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15. März 2012 00:01 Uhr

Wissenschaft

Leichen im Keller: Kölner Anatomie in der Kritik

Namenlose Tote, vergessene Körper und ein Professor, den der Skandal in seinem Institut in den Suizid trieb – die Kölner Anatomie macht schaurige Schlagzeilen.

  1. Nackt, namenlos, mit Zettel am Fuß: Leichnam in einer deutschen Uniklinik. Foto: Kay Nietfeld

Die Toten im weiß gekachelten Präparationssaal des Anatomischen Instituts haben keine Namen mehr – nur Nummern. Die Körper sind nach der monatelangen Lagerung im Formaldehyd-Bad gelblich, die Köpfe rasiert, die Gesichter maskenhaft. Wer seine leiblichen Überreste nach seinem Tod einer Uniklinik zur Verfügung stellt, bleibt anonym – auch für die Medizinstudenten, die diesen Leib über Monate bis in das kleinste Detail studieren. Sie kennen lediglich Alter und Geschlecht.

Der Respekt vor den Körperspendern steht an oberster Stelle – heißt es auf der Homepage der Kölner Universität. Und so haben es die Professoren ihren Studenten bisher auch beigebracht. "Wir achten strikt auf einen angemessenen und würdevollen Umgang mit den uns zur Verfügung gestellten Körpern", versichern die Institutsverantwortlichen im Internet der Öffentlichkeit.

Ein ethischer Grundsatz, der sich für ein akademisches Institut nicht nur von selbst verstehen sollte, für eine Uniklinik ist er sogar überlebenswichtig. Auch 2400 Jahre nach Ärzteahn Hippokrates ist noch niemand ein Verfahren eingefallen, das ähnlich plastisch und erfolgreich den zukünftigen Medizinern eine Vorstellung davon vermittelt, wo die Adern, Muskeln und Knochen verlaufen, die sie später in ihrem Berufsleben einmal heilen und womöglich sogar operieren sollen.

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"Wir gehen lediglich von

einer problematischen

Aktenführung als Grund aus."

Der Dekan über die "Versäumnisse"
Umso erschreckender ist es, dass genau dieser ethische Grundsatz des würdevollen Umgangs mit den Toten in Köln nun verletzt worden sein soll. Wobei dieses Wort fast noch zu harmlos klingt angesichts von Toten, die vergessen in den Kammern des Instituts auf ihre Beerdigung harrten, namenlosen Leichen, denen kein Mensch mehr ihre Identität zuordnen konnte, und Plastikeimern im Kellerwinkel mit der Aufschrift "Nasen" und "Neugeborenen" von denen Augenzeugen dem Spiegel berichteten.

"Eine furchtbare Geschichte" nennt am Tag nach Bekanntwerden des Skandals ein atemloser Sprecher der Universität die Umstände und den "Bestattungsrückstau". Eine Geschichte, die ihren traurigen Höhepunkt wenige Tage später erreicht, als sich der ehemalige Leiter des anatomischen Instituts das Leben nimmt.

In einer ersten Pressekonferenz, eilig angesetzt für den 16. Februar, hatte die medizinische Fakultät zuvor erstmals Stellung zu den Unregelmäßigkeiten genommen. Es ist Weiberfastnacht. Während halb Köln vor den Kneipen der Stadt Schlange steht, wird der anderen Hälfte von geschätzten 80 Toten berichtet, die – obwohl bereits präpariert und dementsprechend nicht mehr für die Ausbildung benötigt – nie bestattet wurden. Ein junger Arzt hatte sich zuvor an die Medien gewandt und von den Zuständen in Gebäude 35 der Kölner Uniklinik erzählt. Bei drei der Leichen konnte bis heute nicht geklärt werden, um wen es sich bei den Verstorbenen handelt.

Bereits drei Tage vor ihrem Geständnis per Pressekonferenz hatte die Universität am 13. Februar die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Die Ermittler prüften, ob Straftatbestände wie die Störung der Totenruhe oder eine Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener vorliegen. Letztlich sah man keinen Anlass für die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens. Einen strafrechtlichen Verstoß gibt es also nicht – einen moralischen dafür umso mehr.

"Wir bedauern diese Unregelmäßigkeiten zutiefst und gehen lediglich von einer problematischen Aktenführung als Grund für die Versäumnisse aus", erklärte der Dekan der medizinischen Fakultät, Professor Thomas Krieg, den Journalisten. Von "komplett zusammengebrochener Buchführung" ist am 16. Februar die Rede und einem "unsachgemäßen Umgang mit Körperspendern". Einige Körperteile sollen sogar verschimmelt gewesen sein, weil die Temperatur in den Lagerräumen "nicht optimal" war. Das erklärt zumindest Professor Markus Rothschild, ein Rechtsmediziner, den die Uni zur Klärung der Zustände hinzugezogen hat.

