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08. Juni 2012

Göttliche Stimme

Orpheus steht Pate für Stimmen 2012

Orpheus – der Urahne aller Sänger steht Pate für Stimmen 2012.

  1. Einstieg in das diesjährige Festivalmotiv „Orpheus und wir“: „Eurydikes Lamento“ mit der Sopranistin Romie Esteves Foto: Veranstalter

Eigentlich war seine Patenschaft längst überfällig. Er ist der Urahne aller Barden, die mythische Sängergestalt schlechthin, deren Spur sich von der Antike über Barock und Klassik bis in den Rock und Pop zieht, deren Sage nicht nur Musiker anregte, sondern genauso auf Dichtung, Film, Tanz und Religion übergriff. Wer könnte treffender gleichsam als Allegorie stehen für ein Festival, das sich Stimmen nennt? Eher überraschend, dass dies erst in der 19. Ausgabe geschieht: Orpheus als große Klammer ums Programm.

Was ist das für ein gewaltiger Mythos: Ein Sänger, der mit seiner Stimme das stürmische Meer bändigt, Felsen zum Weinen bringt, dem wilde Tiere und sogar die sonst selbst so betörenden Sirenen lauschen. Vom Sonnengott Apollo direkt hat er die Lyra erhalten. Seine Nymphe Eurydike verliert er durch einen Schlangenbiss, er schreitet mit seiner Leier mutig in die Unterwelt, um sie zurückzuholen. Der Todesgott Hades gewährt ihm der Zauberkraft seiner Lieder wegen diesen Wunsch, doch er darf Eurydike nicht ins Gesicht blicken. Als er es dennoch tut, verliert er die Geliebte für immer.

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Kein Wunder, dass diese Geschichte Anregung für jeden feinen Künstlernerv war und ist. Orphische Spuren durchziehen die Kultur des Abendlandes auf vielerlei Art: Bis ins Mittelalter wurde Orpheus gar als Christusfigur gesehen, ab 1600 jedoch beginnen eine ganze Reihe von Komponisten, auf den ursprünglichen antiken Mythos zurückzugreifen. Von Caccini und Monteverdi zieht sich der Stoff bis in die Neuzeit: Gluck, Haydn, Liszt, Offenbach, Strawinsky zog er in den Bann, natürlich auch Dichter wie Rilke, Auden, Benn, Heiner Müller, denn sein Gesang ist zugleich auch immer geschliffenes Wort. Im Pop unserer Tage begegnet man ihm bei Nick Cave, David Sylvian und den Söhnen Mannheims. Auch auf der Leinwand taucht er auf: Cocteau verlegt seinen "Orphée" nach Paris, Mika Kaurismäki fährt mit ihm durch Osteuropa ("Honey Baby") und Marcel Camus siedelt ihn in der pittoresken Kulisse einer Favela in Rio an. Dieser "Orfeo Negro" der schwarze Orpheus, bildet eine ganz eigene Seitenlinie: Afrikanische Studenten in Paris, unter ihnen der spätere senegalesische Präsident Senghor, hatten ihn mit ihrer Négritude-Bewegung zum Paten erkoren, um gegen die intellektuelle Dominanz der Franzosen aufzubegehren, veröffentlichten ihren Gedichtband "Orphée Noir". Die Kraft des Schwarzen Orpheus wirkt auch heute noch weiter, wie Rosenfelspark-Besucher vor einigen Jahren im wortgewaltigen Auftritt des Rappers Abd Al Malik erleben konnten.

2012 setzt Stimmen nun auf eine Orpheus-Perspektive, die vom Klassischen her aufbricht, aber Popkultur und Experimentelles mit einschließt. Und gleich im Prolog mit Orpheus’ Gegenpart beginnt: In "Eurydikes Lamento" wagt Ann Allen die Verknüpfung von Klassik und Moderne, spannt den Bogen vom 17. Jahrhundert bis zur zeitgenössischen Folk-Oper "Hadestown" von Anais Mitchell und rückt die Nebenfigur des Mythos in den Fokus. Tubist Michel Godard koppelt den "Orfeo" des Frühbarock an die musikalische Sprache eines Jazztrios. Ein Knüpfwerk der zahlreichen Orpheus-Vertonungen des Barock webt die Lautten Compagney Berlin. Und im großen Finale von Augusta Raurica, der Eigenproduktion Stella Orfeo, wird die bündelnde Kraft des Mythos auch auf die Bewegung, den Tanz übertragen.

Doch Orpheus ist bei jedem Sängerfest auch ungerufen präsent, so dass er – von den Machern bewusst platziert oder durch Zufall? – auch mitten im Stimmen-Programm lauert. Keziah Jones, der als Supportact von Lenny Kravitz auf der Marktplatzbühne stehen wird, veröffentlichte ein Album namens "Black Orpheus". Er steht zwischen Afro-Funk und moderner Poesie für den urbanen Barden, der – welch schöne Wendung – seine musikalischen Anfänge in der Unterwelt der U-Bahn nahm. Und schließlich kommt auch das Stammland der mythischen Figur in weiblicher Ausgabe zum Tragen, wenn Le Mystère des Voix Bulgares ihre Vokalkunst ertönen lassen: Die besten Sängerinnen aus diesem Chor kommen traditionell aus Thrakien, der Wiege des Orpheus. Wirkt sein Gesangsgen dort bis heute weiter?

Mit der Kraft der Musik böse Mächte zu bannen, das kann jedem singenden und musizierenden Menschen orphische Züge verleihen – daher das Festivalmotto "Orpheus und wir". Und wenn der Sänger aller Sänger 2012 als Schirmherr über Stimmen steht, dann dürfen sich die Veranstalter auch Hoffnungen auf gutes Wetter machen. Schließlich konnte er durch seine Musik sogar die Sonne aufgehen lassen. Und des Nachts könnte über den Open-Air-Konzerten dann das Sternbild der Lyra funkeln.

Autor: Stefan Franzen