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31. Januar 2015 00:10 Uhr

Reportage

Einblick in den Organhandel: Wie ich mir eine Niere kaufte

Es war ein Geschäft auf Leben und Tod: Willi Germund hat von einem gesunden Afrikaner eine Niere bekommen. Es ist die bewegende Geschichte eines Neubeginns.

  1. Willi Germund auf einer Straße, mitten in Bangkok. Foto: Wolfgang Bellwinkel/laif

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  3. Niere gegen Geld: Organhandel ist in Deutschland verboten. Deshalb fliehen viele in die Illegalität. Foto: dpa

Eine Schnellstraße, irgendwo in Afrika. Ich sitze in einem klapprigen Kleinwagen. Vorne redet Cyrus, mein lokaler Kontaktmann, ins Telefon. Sein Fahrer blickt stoisch in den tropischen Regen, der Wege und Straßen in kleine Bäche verwandelt. Auf den Gehwegen ist keine Menschenseele zu sehen. Unser Mann, so erklärt Cyrus, habe Schutz vor den Regengüssen gesucht.

Fünf Minuten vergehen. Der Uhrzeiger rückt zehn Minuten vor, zwanzig Minuten. Immer noch lässt sich niemand blicken. Ich hocke auf dem Rücksitz und versuche, Zweifel und Bedenken zu verdrängen. Endlich hört der Regen schlagartig auf und plötzlich steht eine schlaksige Gestalt neben dem Auto. Wortlos klemmt sich der Mann zu mir auf die Hinterbank. Der Fahrer drückt aufs Gaspedal. Wir fahren zu einem kleinen Bürozentrum.

Es geht um mein Leben. Der schlaksige Mann, der ebenso stumm wie ich auf der Hinterbank sitzt, soll mich von dem Joch der Dialyse befreien. Er ist bereit, mir gegen Geld eine seiner gesunden Nieren zu verkaufen.

Meine eigenen Nieren haben vor ein paar Monaten ihren Dienst eingestellt. Seitdem muss ich mein Blut alle zwei bis drei Tage an einer Dialyse reinigen lassen. In dem unscheinbaren Labor in einem Seitenflügel des Gebäudes wird entschieden, ob meine Blitzreise von Südostasien nach Afrika ein weiterer Fehlschlag ist – oder ob ich nach einer frustrierenden vergeblichen Suche nach einer neuen Niere endlich meinem Ziel nahe komme.

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Mit dem Verkauf der Niere ein kleines Geschäft finanzieren

Ich finde mich plötzlich allein mit meinem potentiellen Nierenspender, einer mir wildfremden Person, vor einem Mann in weißem Kittel, der fröhlich die Utensilien für eine Blutentnahme bereit legt und uns für alte Freunde hält. Mein Nebenmann, seinen Namen kenne ich immer noch nicht, soll als Erster zur Ader gelassen werden. Ich stürze zur Tür, weil ich noch nie mitansehen konnte, wie bei jemandem Blut abgezapft wird.

Raymond kann sich vor Lachen kaum halten. Das Eis ist gebrochen, wir reden plötzlich miteinander. Er wolle mit dem Verkauf seiner Niere das Kapital für ein kleines Geschäft besorgen. Er nennt seinen Namen, ich stelle mich ihm vor. Mehr geschieht bei dieser ersten Begegnung nicht. Denn wir wissen nicht, ob unser Blut gut genug für eine Transplantation zusammenpasst. Nach 30 Minuten ist alles vorbei. Ich stehe vor dem Eingang des Labors. Cyrus verhandelt wieder am Telefon. Ich schüttle Raymond die Hand. Der Fahrer setzt ihn in der Nähe seiner Arbeitsstelle ab. Ich werde zurück ins Hotel gebracht.

Es ist eine ziemlich unwirkliche Begegnung. Morgens angekommen und nachmittags die Blutprobe abgegeben – im Grunde könnte ich gleich zurückfliegen. Bevor ich mich wieder auf den Weg nach Thailand mache, unternehme ich einen Ausflug in ein Naturschutzgebiet – Nieren-Jetset mit Naturerlebnis – welcher Dialysepatient macht das schon.

Die Reise über den Indischen Ozean klingt wie ein Wahnwitz. Der Handel mit Organen funktioniert längst in Netzwerken, die über den kompletten Globus gespannt sind. Aber das Afrika-Abenteuer geht an meine Substanz. Ich, der Dialysepatient, nehme innerhalb von 72 Stunden insgesamt 14 Stunden Flugzeit für einen Aderlass auf mich, der ein paar Minuten dauert.

