Chor nun Lieder des Lenzkircher Komponisten und Jazzpianisten Wolf Belbl vortrage. Belbl verbinde in seinen Kompositionen alemannische Mundart mit modernen Jazzharmonien, und deren Chorsätze seien für einen üblichen Männerchor Neuland und eine große Herausforderung. Er vertauschte seinen Platz am Dirigentenpult mit dem Klavierhocker und los ging es mit dem Lied "D’schönschde Melodie". Sichtlich engagiert und völlig ohne Berührungsangst stellte sich der Chor dem anspruchsvollen Arrangement und meisterte es ohne Fehl und Tadel. Darauf folgten zwei Soli, beeindruckend gesungen vom Chorvorstand Gerald Lauby und begleitet vom einfühlsamen Pianospiel von Michael Weh. Führte das erste mit dem Titel "Sunneschie" melancholisch getragen durch mehrere Tonlagen, wurde das Publikum mit "Summer isch vorbie" auf den nahenden Herbst eingestimmt. Mit dem Chorstück "Klänge von Harmonie", in dem der Wert der wahren Freundschaft dem falschen Streben nach Geld und Gut entgegengestellt wurde, beendete der MGV seinen Part des Abends. Viel Beifall vom Publikum und dem anwesenden Wolf Belbl für diesen bewegenden Beweis, dass Chorgesang weit mehr sein kann als die gesangliche Beschreibung der "klappernden Mühle am rauschenden Bach".

Für den zweiten Teil des Abends betrat nun der in der Region bekannte Musikpädagoge und Liedermacher Uli Führe die Bühne. Er begann, unterlegt von gediegenem Fingerpicking auf der Gitarre, mit der Geschichte vom Didi. In vielen Strophen in der Form "Dr A sait zum B…Dr B sait zum C bis Dr Y sait zum Z" wird der Verlauf eines Gerüchts von seiner Entstehung bis zum Nachweis, dass alles Gesagte "von A bis Z erstunke und erloge isch" auf höchst launige Weise beschrieben. Gleich hier trat das große Talent von Führe zu Tage, nach genauer Beobachtung menschliche Schwächen offenzulegen, die er in seinen Liedern klug und mit viel Witz verarbeitet. Er gleitet dabei nie in Häme ab, und er braucht an keiner Stelle den erhobenen Zeigefinger, denn die Lehren aus seiner Kritik entstehen wie von selbst im Kopf des Zuhörers. Für diese ansprechende Art, ernste Inhalte unterhaltsam darzustellen, scheint sich der alemannische Dialekt vorzüglich zu eignen.

Wenn, wie bei Führe, eine ausgebildete und variabel einsetzbare Stimme plus virtuoses Gitarrenspiel dazukommen - was will man mehr? Seine Themen sind vielfältig: Im bewegenden Lied "Dr Bsuech" will der Neffe vom Onkel Max, der ins Altersheim gekommen ist, diesen natürlich auch regelmäßig dort besuchen. Leider kommt immer wieder etwas, durchaus plausibel Klingendes, dazwischen; die Zeit läuft, dann kommt es auf ein weiteres Verschieben auch nicht mehr an und schließlich ist es zu spät.

Witzig nimmt er im Lied "Single suecht Singelin" das Online-Dating-(Un)Wesen aufs Korn und erzählt in einem anderen von "Dr Sekte mit di gsenkte Köpf". Damit ist niemand anders als die permanent simsende und twitternde Smartphone-Gesellschaft gemeint. In denselben Bereich fällt seine Beschreibung des fortschreitenden Verlusts der Privatsphäre im Lied "Google waiß Bschaid".

Zum Schluss wird es dann noch sehr stimmungsvoll. Führe erklärt in Anlehnung an Johann Peter Hebel seinen "Heimet"-Begriff. Heimat sei kein bestimmter Ort, sondern immer da, "wo mer aständig mitnander umgeht".

Und nach der letzten Zugabe, dem uralten Schweizer Lied "Stets i Truere mueß i lebe" und erklärtermaßen eines der Lieblingslieder von Führe, ist es einen Moment mucksmäuschenstill im Saal, bevor der langanhaltende dankbare Schlussapplaus für einen gelungenen Abend aufbrandet.