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11. Februar 2017

Für Archäologen eine Sensation

Die Burgreste in Oberried sind außergewöhnlich gut erhalten.

  1. Bertram Jenisch Foto: Martin Pfefferle

  2. Unter diesem Hügel in Oberried befinden sich Reste einer mittelalterlichen Turmhügelburg. Foto: Markus Donner

OBERRIED. "Die Burg Oberried ist eine abgegangene Turmhügelburg (Motte) in der Nähe des Klosterareals am Nordostrand der Gemeinde Oberried im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald in Baden-Württemberg." So heißt es in einem älteren Beitrag im Internet-Lexikon Wikipedia. Dennoch glaubte man in der Gemeinde bis zur jüngsten Ratssitzung, der Hügel, unter dem die Burgreste ruhen, sei eine Abraumhalde. Doch dank Denkmalpfleger Bertram Jenisch weiß man nun auch vor Ort: Aus archäologischer Sicht ist die Burg eine der am besten erhaltenen ihres Typs.

Die jüngsten geophysikalischen Untersuchungen des Rundhügels auf dem Areal Schmelzäcker am Eingang zum Zastlertal haben zweifelsfrei erwiesen, dass dort im 11. Jahrhundert zunächst ein quadratischer Baukörper mit umgebendem Graben existierte, der später von einem Hügel überdeckt wurde, auf dem eine für die damalige Zeit typische Turmburg aus Holz und Stein, Motte genannt, mit Wirtschaftsgebäuden errichtet wurde.

Über den Nachweis für diese Zweiphasigkeit und den Erhaltungszustand gerät der Freiburger Gebietsreferent des Landesamts für Denkmalpflege, Bertram Jenisch, ins Schwärmen: "Es gibt im gesamten Regierungsbezirk Freiburg in Bezug auf den seltenen Turmhügelburg-Typ nichts Vergleichbares. Aus archäologischer Sicht zählt die Oberrieder Burg unter den insgesamt fast 900 Burgenresten aller Typen im Bezirk zu den am besten erhaltenen." Den Laien mag dies zunächst verblüffen, sieht man doch auf der Schmelzäckerwiese nur einen grasbewachsenen Rundhügel von 20 Metern Durchmesser und drei Metern Höhe. Dies ist aber der einzig Übriggebliebene, denn bei allen anderen Fundorten von Motten wurden deren Reste durch landwirtschaftliche Nutzung eingeebnet.

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Die unter dem Hügel erhaltenen Reste in Oberried hatten durch den feucht-moorigen Untergrund beste Überlebenschancen. "Die Turmburgen bestanden überwiegend aus Holz, und dies wird in solchem Umfeld über Jahrhunderte hervorragend konserviert wie bei den Pfahlbauten am Bodensee ersichtlich", erklärt Jenisch. "Deshalb ist das Belassen im Boden der beste Denkmalschutz."Ausgrabungen hätten umfangreiche, komplexe und kostspielige Präparationsarbeiten zur Folge. Die Oberrieder Burg sei historisch in engem Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Blütezeit durch den Bergbau im 11. und 12. Jahrhundert im Schauinslandgebiet zu sehen. Angehörige von Dienstadelsgeschlechtern hätten die Turm- und Vorburgbauten als repräsentative Orte mit "Wohn-, Wehr- und Wirtschaftsfunktion" errichtet. Im vorliegenden Fall sei unklar, ob es sich dabei um Vertreter der Falkensteiner- oder der Schnewlin-Dynastie gehandelt habe.

Spätestens seit 1935 wisse man von der Motte in Oberried. Sie sei ordnungsgemäß als archäologisches Denkmal kartiert und unter Schutz gestellt worden. Dies hat Jenisch auch als Vertreter der zuständigen Fachbehörde gegenüber dem Landratsamt und der Gemeindeverwaltung vertreten, als er zu dem Vorhaben, das Areal Schmelzäcker zum Baugebiet zu entwickeln, Stellung zu nehmen hatte. Er sah keine Möglichkeit für eine Bebauung.

Die herrschende dörfliche Überlieferung, bei dem Hügel handle es sich lediglich um eine Abraumhalde, stand in krassem Gegensatz dazu. Bürgermeister Klaus Vosberg berichtet von einem Gespräch mit dem Landratsamt vor eineinhalb Jahren, bei dem es um die Ausweisung möglicher Flächen für den dringend notwendigen Wohnungsbau ging. Ergebnis war, dass die Erweiterung des Ortskerns rund um die Klostermauer, also auf dem Gebiet Schmelzäcker, sinnvoll erschien. "Die Existenz der Burg war damals nur eine Vermutung seitens der Archäologen, der die einhellige Meinung im Ort widersprach", so die Begründung. Neuartige Messverfahren sollten Klarheit schaffen. Dies sei nun geschehen und man müsse die Fakten leider anerkennen.

Landwirtschaftliche Nutzung eingeschränkt möglich

Für Jenisch erfordern die Ergebnisse, dem Areal wegen seiner besonderen Bedeutung sogar den Status eines Grabungsschutzgebietes beizumessen. Dieses stellt nach Paragraph 22 des Landes-Denkmalschutzgesetzes selbst Grabungen unter Genehmigungsvorbehalt durch das Landesamt und lässt nur eine eingeschränkte landwirtschaftliche Nutzung zu. Für die Gemeinde sieht Jenisch nur die Möglichkeit einer touristischen Aufbereitung mit Infotafeln oder einer Visualisierung, etwa mit einem Archäoskop. Schaue man hierdurch, erscheine in Blickrichtung eine virtuelle Rekonstruktion der historischen Gebäude. Eine weitere Idee könnte das Anlegen eines Burgenwegs sein, da sich auch im Zastlertal auf dem Burgacker-Areal und in St. Wilhelm nahe dem Kloster Burgenreste befänden, dazu bei den Räuberfelsen die Wilde Schneeburg. Für solche Vorhaben bot der Fachmann dem Gemeinderat, als er diesem die Messergebnisse vorstellte, seine Mithilfe an.

Bürgermeister Vosberg sieht im Moment keinen Sinn darin, das Baugebiet Schmelzäcker weiter zu verfolgen. Diese Erkenntnis fällt ihm schwer. "Wir müssen uns ernsthaft fragen, ob wir in Zukunft weiterhin überall, wo vor Jahrhunderten Menschen gelebt und Spuren hinterlassen haben, keinerlei Ortsentwicklung durch Wohnungsbau zulassen. Diese Grundsatzfrage muss auf politischer Ebene dringend geklärt werden." Sollten sich für Oberried keine Alternativen für den Wohnbau ergeben und Schmelzäcker als einzige Möglichkeit übrig bleiben, will er auf eine Lösung des Dilemmas drängen.

Autor: Erich Krieger