Bereits eine gute Stunde nach dem Start schwellen Füße und Gelenke an. Bald fühlen sich die Füße an, als ob ich zu kleine Strümpfe tragen würde. Schnell erreiche ich den Punkt, an dem die Füße mich verrückt machen. Ein kurzer Spaziergang im Gang zwischen den Sitzreihen verschafft kaum Erleichterung. Durchhalten.

Waschlappen ersetzt das Vollbad

Meine Nieren scheiden keine verbrauchten Nährstoffe mehr aus. Mit Flüssigkeiten und Schadstoffen vergifte ich mich selbst. Alle zwei, spätestens alle drei Tage wird mein Blut deshalb per Dialyse ausgewaschen. Ich ordne meine Verabredungen dem Behandlungsstundenplan unter. Bestellungen in Restaurants müssen mit einem Diätplan abgestimmt werden, den mir Ärzte zusammen mit Unmengen von Medikamenten in die Hände gedrückt haben.

Oberhalb meines rechten Schlüsselbeins ragen zwei schmale Plastikschläuche aus der Halsbeuge, die ein bis zwei Zentimeter über meiner Brustwarze enden. Etwa zehn Zentimeter der biegsamen Kanülen stecken jeweils in einer Vene und einer Arterie und reichen fast bis ins Herz. Die äußeren Enden der schmalen Schläuche sind sorgsam in Mull und steriles Plastik verpackt auf meinem Brustkorb festgeklebt, wenn ich nicht an der Maschine hänge.


Die Ärzte haben sich auf mein Drängen mit diesen provisorischen "Tankstutzen" zufrieden gegeben. Schon vor dem ersten Dialysetermin verkündete ich, dass ich bald per Transplantation eine fremde Niere erhalten würde. Dabei hatte sich gerade erst schon wieder ein Kontakt als Fehlstart in das ersehnte "fast normale Leben" erwiesen, das mein Nephrologe mir im Fall einer Transplantation verheißen hatte.

Normalerweise wird Patienten ein sogenannter Shunt, ein spezieller Gefäßzugang, am rechten oder linken Unterarm gelegt, ein permanenter Anschluss, an den bei jeder Blutwäsche die Maschine angedockt werden kann. Die provisorische Übergangslösung, die aus meiner Halsbeuge baumelt, birgt das Risiko vieler Komplikationen. Aber ein Shunt steht als Eingeständnis, dass ich alle Hoffnung auf eine schnelle Transplantation aufgegeben hätte.

Strenge Hygiene ist das höchste Gebot – es herrscht große Infektionsgefahr. Dabei gilt eine eiserne Regel, die fast jeden Dialysepatienten nervt: Der Waschlappen ersetzt das Vollbad. Man darf sich weder baden noch duschen. Krankenschwestern reinigen die unmittelbare Umgebung der "Tankstutzen" mit Alkohol.

"Maximal zwei Liter Flüssigkeit pro Tag", lautet die Anweisung der Mediziner.
Das Badeverbot treibt mich schier in den Wahnsinn. Die Haut juckt unter dem Mullverband und der Waschlappen spendet kaum Labsal. Die Sehnsucht nach einem Vollbad gerät schnell zur Besessenheit. Nur der ewige Durst und die unersättliche Gier nach kalten Getränken übertrifft den Ingrimm. "Maximal zwei Liter Flüssigkeit pro Tag", lautet die Anweisung der Mediziner. Jeder Tropfen zählt. Suppen landen deshalb als Erstes auf der Verbotsliste. Gemüse und gekochte Kartoffeln füllen das Zwei-Liter-Maximum schneller, als Nierenpatienten lieb ist. Da helfen nur gelegentliche Eiswürfel und viele saure, dünn geschnittene Zitronenscheiben, um den allgegenwärtigen Durst zu unterdrücken.

Nierenversagen bedeutet, dass fast kein Urin mehr ausgeschieden wird. Jeder Tropfen muss deshalb auf andere Weise aus dem Körper geholt werden. Bei der drei bis vier Stunden langen Blutwäsche verliert der Körper zwei bis vier Kilogramm Körperflüssigkeit – eine schwere, häufig von heftigen Kopfschmerzen begleitete Belastung des Kreislaufs. Außerdem sammelt sich die Flüssigkeit in Füßen und Beinen und beschädigt die Nerven.

