Kopenhagen

Kleine Meerjungfrau ist blutrot gefärbt

André Anwar

Von André Anwar

Mi, 31. Mai 2017 um 00:00 Uhr

Panorama

Unbekannte haben das Wesen aus Hans Christian Andersens Märchen wieder einmal verunstaltet. Mutmaßlich fordern Tierschützer so ein Ende der färöischen Grindwaljagd.

Seit 1913 blickt die Kleine Meerjungfrau schwermütig vom Kopenhagener Hafen auf das Meer hinaus. In der Nacht zum Dienstag haben Unbekannte das Wesen aus Hans Christian Andersens Märchen wieder einmal verunstaltet. Die Bronzestatue war in blutrote Farbe getränkt. Offenbar haben Tierschützer die Statue angemalt. Doch bekannt hat sich niemand.

Seit über hundert Jahren wird die "Lille Havsfrue" immer wieder Anschlagsziel für die unterschiedlichsten Interessen gewesen. Jedesmal wenn das passiert, ist es eine Hauptnachricht in Dänemark. 1964 und 1998 wurde sie geköpft. Einmal ermittelte deshalb sogar die dänische Mordkommission. Sie wurde umgestoßen und sollte in die Luft gesprengt werden oder aber in einer Burka verschleiert. "Ein weiteres Mal wurde das nationale Kleinod dem Vandalismus ausgesetzt", schreibt etwa die Zeitung Politiken. Die Polizei tappt bislang im Dunklen. "Ich kann nicht viel mehr sagen, als dass sie nicht mehr bronzefarben ist", meldete der diensthabende Kopenhagener Polizist Thomas Tarpgaard.

Auf dem Weg zum Touristenmagneten stand in riesigen roten Buchstaben und englischer Sprache damit die ganze Welt es versteht: "Dänemark verteidigt die Wale der Färöer-Inseln". Die Aktion wirft Licht auf ein unbarmherziges Volksfest auf den Inseln. Die teilautonome dänische Inselgruppe mit eigener nordischer Sprache und Flagge liegt im Nordatlantik. Die rund 50 000 dort lebenden Nachkommen der Wikinger sind stolz auf ihre Identität.

Zu der zählt auch ein, laut archäologischen Funden, über 1000 Jahre altes Ritual: eine Treibjagd zu Wasser, die sich "Grindadràp" nennt. Dabei werden laut Tierschützern jährlich rund 900 zur Art der Delphine zählende Grindwale und 300 Weißseitendelfine regelrecht abgeschlachtet. Sobald Meeressäuger in der Nähe der Küste gesichtet werden, wird diese Nachricht in Windeseile verbreitet. Die Färinger fahren mit ihren Booten raus, um die Meeressäuger in eine flache Bucht zu treiben. Dort warten andere Insulaner im knietiefen Wasser. Spitze Stäbe werden tief ins Blasloch am Rücken der Tiere gerammt, um deren Echo-Ortungssystem außer Kraft zu setzen.

Tierschützer halten das nicht einmal für das Schlimmste. Mit traditionell angefertigten Messern schneiden die Insulaner den orientierungslos zappelnden Tieren dann die Kopfschlagader durch. Die ganze Bucht färbt sich dabei blutrot. Weil die Sauerstoff atmenden Meeressäuger selbst unter Wasser bis zu 20 Minuten ohne Sauerstoff auskommen können, verbluten sie, anders als Menschen, mit vollem Bewusstsein. Dabei spüren sie alle folgenden unnötigen Messerstiche, die besonders aufgehetzte und oft auch angetrunkene Jäger austeilen. Wenn sie endlich tot sind, werden sie mit Haken an Land gehievt. Dort werden die Bäuche aufgeschlitzt, damit die Gedärme rausfallen.

Manchmal fällt dabei auch ein Baby aus dem toten Leib der Mutter. Viele Kinder wohnen dem Spektakel bei und lernen, dass das alles ganz normal ist. Weil es auf den Färöer Inseln keine Bäume und somit keine Wälder mit Jagdwild gibt, freuen sich alle auf das volksfestähnliche Spektakel.

Die Einwohner stören sich sehr an den zumeist US-amerikanischen Tierschützern. Die Tierschutzorganisation "Sea Shepherd" ist jedes Jahr Vorort. Einmal hatte sie dazu sogar Pamela Anderson eingeflogen. Bislang ohne Erfolg. Mit dem Anschlag auf die Meerjungfrau hätten sie nichts zu tun beteuert "Sea Shepherd" aber. Doch man sympathisiere mit der Botschaft.

"Es ist völlig legitim, Tiere zu töten, um sie zu essen. Die Grindwale sind nicht vom Aussterben bedroht. Insgesamt geht es ihnen tausendmal besser als Kühen, Schweinen und Geflügel in der Massentierhaltung der Länder aus denen diese Tierschützer den weiten Weg zu den Färöern zurücklegen", rechtfertigte dahingegen der konservative Politiker Rasmus Jarlov das Vorgehen im dänischen Rundfunk DR. "Also hört auf so heuchlerisch zu sein und konzentriert euch endlich auf die wichtigen Tierschutzangelegenheiten, statt denen hinterherzueifern, die die dramatischsten Videoaufnahmen versprechen", sagte er.