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18. Juli 2014 00:00 Uhr

Gesellschaft

Alkoholsucht im Alter – das ist keine Seltenheit

Stärkungsmittel für ältere Menschen enthalten häufig Alkohol – gepaart mit Schlafmitteln können sie abhängig machen. Und auch der Alkohol alleine ist ein Problem.

  1. Einsamkeit ist häufig ein Grund für den Griff zur Flasche. Foto: DPA

Ein Drittel aller Männer und jede fünfte Frau im Alter zwischen 65 und 79 Jahren konsumieren einer Studie des Robert Koch-Instituts zufolge in riskantem Umfang Alkohol. Der Verlust des Partners, Einsamkeit oder der Umbruch mit dem Renteneinstieg sind häufige Gründe dafür.

Der Tag begann für die Rentnerin um 7 Uhr morgens. Mit Wodka. Dann ein Spaziergang – zum nächsten Laden. Für den nächsten Flachmann. Im selben Geschäft zu kaufen wäre ihr peinlich gewesen, Scham gehört zum Alkoholismus. Einen Monat nach dem Tod ihres Mannes rutschte die 72-Jährige tief in die Sucht. "Ich habe damals gesagt: Ich bin der Welt abhandengekommen. Ich hatte keine Freude mehr am Leben und keinen Sinn." Heute ist sie trocken.

Alkoholismus und Senioren – das Thema ist in Arztpraxen und beim Pflegepersonal oft nicht präsent. Die ältere Dame, die torkelt und stürzt, der Senior, der undeutlich spricht, die Rollstuhlfahrerin, die vergesslich geworden ist – wer kommt schon auf die Idee, dass sie ein Gläschen zu viel getrunken haben könnten?

Doppelherz, Klosterfrau Melissengeist, Buerlecithin, einiges, was als Stärkungsmittel für ältere Menschen angeboten wird, enthält Alkohol, wie Christa Merfert-Diete von der Hauptstelle für Suchtfragen sagt. Gepaart mit bestimmten Medikamenten und insbesondere Schlafmitteln brächten solche Arzneimittel, die der Steigerung der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeiten alter Menschen dienen, neue Suchtgefahren. "Das kann zu einer Abhängigkeitspotenzierung führen", warnt sie. Und: "Ein alter Körper verträgt weniger." Immerhin nehmen viele Senioren ohnehin eine Vielzahl an Arzneien ein. Bei Frauen liegt die Grenze zu riskantem Konsum bei zehn bis zwölf Gramm reinem Alkohol pro Tag. Das entspricht etwa 0,1 Liter Wein und Sekt oder 0,25 Liter Bier. Bei Männern gilt etwa die doppelte Menge. Was darüber liegt, schadet der Gesundheit.

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Trotz der alarmierenden Zahlen fehlen Experten zufolge passende und ausreichende Behandlungsangebote. Oft gebe es mit Blick auf Senioren die Meinung: "Dann soll man ihnen doch den Alkohol lassen bis zum Tod", sagt der Suchtforscher Gerhard Bühringer, der an der Technischen Universität Dresden lehrt und das private Münchner Institut für Therapieforschung leitet.

Die Wissenschaftler wollen zusammen mit Kollegen in Dänemark und den USA älteren Patienten helfen. Bei dem Projekt "Elderly" sollen Betroffene in vier bis zwölf Terminen den Sprung zu einem abstinenten Leben schaffen. Damit solle auch gezeigt werden, dass nicht nur eine jahrelange Therapie oder ein stationäres "Wegschließen" helfen können, heißt es. Der Suchthilfeverein Prop und die Caritas setzten dieses Konzept in ihren Beratungsstellen in Oberbayern um.

Die 72-jährige Ex-Lehrerin ist sich sicher: "Wäre ich im Berufsleben gestanden, wäre mir das nicht widerfahren." Es gebe eine Reihe Menschen, die mit dem übersteigerten Alkoholkonsum erst im späteren Leben anfangen, sagt Merfert-Diete. Senioren könnten ihr Leben auch besser als Jüngere dem Alkohol anpassen. Etwa: "Ich muss jetzt nicht aufpassen – ich fahre nicht mehr Auto."

Autor: Sabine Dobel (dpa)