Mitten im Ort steht ein Bücherschrank

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

Fr, 21. April 2017

Ortenaukreis

Zum "Welttag des Buches" wird am Sonntag in Ortenberg eine besondere Aktion eröffnet.

ORTENBERG (BZ). Die Gertrud-von-Ortenberg-Bürgerstiftung lädt auf kommenden Sonntag, 23. April, dem "Welttag des Buches", um 17 Uhr auf dem Dorfplatz in Ortenberg zur Eröffnung ihres "Offenen Bücherschrankes" ein. Dabei handelt es sich um eine kostenlose, rund um die Uhr geöffnete Bibliothek, aus der man fremde Bücher entnehmen und eigene, die man für lesenswert hält, hineinstellen kann, damit diese neue Leser finden. "Wer mitmachen will, ist herzlich eingeladen, seine Bücher mitzubringen und bei der Erstbefüllung des Bücherschrankes zu helfen", so der Vorsitzende der Bürgerstiftung, Torsten Sälinger.

Bei der Eröffnung werden Staatssekretär Volker Schebesta (Offenburg) und der Kölner Stadtplaner und Architekt Hans-Jürgen Greve, der den "Offenen Bücherschrank" zum Stadtmöbel weiterentwickelt hatte, anwesend sein. Die Eröffnung wird vom Bläserquartett des Musikvereines Ortenberg begleitet. In Zusammenarbeit mit der Stiftung Lesen bekommen junge Bücherfreunde bei der Eröffnungsfeier das druckfrische Welttagsbuch "Das geheimnisvolle Spukhaus" geschenkt.

Suhrkamp-Autor Andreas Maier hat eigens für den Ortenberger Bücherschrank in einem Essay die große Bedeutung des öffentlichen Tauschens von Büchern in Zeiten des Online-Buchhandels betrachtet. Der vollständige Text wird auf der Tafel an der Seitenwand des Bücherschrankes angebracht. Somit ist der Ortenberger "Offene Bücherschrank" nicht nur ein Ort für Literatur, wie die Stiftung weiter mitteilt, sondern sogar ein Ort, für den selbst Literatur entstanden ist. 1995 hatte die Unesco den weltweiten Feiertag für das Lesen und die Kultur des geschriebenen Wortes ins Leben gerufen. 2014 wurde die Gertrud-von-Ortenberg-Bürgerstiftung gegründet, die auch die Förderung von Kultur in Ortenberg als Stiftungsziel im Programm hat.

Die Idee, einen Bücherschrank in der Öffentlichkeit aufzustellen, entstand in Mainz und wurde später in Köln und Bonn aufgegriffen und dort weiterentwickelt. 1993 hatten die amerikanischen Künstler Michael Clegg und Martin Gutt-mann einen alten Schaltkasten in Mainz zum Buchregal umgebaut und die darin getauschten Bücher beobachtet, um so auf die soziale Struktur der Umgebung schließen zu können. 2002 hat die Mainzer Innenarchitektur-Studentin Trixy Royeck die Idee weiter entwickelt und sie bei einem Ideenwettbewerb der Bonner Bürgerstiftung eingereicht. Die Bonner Bürgerstiftung setzte die Idee 2003 um. Der "Offene Bücherschrank" wurde 2008 von Hans-Jürgen Greve weiterentwickelt. Inzwischen wurden in Deutschland mehr als 300 seiner Bücherschränke aufgestellt, meist in größeren Städten. Jetzt bringt die Ortenberger Bürgerstiftung den Bücherschrank auch aufs Dorf.

Andreas Maier gehört zu den angesehensten deutschen Autoren der Gegenwart. Er wurde 1967 in der Nähe von Ortenberg (Hessen) geboren. Zu seinen bekanntesten Büchern gehören neben dem Erstling "Wäldchestag" (2000) die Romane "Klausen" (2002), "Kirilow" (2005) und "Sanssouci" (2009). Für seine Werke wurde Maier mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, etwa dem Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung (2000) und dem Clemens-Brentano-Preis (2004).

Für den Ortenberger Bücherschrank hat Maier folgendes formuliert: "Ich habe nie ein Buch im Internet bestellt. Es gibt da Algorithmen, mit denen errechnet wird, was du wohl gern lesen würdest beziehungsweise was dir gefallen könnte – und zwar auf der Grundlage dessen, was du bereits gekauft hast. Du wirst sozusagen verschrotet und an dich selbst zurückverfüttert. Mich hat das immer an Tiermehl erinnert. Es gibt aber auch das genaue Gegenteil von Algorithmus-Selbstverfütterung: nämlich den öffentlichen Bücherschrank."