Die Blutwäsche verhindert, dass der Körper vergiftet wird, und verlängert Leben. Aber die Dialyse zerstört in minimalen, aber kontinuierlichen Schritten den Körper. Je mehr Dialyse-Sitzungen ein Nierenkranker absolviert, umso stärker und umso spürbarer werden die gesundheitlichen Nebenwirkungen. Deshalb stirbt die Hälfte aller Patienten, die in Deutschland auf der Warteliste von Eurotransplant, einer Koordinierungsstelle für Transplantationen in acht europäischen Ländern, stehen, bevor sie eine Spenderniere erhalten.

Wer Todesangst hat, ändert seine Haltung zur Organspende schnell

Um an dieser Nierenlotterie mit ungewissem Ausgang bei Eurotransplant teilzunehmen, hätte ich meinen Beruf als Auslandskorrespondent beenden müssen und meinen Lebensunterhalt verloren. Andere Optionen fielen aus anderen Gründen aus. Ich stand vor dem Nichts. Als der Arzt mir eröffnete, dass meine Nieren innerhalb von zwei Jahren ihren Dienst aufgeben würden, beschloss ich, mich auf dem kommerziellen internationalen Markt nach einer Niere umzusehen.

Bald stellte sich heraus: Das war leichter gesagt als getan. Die bizarre Begegnung mit Raymond brachte den ersehnten Durchbruch. "Alles okay", meldete sich mein Vermittler irgendwann spät in der Nacht in Bangkok, "Raymond passt". Ich, der vergleichsweise betuchte Europäer, würde einem jungen Afrikaner Geld für eine seiner gesunden Nieren zahlen. Ich werde zur wandelnden Inkarnation des kranken Patienten, der sich auf dem florierenden, aber weltweit geächteten und von vielen als verwerflich betrachteten Organmarkt eine neue Zukunft kauft.

Ich kenne die moralischen und legalen Einwände, die gegen den kommerziellen Transplantationsmarkt erhoben werden. Ich habe sie auch lange selbst geteilt. Während meiner Krankheit stellte ich fest, in welch atemberaubendem Tempo diese Vorbehalte an Bedeutung verloren. Ich bewundere jeden Patienten, der über die Stärke verfügt, mit seinem Namen auf einer Liste jahrelang geduldig zu warten und die Hoffnung zu bewahren. Ich hätte wahrscheinlich nicht genug Kraft besessen, um diese Ungewissheit zu ertragen.

Eine mehrstündige Operation ist keine Nebensache

Ein paar Monate nach meiner Nieren-Safari stehe ich vor einer Klinik im Norden Mexikos. Wenn alles gutgeht, habe ich gerade meine letzte Dialyse hinter mich gebracht. Morgen soll eine Niere aus Raymonds Körper in meine Leiste transplantiert werden. Ich kann es kaum erwarten, auch wenn es letzten Endes um Leben und Tod geht. Eine mehrstündige Operation ist keine Nebensache. Aber nicht einmal der Satz eines britischen Nierenspezialisten vermag meinen Plan zu ändern. "Wir hören viel von Leuten, die mit einer neuen Niere zurückkehren", sagte der Mediziner, "aber wir erfahren nie von den Leuten, die nicht zurückkommen, weil sie die Operation nicht überlebt haben."

Die Leiterin des Dialysezentrums hat mich vor anderen Patienten verabschiedet: "Wünscht Willi viel Glück. Er soll morgen eine neue Niere erhalten." Mir wäre es lieber gewesen, sie hätte den Mund gehalten. Ich habe nur einen ausgesucht kleinen Kreis von Freunden und Bekannten in meine Pläne eingeweiht. Manche der Panikattacken, die mich regelmäßig überfallen, kreisen um eine einzige Befürchtung: Behörden könnten Wind von der Sache bekommen und die Operation stoppen.

Jede Verzögerung provoziert Zweifel

Ich fürchte, dass immer noch etwas schiefgehen kann. Das Krankenhaus könnte den Termin plötzlich verschieben. Raymond könnte plötzlich erkranken oder in letzter Sekunde "Stopp" sagen. Bei mir könnte unerwartet eine Infektion auftreten.