Schnell geriet der ehemalige Institutsleiter in den Mittelpunkt des Skandals. Zunächst war es die Universität, die den Verdacht auf ihn lenkte. Die Zustände, so hatte diese berichtet, seien nach einem Amtswechsel ans Licht gekommen. Dann stellte die Presse den 66-Jährigen an den Pranger. Boulevardmedien in Köln zeigten sein Foto neben Artikeln über die "Leichen-Schlamperei". Die Universitätsleitung schwieg. Auch der beschuldigte Anatom und sein Nachfolger waren für Stellungnahmen nicht zu erreichen. Niemand schien gewillt, den Eindruck zu korrigieren. Eine Woche später war der Mediziner tot. Seine Familie hatte ihn als vermisst gemeldet, als er nicht von einem Spaziergang zurückgekehrt war. Spürhunde des Roten Kreuzes fanden seine Leiche in der Nacht auf den 23. Februar auf einer Lichtung. Er hatte sich erstochen.

Bei sich trug er einen Abschiedsbrief an seine Frau und seine vier Töchter. Aus diesem Brief geht hervor, dass er die Wucht der Vorwürfe nicht habe ertragen können. Aus dem Kreis seiner Familie heißt es später: "Er hat sich gefühlt, als würde sein Lebenswerk innerhalb weniger Tage pulverisiert." Der Wissenschaftler war "im Innersten getroffen".

Inzwischen weiß man manches besser. So hat sich herausgestellt, dass der Beerdigungsstau und die namenlosen Leichen nicht erst nach dem Amtswechsel entdeckt wurden. Der tote einstige Geschäftsführende Direktor soll zwar von den Zuständen gewusst haben, sein Nachfolger allerdings auch. Beide Professoren arbeiteten über Monate gemeinsam im Institut. Und beide haben angeblich ein Schreiben unterzeichnet, in dem das künftige Vorgehen dokumentiert ist.

Der Verstorbene hatte immer wieder mit einer Mitarbeiterin, die für die Bestattungen zuständig war, darüber gesprochen, dass sich mehr Leichen als üblich im Keller befinden und sie aufgefordert, Bestattungen zu organisieren. Aus Rücksicht auf die Mitarbeiterin, die wegen einer schwer erkrankten Tochter häufig fehlte, hatte er zunächst auf eine Abmahnung verzichtet. Sein Nachfolger stellte sie später frei.

"Er hat sich gefühlt, als würde sein Lebenswerk innerhalb weniger Tage pulverisiert."

Die Familie des toten Anatomen
Warum der Professor sich nicht gegen die Darstellung der Uni gewehrt hat, er allein habe die Kontrolle über die Dinge verloren, erklärt jemand aus dem Umfeld seiner Familie so: "Er wollte nicht derjenige sein, der Ross und Reiter nennt. Das war nicht seine Art."

Wie beliebt der ehemalige Anatomiechef war, demonstrierten seine Studenten gleich nach der Nachricht von seinem Tod. Sie legten Blumen vor dem Anatomischen Institut nieder, dazu Briefe und Fotos, zündeten Kerzen an. In der Kirche der Uniklinik war bei einer Trauerfeier kaum Platz für all jene, die sich von dem Professor verabschieden wollten. "Wer bei ihm gelernt hat, ist stolz darauf", sagte eine angehende Ärztin. Die Studenten gründeten eine Facebook-Gruppe, mehr als 1600 Mitglieder traten ihr bei und erinnern an den gemeinsamen Lehrer, der vor allem wegen seiner menschlichen Art beliebt war. "Für mich war er so, wie man Profs im Fernsehen oder Filmen immer darstellt", schreibt eine Studentin. "Ein älterer Herr mit unheimlich viel Wissen, der immer ein offenes Ohr für uns hatte."

Nach dem Suizid meldet sich auch Axel Freimuth zu Wort, der Rektor der Universität. "Ich bin zutiefst erschüttert und schockiert", sagt er. "Wenn wir den Eindruck erweckt haben, dass er allein verantwortlich war, bedauern wir das sehr."

Die meisten der 80 Toten sind inzwischen bestattet. Doch Freimuth erwähnt beinahe nebenbei, dass man die drei namenlosen Leichen in einem Lagerraum entdeckte, der seit 20 Jahren nicht mehr regelmäßig benutzt wurde. "Ich kann nicht sagen, wie lange die Leichen dort lagen."

