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07. Juli 2017

Katholische Akademie Freiburg

200 Teilnehmer diskutieren bei den Süddeutschen Hospiztagen über das Sterben

Als Susanne Kränzle zu Ohren kam, dass vorbeilaufende Kinder das Esslinger Hospiz als „Gruselhaus“ bezeichneten, ließ sich dessen Leiterin, zugleich Vorsitzende des Hospiz- und Palliativ Verband Baden-Württemberg, etwas einfallen: Kränzle meldete das Haus beim „Großen Türöffner-Tag“ an, den die „Sendung mit der Maus“ jährlich deutschlandweit am 3. Oktober veranstaltet.

Nun steht auf der Homepage der WDR-Maus: "Im Hospiz können Schwerstkranke bis zuletzt und ohne Schmerzen so leben, wie sie es möchten und das tun, was ihnen noch wichtig ist. Die Angehörigen können immer da sein. Wie das möglich ist, zeigen wir dir in unserem Hospiz". Susanne Kränzle ist gespannt auf die Resonanz: "Es gibt schon Anmeldungen", sagte sie am Donnerstag bei den 18. Süddeutschen Hospiztagen, die noch bis Freitagmittag in der Katholischen Akademie in Freiburg stattfinden.

So ungewöhnlich die Aktion auf den ersten Blick anmutet, sie verdeutlicht die steten Bemühungen der 100 000 in Deutschland in der Hospizbewegung engagierten haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: das Thema Sterben ins Leben aller zu holen. "Wir sind eine große und kraftvolle Bewegung", sagte Susanne Kränzle zu den rund 200 überwiegend aus der Praxis stammenden Konferenzteilnehmerinnen und Teilnehmern. Allein im Südwesten gebe es 250 ambulante Dienste, 29 stationäre Hospize, 27 Kinderhospizdienste, 39 Palliativstationen und 33 spezialisierte ambulante Palliativversorgungsteams. Kränzle betonte, Deutschland sei "Leuchtturmland", da hier das Thema Ende 2015 breit und umfassend in das Hospiz- und Palliativgesetz eingeflossen sei. Dennoch gebe es Felder, die noch zu beackern seien: Dazu gehöre die Stärkung der allgemeinen Palliativversorgung, also die Versorgung von Menschen, die schwerstkrank in Pflegeheimen leben. Dass eine gute Krankenversorgung viel Geld kostet und dass dafür viel Personal notwendig ist – diese Erkenntnis aber noch immer nicht überall angekommen sei, war ein Thema, das die Tagungsteilnehmer auch in den Pausen zwischen den Vorträgen diskutierten.

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Hatte Susanne Kränzle in ihrem Vortrag umrissen, wie es um die Hospizbewegung gegenwärtig steht, so ging es anschließend um deren Zukunft. Andreas Heller, Inhaber des Lehrstuhls Palliative Care und Organisationsethik in Wien, Klagenfurt und Graz, beschäftigte sich auf eine sehr unterhaltsame und zugleich überaus ernsthafte Art mit den "Zukünften von Sterben und Tod: Apokalypsen und Visionen des Umgangs damit." Heller stellte zunächst verschiedene Autorinnen und Autoren vor, die – zum Teil bereits vor Jahrzehnten – Szenarien erdachten, was für Folgen es hat, wenn der Tod gänzlich abgeschafft wird (José Saramago: "Eine Zeit ohne Tod") oder wenn der Staat von seinen Bürgern das Opfer verlangt, sich im Alter umzubringen, um der Gesellschaft nicht weiter zur Last zu fallen (Carl-Henning Wijkmark: "Der modere Tod"). Und ihnen dabei noch suggeriert, sie brächten dieses Opfer freiwillig.

Von der Kompetenz der
Hospizarbeiter lernen

So skurril diese literarischen Versuchsanordnungen klingen mochten, Andreas Heller vergaß nicht, eine reelle Aktion der Sterbehilfeorganisation Exit in der Schweiz zu erwähnen. Diese hat erst Mitte Juni beschlossen, "Experten mit der Abklärung zu beauftragen, ob und wie weitere Liberalisierungsbemühungen punkto erleichterter Zugang zum Sterbemittel für betagte Menschen möglich sind" (Zitat von der Exit-Homepage). Schon dieses Szenario wirkte bedrohlich auf viele Zuhörerinnen und Zuhörer. Mehr noch verstörte die düstere Vision des Technologiezeitalters, entworfen von dem israelischen Historiker Yuval Noah Harai, dessen Buch "Homo Deus" Heller vorstellte. So spannend Hellers Hinweise auf Apokalypsen auch waren – dankbarer nahm das Publikum die Vision von der "Sorgegesellschaft" auf. In einer solchen ist idealerweise jeder Einzelne daran beteiligt, seinem Mitmenschen ein gutes Sterben (und zuvor ein gutes Leben!) zu ermöglichen.

Es gelingt ihm dies durch empathisches Zuhören – wie Andreas Heller sagt: "Ich ermögliche, dass Du mir Deine Geschichte erzählst; ich ermögliche es Dir zu sein, Dein Leiden mitzutragen." In dem er sagte: "Heilend ist die Beziehung", schlug Heller den Bogen zu den Ärzten.

Susanne Kränzle hatte zuvor bereits die Stärken der in der Hospizbewegung Engagierten hervorgehoben, die geübt darin seien, Widersprüche und Unsicherheiten auszuhalten und zu tragen. Von dieser Kompetenz könnten alle profitieren: "Nur eine sorgende, versorgende, empathische Gesellschaft überlebt", ist sich Kränzle sicher – eine These, die auf jene Kinder zurückweist, die über ein niederschwelliges Angebot ein Hospiz kennenlernen sollen. Denn eine solche Erfahrung kann das Leben prägen.

Autor: Heidi Ossenberg