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22. Oktober 2014

Turbulenzen nach Windkraft-Vortrag

Christopher Krull, Geschäftsführer der Schwarzwald Tourismus GmbH, stößt beim Oberrieder Gemeinderat auf Widerspruch.

  1. Stören Windräder – wie hier bei St. Peter – die optische Ruhe der Schwarzwaldlandschaft? Die Meinungen dazu sind geteilt. Foto: Hans-Jürgen Truöl

  2. Christopher Krull befürchtet, dass Windräder Touristen vertreiben. Foto: Breithaupt

OBERRIED. Ein Vortrag über Windkraft und Tourismus hat in der vergangenen Gemeinderatssitzung in Oberried heftige Diskussionen und Reaktionen ausgelöst. Christopher Krull, Geschäftsführer der Schwarzwald Tourismus GmbH, sprach über die Probleme und Risiken der Windkraft für den Tourismus im Schwarzwald. Zahlreiche Gemeinderäte kritisierten seinen Vortrag.

"Windkraft aus einer ganz anderen Perspektive", versprach Christopher Krull zu Beginn seines Vortrages. Er selbst sei kein Energieexperte. Seit 20 Jahren ist er zuständig für den Tourismus im Schwarzwald, seit dem Jahr 2000 beschäftige er sich mit den Auswirkungen von Windkraft auf den Tourismus. Zunächst skizzierte Krull die Stärken des Tourismus: Baden-Württemberg rangiere an zweiter Stelle hinter Bayern, was die Zahl der jährlichen Übernachtungen angeht. Die Schwarzwaldregion beeindruckt mit 7,4 Millionen Gästen pro Jahr, 36,5 Millionen Übernachtungen und 5,1 Milliarden Euro Nettoumsatz. "Wir sind einer der Hauptarbeitgeber im Schwarzwald und sichern die Daseinsberechtigung der Bevölkerung vor Ort", betonte Krull.

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Er erklärte, dass mehr als 90 Prozent der Gäste in den Schwarzwald wegen der Landschaft kämen. "Die Kulturlandschaft des Schwarzwalds wird von den Menschen als schöne Natur empfunden". Die Gäste erwarteten Fernblicke, romantische Schluchten und eine bäuerlich gepflegte Landschaft.

"Die Landschaft ändert sich, die Schönheit darf sich jedoch nicht ändern", mahnte Krull und begann, die Gefahren der Windkraft für den Tourismus im Schwarzwald zu skizzieren. Wenn Windkraftanlagen flächendeckend auf den Gipfeln stünden, prägten sie plötzlich das Landschaftsbild. "Sie passen überhaupt nicht in eine romantische Berglandschaft", sagte Krull. Windkraftanlagen störten die optische Ruhe, die etwa ein Wanderer auf einem Gipfel erwarte. Auch was bei einem steigenden Windkraftausbau im Schwarzwald passieren würde, wusste der Tourismus-Experte: "Wir haben mehr oder weniger seriöse Meinungsumfragen vorliegen, die zeigen, dass etwa 30 Prozent der Befragten nicht mehr kommen würden", erläuterte Krull.

Als Lösung schlug er vor, den Ausbau der Windenergie planvoll zu vollziehen, Schnellschüsse zu vermeiden und die touristischen Interessen zu berücksichtigen. Die Anlagen sollten sich auf möglichst wenig sensible, windige Stellen konzentrieren. Den Abschluss seines Vortrages bildete ein szenischer Ausblick: ein Panoramabild des Dreisamtales mit animierten, sich drehenden Windrädern.

"Ist Ihnen eine Studie bekannt, die belegt, dass Touristen tatsächlich weggeblieben sind?", fragte Gemeinderat Johannes Rösch (FWG) und eröffnete die Stellungnahmen der Gemeinderäte. "Nein", erwiderte Krull, "die Weggebliebenen können sie ja nicht mehr fragen".

Gemeinderat Patrick Rapp (CDU) stimmte Krull zu, dass in Baden-Württemberg das Landesplanungsgesetz tatsächlich ohne Koordination umgesetzt werde. Er plädierte daher für eine europäische Lösung regional abgestimmter Energiekomponenten. "An jeder Stelle alles zu haben, ist zu kurz gesprungen", sagte Patrick Rapp. "Mir kommt die Sache sehr einseitig vor", kritisierte Albert Rees (SPD) Krulls Vortrag. "20 bis 30 Prozent weniger Gäste halte ich für gewagt und nicht bewiesen. Ich hätte mir einen differenzierteren Vortrag von Ihnen erhofft".

"Es fällt mir schwer, hier nicht emotional zu reagieren", sagte der sichtlich aufgebrachte Gemeinderat Daniel Schneider (CDU). Windkrafträder könnten auch Ruhe ausstrahlen, gab er zu bedenken. Auch er zweifelte die Zahlen der wegbleibenden Gäste an und kritisierte den einseitigen Vortrag. Eugen Schreiner (SPD) zeigte sich von dem Vortrag ebenfalls enttäuscht. Er habe sich etwas mehr Konstruktivismus erhofft, etwa wie man aus einer Windkraftanlage eine touristische Attraktion machen könne.

Auch Fridolin Gutmann (FWG) kritisierte Krulls Vortrag: "Sie arbeiten hier mit überholten Argumenten." Ewald Zink (FWG) gab zu bedenken, dass in den vergangenen zehn Jahren, mit dem Aufkommen der Windkraftanlagen im Schwarzwald, die Übernachtungen in der Region dennoch gestiegen seien. "Hier ist für mich kein signifikanter Einbruch erkennbar", sagte Zink.

Das Thema wird die Gemeinderäte des Dreisamtals noch einige Zeit beschäftigen. Am 26. November soll nämlich ein Teilflächennutzungsplan aufgestellt werden. Momentan kommt für die Gemeinde Oberried laut Bürgermeister Klaus Vosberg nur der Hundsrücken am Schauinsland als Standort für eine Windkraftanlage in Frage.

Autor: Christian John