Eine ganze Horde Womanizer auf der Bühne

Erich Krieger

Von Erich Krieger

Di, 22. November 2016

Oberried

Begeisternder A-Capella-Gesang der "Ohrwürmer" vor Oberrieder Publikum / Selbst ein alemannischer Rap gehört zum Programm.

OBERRIED. Schon mehr als eine Stunde vor Konzertbeginn der Oberrieder Lokalmatadore der Männergesangsgruppe "Ohrwürmer" im Saal der Klosterschiire drängten sich die Besucher im Erdgeschoss in der Marktscheune um das üppige kalte Buffet. Fingerfood-Leckereien in opulenter Auswahl waren im Eintrittsgeld inbegriffen – vorbereitet von den "Sängerfrauen", wie später zu vernehmen war. Hierbei herrschte wohl noch traditionelle Arbeitsteilung, obwohl die sangesmächtigen Männer später auf der Bühne ein eher ironisches Verhältnis zu der eigenen Geschlechterdominanz und zu Machogehabe demonstrierten.

Das gute Dutzend der "Ohrwürmer" aus den Reihen des Oberrieder Männergesangvereins "Schwarzwald" empfing das kulinarisch bestens eingestimmte Publikum dann oben dreisprachig mit "Willkommen, bienvenue, welcome", der Intro-Melodie des weltbekannten Musicals "Cabaret". Über ein eher lyrisch-komisches Lied über Frühlingsgefühle auf einer Wiese als Ausgleich zum trüben Novemberwetter gelangten sie dann zu einem der offenbar wesentlichen Männerthemen, denn der "Mann kann immer". Wenn er aber mal nicht kann, kann er nichts dafür, denn "Anna hat Migräne" wie die Wise Guys schon früher festgestellt hatten.

Immer ausgeklügeltere Choreografien

Der Horror einer Teenie-Party im eigenen Wohnzimmer für den ein ruhiges Entspannungsbad suchenden Familienvater wurde in Bobby Darins Song "Splish Splash" thematisiert, und bald darauf betrat wieder einmal der MGV-Vorsitzende Gerald Lauby als sitzengebliebener Single-Bauer mit Melkeimer die Bühne und pries sich herzzerreißend dem weiblichen Publikum als Traumpartie an, denn "Ich brech’ die Herzen der stolzesten Fraun, weil ich so stürmisch und so leidenschaftlich bin". Ähnlich überschätzte sich in seinem Selbstbild ein "Dichter und Denker, ein Meister, ein Sieger", der zu Hause aber laut Roger Cicero nur "Zieh die Schuh’ aus, bring den Müll raus" und ähnliches zu hören bekommt. Der erste Teil endete mit dem meisterhaft gesungenen und choreografierten Titelsong Liza Minellis wiederum aus "Cabaret".

Erneut an Buffet und Theke gestärkt, waren die Besucher gewappnet für einen alemannischen Rap über "Dr selbschtgmachte Stau z’Hölladal nuff" und erfuhren danach sinnfällig, was passiert, wenn sich Männer im besseren Alter in enge Lederhosen zwängen, nämlich: "We will rock you." Nach dem Queen-Hit entpuppte sich die lauthals gebrüllte Anarcho-Parole "Keine Macht" in das weit harmlosere Statement "Keine macht mir den Kaffee so wie du". Als "Just a Gigolo" wurde nun laut Chorleiter Michael Weh ein Sänger zu therapeutischen Zwecken unter die Leute geschickt, weil man ihn als Ausdruck einer Lebenskrise öfters in Frauenkleidern in Titisee gesehen habe. Ihre immer größeren Fortschritte bei den choreografischen Inszenierungen ihrer Songs begründeten die "Ohrwürmer" dann mit dem Argument, dass es in Oberried längst nicht mehr ausreiche, gut Traktor fahren zu können, um die Herzen der Frauen zu erweichen. Da müsse man schon tanzen und singen können.

Gesagt und bewiesen: Mit "Rama lama dingdong" legten sie wahrlich eine kesse Sohle aufs Parkett, spätestens danach brauchen sie sich keine Sorgen mehr um mangelnde Beachtung zu machen. Auch das unvergessene "König von Deutschland" von Rio Reiser werteten die Sänger durch gekonntes Spiel mit Kronen-Requisiten noch auf. Als Botschaft für den Heimweg, die "gegen und für alles hilft" empfahl die reifere Boygroup "Don’t worry, be happy" mit einer überraschenden alemannischen Strophe: "Wenn du im Zug sitz’sch und machsch a tolle Fahrt, kommt no dr Schaffner und du hesch kai Kart?" Was tun? Siehe oben. Das Publikum in der proppenvolle Klosterschiire applaudierte begeistert und dankbar für den rundum gelungenen Abend.

Die "Ohrwürmer" haben mittlerweile einen hohen Grad an Gesangsqualität erreicht und bestechen durch immer ausgeklügeltere Choreografien, die sie dem Training durch Petra Adam zu verdanken haben. Weiteres Plus: Die meisten Sänger sind schon seit 16 Jahren dabei und verstehen sich auch untereinander prima, denn sie können sich auf der Bühne noch selbst durch spontane witzige Einfälle einzelner überraschen, auf die die übrigen dann reagieren müssen. Ein Abend mit den Jungs lohnt sich alle Mal.