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16. April 2010

In 71 Tagen um die halbe Welt

LAND UND LEUTE: Der gebürtige Oberschopfheimer Hans-Peter Christoph lenkt derzeit einen Reisebus nach Schanghai.

  1. Hans-Peter Christoph mit einem Modell seiner knallroten Avanti-Busse. Foto: Ingo schneider

ORTENAU/FREIBURG. Ein tollkühnes Unternehmen nahm gestern seinen Anfang: "Avanti Busreisen" aus Freiburg startete die lange Reise nach Schanghai, mit 25 Touristen, zwei Fahrern und einem Techniker an Bord: Die Metropole im Osten Chinas soll in 71 Tagen auf dem Landweg erreicht werden – nach rund 17 000 Kilometern. Avanti-Chef Hans-Peter Christoph ist in der Ortenau kein Unbekannter. Er wuchs in Oberschopfheim auf und besuchte das Grimmelshausen-Gymnasium in Offenburg, wo er auch Abitur machte.

"Natürlich ist man als Verantwortlicher vor einer solchen Reise angespannt", räumt Hans-Peter Christoph ein. Das sei schließlich kein gewöhnlicher Spanien-Trip. "Wir werden immerhin 71 Tage unterwegs sein, ehe wir in Schanghai eintreffen." Sollten nicht alle Stricke reisen, will die Reisegruppe am 23. Juni Schanghai erreichen – nach einer Tour durch halb Europa und ganz Asien.

Von Freiburg ging es gestern zunächst bei Venedig auf die Fähre nach Griechenland. Die weiteren Stationen: Istanbul (Türkei/5. Tag), Täbriz, Teheran (15. Tag), Isfahan und die Große Salzwüste (Iran), Mary (Turkmenistan), Samarkand und Taschkent (Usbekistan/32. Tag), Zharkent (Kasachstan/40. Tag). Anschließend Grenzübertritt nach China: "Bei der vergangenen Reise zu den Olympischen Spielen in Peking 2008 brauchten wir hier für die Ausreise alleine sechs Stunden und weitere drei, bis wir die chinesischen Grenzposten verlassen konnten."

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Von hier sind es immer noch 5000 Kilometer – oder rund vier Wochen – bis zum Ziel. Dort haben die Teilnehmer Gelegenheit, den Stand der Stadt Freiburg auf der Weltausstellung zu besuchen.

"Wir werden dabei alle Extreme erleben, die eine Reise um die halbe Welt aufzubieten hat: Millionenstädte und einsame Landstriche, endlose Wüsten und nie gesehene Weiten, fremde Kulturen und Bräuche, Sandstürme und Gewitterregen, sengende Hitze und Minusgrade, tolle Hotels und vielleicht auch mal Unterkünfte, die den Namen nicht verdienen." So was komme vor, auch wenn alles bis ins letzte Detail organisiert ist – bis zum Umstand, dass man in den meisten Hotels für ein paar Münzen seine Kleider waschen lassen kann, und dass im Bus eine Espressomaschine steht und über 230-Volt-Steckdosen die Akkus von Kameras und Laptops aufgeladen werden können.

Überhaupt der Bus: "Es gibt auf der Welt keinen besseren", schwört Christoph. Er hat 455 PS, schluckt "nur" 30 Liter Sprit auf 100 Kilometer, garantiert eine angenehme Beinfreiheit "und hält mit Sicherheit die ganze Reise durch". Nein, "der Motor geht nicht kaputt", der schafft locker drei Millionen Kilometer. Für alle Fälle sei ein Mechaniker mit an Bord. Christoph spricht von "Genussreisen" – ohne Stress. Mal werden 800 Tageskilometer zurückgelegt, mal nur 200, mal gibt es kurze Halte, mal dreitägige Stopps. Eine Klimaanlage und ein Waschraum sollen für zusätzliche Behaglichkeit sorgen.

Bis Schanghai sind es rund 17 000 Kilometer, die Hinreise kostet samt Visa rund 19 000 Euro (Heimfahrt nochmals extra), für den einzelnen Teilnehmer also ein Kilometerpreis von über einem Euro. Kein Pappenstiel, weiß auch Christoph , "doch schauen Sie mal, was sonst Studienreisen pro Tag kosten". Was Vergleichbares kriege man sonst nirgends geboten, davon würden die Teilnehmer ihr Leben lang zehren. Und wer leistet sich die Reise? "Vom Rechtsanwalt bis zur Krankenschwester, vom Arzt bis zum Psychologen." Für Schanghai sind drei Tage vorgesehen, dann fährt der Bus auf derselben Route wieder zurück, um am 101. Tag der Reise, am 23. Juli, wieder in Freiburg einzulaufen. Die meisten Mitreisenden sind da längst zu Hause: Sie werden die Heimreise mit dem Flieger oder der transsibirischen Eisenbahn bewältigen.

Wie groß ist die Vorfreude aufs Abenteuer beim Chef, der selbst am Lenkrad sitzen wird? "Sehr groß" – auch wenn noch manche Frage offen ist: "Was ist mit Kirgisistan, wo es erst vor wenigen Tagen geknallt hat?" Wie kommen die Mitreisenden auf engem Raum miteinander zurecht? Bei der Peking-Reise habe er gute Erfahrungen gemacht: "Man kann sich, wenn es Stress gibt, mal zwei Wochen aus dem Weg gehen, aber bestimmt keine zehn."

"Es war immer mein Traum, die Welt kennenzulernen"

Hans-Peter Christoph ist waschechter Ortenauer. In Oberschopfheim geboren und aufgewachsen, besuchte er das Grimmelshausen-Gymnasium, an dem er 1978 Abitur machte. Christophs Mutter Anna, inzwischen 90, war erste und hoch angesehene Ortschaftsrätin seines Heimatortes. Schwester Anne gehörte ebenso wie deren Tochter Noemi dem Gemeinderat von Offenburg an.

Hans-Peter Christoph, vier Kinder zwischen 17 und 28, lebt heute mit Lebensgefährtin in Freiburg. Seine berufliche Laufbahn war alles andere als geradlinig: Zivi beim Arbeiter-Samariter-Bund, Lkw-Fahrer in Kehl, kurzzeitig Studium der Islamwissenschaften, daneben Lkw’s in den Osten überführt und Linienbus gefahren: "Da reifte mein Traum, die Welt kennenzulernen." Mit 25 machte er den Busführerschein, mit 28 in der "Enoteca" eine Ausbildung zum Koch. 1991 gründete er Avanti-Reisen (heute zwölf Mitarbeiter) – und der Traum wurde wahr.

Autor: Hubert Röderer