"Traditionen hochhalten wie volle Schnapsgläser"

Wendelinus Wurth

Von Wendelinus Wurth

Mo, 10. Juli 2017

Ortenaukreis

Neu beim Lese-Lenz ist die Manuskript-Lesung noch unveröffentlichter Texte: Petra Piuk gestaltet pointenreich die Premiere.

HAUSACH. Der Hausacher Lese-Lenz ist immer wieder für eine Überraschung gut – um die Begrüßung der Hausacher Stadtschreiber im Rahmen des Literaturfestivals attraktiver zu gestalten, hat das LeseLenz-Team kurzerhand die Manuskriptlesung kreiert: Petra Piuk las am Donnerstag im Hausacher Rathaussaal aus den unveröffentlichten Texten "Anleitung zu einem Heimatroman" sowie "Toni und Moni", einer Gratwanderung zwischen Realismus und schwarzem Humor.

Drei Stipendien vergibt die Jury des Lese-Lenzes mittlerweile und dazu auch noch einen Lese-Lenz-Preis. José Oliver, eines von drei Jurymitgliedern, betont, dass es sich dabei um Stipendien ohne erwartete Gegenleistung handelt. Während des dreimonatigen Aufenthalts im "Molerhiisli", das der Maler (und Heimatdichter) Eugen Falk-Breitenbach der Stadt vermachte, erhalten die Stipendiaten auch eine finanzielle Unterstützung, damit sie während ihres Aufenthalts ungestört arbeiten können. Davon, dass der Aufenthalt ein angenehmer ist, zeugen ehemalige Stadtschreiberinnen und Stadtschreiber, die immer wieder nach Hausach zurückkehren.

Seit 2009 gibt es das Stipendium für Lyrik oder Prosa, das dieses Jahr an die junge Wienerin Katharina J. Ferner geht, die vor zwei Jahren mit "Wie Anatolij Petrowitsch Moskau den Rücken kehrte und beinahe eine Revolution auslöste", einem Roman zwischen Schwank und Schwejk debütierte. Das ebenfalls zum neunten Mal vergebene Kinder- und Jugendliteraturstipendium, zu dem auch zwei Vorlesungen und eine Werkstatt an der Karlsruher Pädagogischen Hochschule gehören, geht an die Essenerin Kathrin Schrocke. Das seit 2012 vergebene Gisela-Scherer-Stipendium erhält Stefan Schmitzer aus Graz, der unter anderem "denunziationen. haltlose gedichte" publizierte.

45 Bewerbungen gingen für die drei Stipendien ein und Oliver, Ulrike Wörner, seine Stellvertreterin, und Robert Renk, so Oliver, teilen sich die Arbeit: Renk sondiert die Prosa, Wörner die Kinder- und Jugendliteratur, die Lyriker sind Olivers Sache. Nachdem die Bewerber auf jeweils eine Handvoll reduziert seien, treffe man sich, um die Endauswahl zu treffen, was auch schon einmal länger als einen Tag dauern könne.

Die Amanda-Neumayer-Stiftung trägt 45 000 € für zwei Stipendien bei, das Gisela-Scherer-Stipendium finanziert der 129 Mitglieder starke Verein zur Förderung des Lese-Lenzes aus Mitgliedsbeiträgen. Das Engagement der Neumayer-Stiftung erklärte Heike Bauer den Festivalleiter zitierend: "In unserer heutigen Zeit ist Spracharbeit Sozialarbeit."

Petra Piuk, die eine Schauspielausbildung hat, spielt mit den Klischees des Heimatromans, sie benutzt Zitate, die uns allen geläufig sind. So heißt ihr Schauplatz Schöngraben an der Rauscher, in ihrer Welt gibt es gute Menschen aber keine Gutmenschen, der Radiosender heißt "Schlagerglück". Leitmotivisch kehrt die "gesunde Watschen" immer wieder, die wahlweise mit "was willst machen, wenn dir die Hand ausrutscht?" oder "ich schreie viel ohne Grund, dann schlägt sie mich, dann hab ich einen Grund" begründet wird. Der Roman spielt in einer Welt, in der die "Traditionen hochgehalten werden wie volle Schnapsgläser". Ab und zu macht Piuk nach einer Pointe eine Pause, blickt ins Publikum. Gelegentlich schafft sie es, dass die Zuhörer wie erstarrt sind, bis ein verstehendes Raunen die Spannung löst. Man darf gespannt sein auf den Roman, der im August bei Kremayr und Scheriau herauskommt.