Acht Uhr an einem Dienstagmorgen: Es klopft. "Listo?", fragt die Krankenschwester, "Bereit?". Die Krankenschwester wartet nicht erst auf meine Antwort. Bevor ich mich versehe, rolle ich den langen Krankenhausflur entlang in Richtung OP. Die letzten Sekunden meines bisherigen Lebens sind angebrochen. Durch eine Kanüle am linken Handrücken wird ein Betäubungsmittel in meinen Kreislauf geleitet. Raymond liegt längst auf dem Operationstisch. Rund 30 000 US-Dollar hat der 28-Jährige von dem Geld erhalten, das ich einem Agenten überwiesen habe. Als wir vor der Operation einmal gemeinsam in der Abenddämmerung bei einem Glas Sprudelwasser am Rande des Hotelpools ausspannen, sagt er voller Spenderstolz: "Bei mir kannst du sicher sein, dass du eine richtig gute Niere bekommst." Später sehe ich auf einem Foto, dass Raymonds rosarote Niere nicht einmal einen ganzen Handteller füllt.

Wir haben viel Zeit miteinander verbracht. Neben dem putzmunteren Raymond wirke ich wie ein wandelndes Wrack. Per Dialyse wurde ich auf ein Körpergewicht von 68 Kilo gedrosselt. Nun schlottern alle Kleider an meinem Leib. Das Gesicht ist eingefallen, grau und von tiefen Furchen durchzogen. Ich bewege mich langsam wie ein Greis.

Am schlimmsten für die Gemütsverfassung aber war während der vergangenen Monate meine panische Suche nach einer Niere. Jeder Absage folgt ein Stimmungsabsturz. Jede Verzögerung provoziert Zweifel. Die auf dem Spiel stehenden hohen Geldsummen, die ohne Quittung und ohne klaren Verwendungszweck zwischen Banken in verschiedenen Ländern der Welt nach dem Vorkasseprinzip umhergeschoben werden, fördern die Unsicherheit. Ich werde keinen Cent wiedersehen, wenn ein Betrüger bei mir abkassiert.

Kehrtwende in meinem Leben

Jetzt aber ist die Kehrtwende in meinem Leben da. Ich habe während der vergangenen Wochen zwischen Telefon und Internet in jeder freien Minute diesen Transplantationstermin organisiert. Jetzt, vor Kälte zitternd auf dem Tisch im OP, fühlen sich Sekunden wie Ewigkeiten an.

Nach ein paar Stunden wache ich am frühen Nachmittag in meinem Krankenhausbett unter einer ganzen Batterie von Infusionsflaschen auf. Der Arzt hebt einen Beutel, in dem sich tiefgelber Urin sammelt. Raymonds Niere funktioniert!

Schließlich kann ich mich doch zu einer Frage aufraffen: "Wieso ist der Verband rechts?" Vor der Transplantation hatte der Chirurg immer auf meine linke Leiste als vorgesehenem Platz für die fremde Niere gezeigt. "Ich habe sie rechts eingepflanzt", sagt er. Nun bin ich überraschenderweise also ein Nierenrechtsträger. Aber die Körperseite spielt nun wirklich keine große Rolle – und ändern lässt sich das eh nicht mehr.

Ein paar Tage später schenkt der Arzt mir Dutzende von Fotos, die seine Assistentin während der stundenlangen Transplantation aufgenommen hat. Auf einem Video ist festgehalten, wie Klemmen weggenommen werden und mein Blut erstmals durch Raymonds Niere in meinem Körper strömt.

Nach zwei Tagen schlurfe ich, das Gesicht hinter einer Maske verborgen, schon wieder den Flur entlang. "Ambulando bastante" – wandert genug umher – notiert die Krankenschwester säuberlich im Patientenbuch. Zwei Tage nach der Transplantation steht Raymond, wegen der Infektionsgefahr vom Scheitel bis zur Sohle vermummt, in der Tür.

"Wie funktioniert meine Niere?", fragt er. "Gut", antworte ich vom Krankenbett.
Willi Germund

Der 60-Jährige lebt seit 2001 in Bangkok, Thailand, und ist Asien-Korrespondent der BZ. Er möchte mit diesem Buch niemanden provozieren und nichts rechtfertigen, sondern die Sicht eines Betroffenen darstellen.



Buchtipp:
Willi Germund: Niere gegen Geld. Rowohlt Verlag, Reinbek 2015. 202 Seiten, 9,99 Euro

Autor: Willi Germund