In dem Raum wurden auch Tierkadaver gefunden, die laut Freimuth aus einer früheren Zusammenarbeit mit dem Zoo stammen könnten. Außerdem soll es in der Anatomie einen Leichentank geben, der wegen eines defekten Krans nicht mehr geöffnet werden konnte. In diesem Tank liegen noch weitere Tote, deren Identität zwar bekannt ist, die aber derzeit nicht aus dem Behälter geholt werden können. Die Missstände an der Kölner Uni gibt es möglicherweise also schon seit Jahrzehnten.

Existiert der Missstand

schon seit Jahrzehnten?

Nicht nur die Studenten des toten Professors fordern eine lückenlose Aufklärung der Versäumnisse – Aufgabe der Uni ist es auch, die Identitäten der namenlosen Toten herauszufinden und das Institut so auszustatten, dass ein pietätvoller Umgang mit Körperspendern möglich ist.

Die Alma Mater selbst schweigt. Bei der Aufarbeitung der Angelegenheit soll nun eine externe Untersuchungskommission helfen, die mit Mitgliedern aus anderen Universitäten bestückt wird. "Der Verstorbene hat uns immer ermahnt, die Leichen zu würdigen und respektvoll mit ihnen umzugehen", schreibt eine Studentin. Möglicherweise war der Anatom selbst in einem Dilemma, als er sich vor die Mitarbeiterin stellte, die die Organisation der Bestattungen vernachlässigte. Seine Studenten haben von ihrem Lehrer neben der Erinnerung auch noch eine Mahnung mit auf den Weg bekommen, die er ihnen ins Lehrbuch schrieb: "Ihr studiert Humanmedizin. Das heißt, ihr sollt human mit euch, euren Kollegen und mit euren Patienten umgehen."
Eine Messe für den Körperspender
Auch die Universität Freiburg unterrichtet ihre Medizinstudenten in einem anatomischen Institut und genau wie in Köln lernen auch im Breisgau die zukünftigen Mediziner den menschlichen Körper beim Präparieren einer menschlichen Leiche kennen. Dass die Regeln von Anstand und Pietät dabei stets eingehalten würden, dafür könne sie hundertprozentig garantieren, so Kerstin Krieglstein, die Leiterin des Instituts. Insgesamt 50 Menschen stellen hier jedes Semester ihren Körper für Forschung und Lehre zur Verfügung, die überwiegende Mehrzahl von ihnen, so die Anatomin, weil sie unheilbare Krankheiten kennengelernt hätten und durch die Spende des eigenen Körpers nach ihrem Tod dazu beitragen wollten, dass Medizin und Mediziner diese zu heilen lernen. Damit dieses Vermächtnis auch tatsächlich umgesetzt wird, habe man in Freiburg ein dreifach gesichertes Identifikationssystem eingerichtet, versichert Kerstin Krieglstein. Farb- und Zahlencodes sorgen dafür, dass jeder jederzeit den Überblick hat, wo sich welches Präparat befindet. "Das ist eine Frage des Berufsethos", so die Wissenschaftlerin. Zudem sei die Anatomie in Freiburg auch nur halb so groß wie die in Köln – "wir haben hier keine vergessenen Räume", erklärt Krieglstein. Alle, die eine Spende erwägen, werden zudem zu einem persönlichen Gespräch eingeladen und können sich bei dieser Gelegenheit vor Ort genau über die Arbeit und die Gegebenheiten im Institut erkunden. Die Bereiterklärung zur Spende erfolgt dann durch die Unterschrift unter ein Vermächtnis. Dieses kann aber jederzeit durch eine kurze Notiz vom Entscheidungsträger ohne die Nennung von Gründen rückgängig gemacht werden. Die Freiburger Anatomen versprechen zudem, dass dieses Testament nur eingelöst wird, wenn sich nach dem Tod Angehörige oder Pflegeheim beim Institut selbstständig melden. Bis zu zwei Jahre werden die Leichname in Anatomieinstituten im Formaldehydbad konserviert, bevor sie im Präparationskurs bei den stets beaufsichtigten Studenten eingesetzt werden. Zugesichert wird auch ein würdevoller letzter Abschied: In einer eigenen Trauerfeier gedenken in Freiburg Studierende, Lehrende und Angehörige nach Abschluss des Anatomiekurses im Münster gemeinsam den Verstorbenen. Das Begräbnis wird ebenfalls in der Regel von der Fakultät für Medizin organisiert, die auch die Kosten der Bestattung übernimmt.

Autor: Claudia Hauser und Michael Brendler