Kriminalität

Mehr Morde in London als in New York

Peter Nonnenmacher

Von Peter Nonnenmacher

Do, 05. April 2018 um 20:59 Uhr

Panorama

Seit Anfang des Jahres gab es durchschnittlich jeden zweiten Tag einen Mord in London. Meist sind die Opfer junge Menschen, die Mehrzahl stirbt durch Stich-, nicht durch Schusswaffen. Die Gründe werden in der Politik der vergangenen Jahre verortet.

Die Abendnachrichten sind derzeit voll mit Meldungen über Jugendliche und jüngere Leute, die irgendwo in der Stadt erdolcht oder erschossen aufgefunden worden sind. Über 50 solcher Morde hat es in den ersten knapp 100 Tagen des Jahres gegeben. Einen Mord also im Schnitt jeden zweiten Tag. London habe damit New York bereits überholt, berichteten britische Zeitungen alarmiert. Das stimmt zwar nur für den Monat März (22 Tote in London gegen 21 in New York), doch während die Mordrate in New York seit 1990 um 87 Prozent zurückgegangen ist, ist die Londons in den vergangenen drei Jahren um 40 Prozent gestiegen.

Allein diese Woche traf es vier Personen, darunter einen 16-Jährigen und eine 17-Jährige, die am Montagabend in zwei verschiedenen Londoner Stadtteilen auf offener Straße getötet wurden. Beide sollen in Gang-Kriegen als Unbeteiligte zwischen die Fronten gekommen sein.

Fast alle Opfer sind jung, die meisten schwarz

Tanesha Melbourne-Blake, die 17-Jährige, war mit Freundinnen in Tottenham unterwegs, als sie aus einem vorbeifahrenden Auto erschossen wurde. Es hätte jede ihrer Begleiterinnen treffen können. Andere Opfer erwischt es vor Schulen, an Kinotüren, in Höfen von Wohnblocks, in U-Bahn-Stationen. Die meisten fallen Angriffen mit Messern zum Opfer. Fast alle Opfer sind jung, die große Mehrheit ist schwarzer Hautfarbe.

Für Tottenhams Labour-Abgeordneten David Lammy, der seit Langem auf das Problem hinweist, hat die Sache eine neue Qualität erreicht: "Was wir jetzt erleben, ist schlimmer als alles, was ich bisher erlebt habe. Eltern, Freunde, Familien, Schulen sind traumatisiert und trauern. Und es gibt kein Zeichen dafür, dass diese Gewalt abebben wird", erklärte er.

Drogen kaufen ist in London "so leicht wie Pizzas bestellen"

Lammy beängstigen vor allem die neuen, brutalen Drogenkriege in der Stadt: "Es gibt hier einen Kokain-Markt im Wert von elf Milliarden Pfund. Wir sind der Drogenmarkt Europas, und ich fürchte, unsere Polizei und unser Land haben die Kontrolle über diesen Markt verloren. Schon Kinder im Alter von zwölf oder 13 werden als Boten rekrutiert." An Drogen zu kommen, sei heute in London "so leicht wie Pizzas bestellen".

"Die greifen sich, bevor sie aus dem Haus gehen, ein Messer mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der sie die Schuhe anziehen." Ira Campbell
Ein weiteres Problem, meint Lammy, sei die soziale Benachteiligung ganzer Bevölkerungsschichten, die hohe Arbeitslosigkeit unter jungen schwarzen Männern sowie die Reduktion von Jugend-Programmen.

Auch der Bürgermeister Londons, Sadiq Khan, sieht in der Austeritäts-Politik, "in den Kürzungen im Jugendbereich", einen Hauptgrund für die Zunahme der Gewalt. 22 Millionen Pfund sind nach Angaben von Sozialarbeitern in diesem Sektor in den letzten sieben Jahren eingespart worden. 30 Jugendzentren in London haben schließen müssen. Jugendhelfer-Jobs der Gemeinden wurden um fast 40 Prozent gekürzt. Mittlerweile sei Selbstbewaffnung für viele Jungen Normalität, erzählt Ira Campbell, Direktor eines Jugendzentrums in Süd-London: "Die greifen sich, bevor sie aus dem Haus gehen, ein Messer mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der sie die Schuhe anziehen." Londons Polizeipräsidentin Cressida Dick verweist auf die Rolle sozialer Medien. Durch diese könnten triviale Streitigkeiten "binnen Minuten" zu todernsten Auseinandersetzungen werden.

Für Vicky Foxcroft, die Labour-Abgeordnete von Lewisham, die nach dem Tod von fünf jungen Leuten in ihrem Wahlkreis einen "Anti-Gewalt-Ausschuss" gründete, sind scharfe Maßnahmen der Regierung mehr als überfällig: "Wenn so viele junge Leute bei einem Fußballspiel oder einem Konzert ums Leben gekommen wären, hätte man sofort eine Untersuchungs-Kommission angesetzt."