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13. März 2013

Los Angeles

Deutschem Hochstapler wird in Kalifornien der Prozess gemacht

Knapp 30 Jahre nach dem Verschwinden eines Amerikaners wird einem deutschen Hochstapler in Kalifornien der Prozess gemacht.

  1. Er sitzt bereits wegen Kindesentführung im Gefängnis, nun wird er wegen Mordes angeklagt: Christian Karl Gerhartsreiter Foto: dpa

LOS ANGELES/WASHINGTON. Es gibt viele Scharlatane in der deutschen Kulturgeschichte. Doch er übertrifft sie alle: Mehr als drei Jahrzehnte lang hat der deutsche Hochstapler Christian Karl Gerhartsreiter in den USA Behörden, Ehefrauen und die High Society an der Nase herumgeführt. Bekannt wurde er als "falscher Rockefeller". Der 52-Jährige verbüßt bereits eine Gefängnisstrafe, weil er sein Kind entführt hat. Seit Montag wird ihm in Los Angeles erneut der Prozess gemacht: Die Polizei vermutet die Ursache für seine Lügen in einem Doppelmord.

Die schütteren Haare sind dunkler geworden, die schwere Hornbrille ist einer leichteren Fassung gewichen: In seinem zweiten Prozess sieht Gerhartsreiter nicht mehr wie Woody Allen aus, sondern wie eine entgleiste Phil-Collins-Variante. Der Unterschied ist aber marginal im Vergleich zu den Wandlungen, die der Angeklagte früher vollzogen hat, blondierte Augenbrauen inbegriffen. 30 Jahre lang konnte Gerhartsreiter Problemen dadurch entrinnen, dass er neue Identitäten annahm, und fast immer gelang ihm dabei ein Aufstieg. Erst die letzte Häutung misslang: Als Clark Rockefeller nach der Scheidung von seiner zweiten Frau das Sorgerecht für die Tochter verlor, weil er seine Identität nicht belegen konnte, entführte er die Siebenjährige. Danach brach die Fassade zusammen. "Das einzig Echte in seinem Leben war seine Tochter", sagte ein Polizeisprecher, nachdem der Schwindel 2008 aufgeflogen war.

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Seither sitzt Gerhartsreiter im Gefängnis, und die Menschen kommen aus dem Staunen kaum heraus. Längst erzählen Bücher und Filme die Scharade nach, die die Ermittler aufgedeckt haben: Der Clark Rockefeller, den sie hatten suchen lassen, gab es nicht. Er besaß keinen Führerschein, keine Sozialversicherungsnummer und keinen Mobilfunkvertrag – obwohl er hohe Positionen bei namhaften Firmen in Manhattan bekleidet hatte, in erlauchten Clubs ein- und ausgegangen war und mit Geld um sich geworfen hatte. Auch Christopher Chichester, Christopher Crowe oder Chip Smith, andere Namen, die Gerhartsreiter benutzt hatte, entpuppten sich als Luftnummern. Was als gesichert gilt, verdankt sich Fingerabdrücken und DNA-Abgleichen. So ist inzwischen nachgewiesen, dass Rockefeller, wie er vor Gericht am liebsten immer noch genannt werden würde, Ende der 70er Jahre als Austauschschüler in die USA kam. Er heiratete in Wisconsin, erhielt dadurch eine Aufenthaltsgenehmigung, und verließ seine Frau offenbar schon am Tag nach der Hochzeitsnacht. Als Christopher Chichester, Abkömmling des britischen Lords Mountbatten, tauchte er im noblen San Marino in Kalifornien wieder auf, schaffte es in den Rotary Club und die Handelskammer und stieß auf wenig Widerstand – zumindest anfangs dürfte es bei Gerhartsreiters Maskerade um den klassischen Versuch gegangen sein, sich Vorteile zu erschleichen.

1985 allerdings verschwand die Tochter seiner Vermieterin samt ihrem Mann, und Chichester tauchte in Kalifornien ab. Er wurde später in Connecticut im Wagen des Ehemannes angetroffen, aber noch hatte die Polizei nichts in der Hand: Gerüchte von einer geheimen Reise des Paares machten die Runde, aus Paris traf eine angebliche Postkarte der Ehefrau ein. Erst 1994 entdeckten neue Hauseigentümer in San Marino Knochen, die dem vermissten Mann gehören sollen. Da war Chichester längst zu Rockefeller geworden.

Die Anklage ist überzeugt, genug Indizien gesammelt zu haben, die sein Versteckspiel erklären: von der Verpackung der Knochen über einen Blutfleck in Gerhartsreiters Wohnung bis hin zu Zeugenaussagen, die ihm damals eine Motorsäge geliehen haben wollen. Von der Frau des Toten fehlt bis heute jede Spur.

Am Montag (Ortszeit) hat die Auswahl der Jury-Mitglieder begonnen. Für die Entführung seiner Tochter verbüßt Gerhartsreiter seit 2009 eine vier- bis fünfjährige Haftstrafe. Im Fall einer Verurteilung in dem mutmaßlichen Mordfall droht ihm lebenslange Haft; für den Prozess wird mit einer Dauer von vier bis fünf Wochen gerechnet. Gerhartsreiters Anwälte plädieren auf Unschuld; ihr Mandant hat bereits 2009 große Erinnerungslücken geltend gemacht.

Gerhartsreiter wurde 1961 als Sohn eines Malers und einer Näherin im bayrischen Siegsdorf geboren. Seine Familie hörte 1985 zum letzten Mal von ihm. "Ich denke, Deutschland war zu klein für ihn", hat sein Bruder Alexander 2008 dem Boston Globe gesagt. Um als falscher Rockefeller durchzukommen, waren am Ende auch die USA nicht groß genug.

Autor: Jens Schmitz