Hessen

Fatale Löcher: Unbekannter vergiftet Bäume

Christian Engel und dpa

Von Christian Engel & dpa

Mi, 05. April 2017 um 00:00 Uhr

Panorama

Im hessischen Hünfelden vergiftet ein unbekannter Täter mehrere Bäume. Das Gift breitet sich langsam aus. Es wandert vom Stamm bis zur Krone, die zu wenig Wasser bekommt, vertrocknet, stirbt.

Während der Gartenarbeit bemerkt Frank Rühl

die Löcher: neun an der Zahl, in Kniehöhe, in dem Stamm einer Birke. In jener Birke, die ihm sein mittlerweile verstorbener Vater zur Geburt pflanzte. Ein Unbekannter muss die Löcher in den Stamm hineingebohrt haben. Die Gutachter, die Rühl daraufhin anruft, werden später sagen, dass die Löcher mit Hilfe eines Bohrers entstanden sind – und schlimmer: Dass jemand in die Bohrlöcher Glyphosat geschüttet hat, Gift, das den Baum langsam tötet.

Noch sechs Monate nach dem Ereignis ist Frank Rühl fassungslos. Im Gespräch mit der Badischen Zeitung schildert er, wie er die Löcher entdeckt hat. In seinem Leben werde nie wieder ein so schöner Baum wachsen, sagt der 67-Jährige. Wer der Täter ist, weiß er nicht. Er hat Vermutungen, will sich dazu aber nicht konkret äußern. Nur so viel: "Wir wurden von manch einem wegen des Baumes bisweilen angefeindet", sagt Rühl. Einer habe die Birke mal als Dreckschleuder bezeichnet.

Frank Rühl ist in der Gegend um Hünfelden nicht das einzige Opfer dieser Art. In der Region geht die Angst um vor dem "Baum-Hasser vom Taunus". Als erstes fiel eine große, dreistämmige Eiche dem Unbekannten zum Opfer. Sieben Löcher bohrte jemand rundum in den Stamm und füllte Gift hinein. "Wir vermuten, dass es Glyphosat war", sagt Michael Becker, Umweltbeauftragter von Hünfelden. Die Eiche ging ein, die Gemeinde pflanzte nach und stellte Strafanzeige gegen Unbekannt. Auch die jungen Bäume wurden beschädigt.

Was bizarr klingt, ist für Joachim Schnabel kein ungewöhnlicher Fall. Der Sachverständige wird vom Regierungspräsidium Kassel hinzugerufen, wenn Bäume, Hecken und Sträucher ohne erkennbare Ursache erkranken. Seit etwa zehn Jahren ist der vereidigte Gutachter tätig und stellt fest: "In den vergangenen vier bis fünf Jahren häufen sich die Fälle von Baum-Morden in Hessen." Bis zu 15 Mal pro Jahr analysiert er im Auftrag von Polizei oder Staatsanwaltschaft, ob ein Baum vergiftet wurde. "Die tatsächliche Anzahl der Baum-Morde ist sicherlich noch sehr viel höher."

"Dass man so weit geht, verstehe ich nicht", sagt die Bürgermeisterin von Hünfelden, Silvia Scheu-Menzer. Vielleicht habe sich jemand an dem Laub gestört, mutmaßt sie. "Vermutlich werden wir herausfinden, was hier vor sich ging." Ein kleines Stück von der Eiche entfernt verendete eine Blutbuche. An ihrer Stelle steht heute eine Platane, der Dorfplatz wird per Videokamera überwacht. "Immerhin ist seither Ruhe", sagt Scheu-Menzer. Den Schaden schätzt sie auf mehr als 10 000 Euro.

Laut Experte Schnabel gibt es verschiedene Vorgehensweisen: Entweder bohren die Täter den Stamm an und füllen einen giftigen Wirkstoff hinein.

Der Baum verteilt ihn dann bis in die Äste. "So kann auch ein großes Exemplar innerhalb von vier bis sechs Wochen absterben", erklärt der Experte. Oder die Erde werde mit einer Koch- oder Winterstreusalz-Lösung gegossen. "Eine ganz fiese Sache", sagt Schnabel. "Die Bäume vertrocknen quasi von innen."

Warum tötet jemand Bäume? Der Psychoanalytiker Hans-Otto Thomashoff aus Wien kann nur spekulieren. "Zum einen gibt es die rein faktische Seite", sagt der Psychiater. "Der Baum stört, jemand will ihn weg haben." Vermutlich hätten einige aber auch einfach Spaß daran, ein wehrloses Wesen zu töten, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Der Baum stehe für etwas Großes, Starkes und Stabiles, gerade in der Eiche stecke eine Menge Symbolik, erklärt Thomashoff. "Sie dahinsiechen zu sehen, bedient das Machtgefühl und befriedigt die Aggression."

Frank Rühl hat eine Belohnung von 1000 Euro für Hinweise auf den Täter ausgesetzt. Er beobachtet seine Birke fast täglich – und stellt dabei fest, dass die Blätter diesen Frühling kleiner sind als sonst. Gutachter haben dem Baum zwei, vielleicht drei Jahre gegeben. Die Hoffnung, dass seine fast zehn Meter hohe Birke das Gift überlebt, ist bei Frank Rühl gering. "Dann bleiben nur noch Erinnerungen an sie", erzählt er. Erinnerungen an seinen Vater, wie stolz er stets auf den Baum gewesen ist. An das Klettern mit seinen Schulfreunden. An die vielen Vögel, die er beim Nestbauen beobachtet hat. "Dass meine Birke wohl sterben wird", sagt er, "tut mir im Herzen weh."