Großmarkt in Tokio

Nach den Fischen kommen die Ratten

Angela Köhler

Von Angela Köhler

So, 14. Oktober 2018 um 19:33 Uhr

Panorama

Der Tsukiji in Tokio ist der größte Fischmarkt der Welt – und nach 83 Jahren etwas in die Jahre gekommen. Jetzt ist der Markt – sehr zum Missfallen vieler Menschen – in ein modernes Gebäude umgezogen.

Am Donnerstagmorgen läutete um halb sechs Uhr die große Glocke eine neue Ära ein. Der berühmteste Fischmarkt der Welt, der Tokioter Tsukiji, wurde an seinem neuen Standort, gut zwei Kilometer vom alten Areal entfernt, offiziell eröffnet.

Bei der ersten Thunfisch-Auktion kam ein 214 Kilogramm schwerer Riesenfisch für umgerechnet 33 000 Euro unter den Hammer. Die legendäre Versteigerung – auf dem alten Markt das definitive Spektakel für Touristen aus aller Welt – fand diesmal noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Erst am Samstag dürfen Gäste den neuen Markt besuchen, auf dem jetzt 900 Händler täglich rund 480 verschiedene Meerestiere verkaufen.

Der alte Tsukiji schloss vergangenen Samstag. Damit endete eine Ära, die viel Ärger mit sich brachte. Über 20 Jahre lang gab es erbitterte Diskussionen darüber, wie mit diesem viel besuchten historischen Bauwerk verfahren werden soll. Der Fischmarkt, 1935 aus damaliger Sicht großzügig gebaut, platzte schon lange aus allen Nähten. Die Bedingungen waren rustikal bis unzumutbar, meist ohne Brandschutz, Erdbebensicherheit und oft auch ohne die gebotene Hygiene.

Allen war klar, irgendetwas musste passieren – nur was? Renovieren, erweitern oder gleich umziehen? 2001 fällte der damalige Gouverneur dann das vernichtende Urteil: "Der Tsukiji ist alt, stinkig, schmutzig." Der Markt sollte umziehen. Viele Marktbetreiber meuterten und trauerten um den 83 Jahre alten Großmarkt. Die meisten Händler und Kunden nahmen schweren Herzens Abschied, mehr als 80 Prozent der Hauptakteure waren gegen den Umzug.   

Sternekoch Lionel Beccat vom Restaurant "Esquisse" in dem nahegelegenen ultraschicken Viertel Ginza war seit zwölf Jahren regelmäßiger Kunde. Für ihn bleibt "das Meerreich der Metropole" eine einzigartige Welt für sich. "Der Tsukiji macht süchtig, und er inspiriert, er ist der Ort, an dem ich am meisten in meinem Leben gelernt habe." Sein Hauptlieferant Masatake Ayabe arbeitete 30 Jahre lang auf dem Tsukiji. Er fürchtet, dass die Geschäfte in dem neuen Quartier nicht mehr so gut laufen werden. Die Kunden würden den zwei Kilometer längeren Weg scheuen und vor allem die einzigartige Atmosphäre vermissen. 

Das neue Domizil fand nie wirklich Freunde. Dass die Politik den gigantischen Markt ausgerechnet auf dem Gelände einer ehemaligen Gasfabrik ansiedelte, war von Anfang an problematisch. Man hat auf 40 Hektar zwar fast doppelt so viel Platz, vor allem für moderne sanitäre Einrichtungen und Kühlketten. Aber eben keinerlei Flair, dafür möglicherweise sogar Giftaltlasten.  Die für 2016 geplante Verlegung musste immer wieder verschoben werden, die Kosten stiegen wegen aufwendiger Dekontaminierungsarbeiten auf rund 4,6 Milliarden Euro.     

Viele Japaner plädierten dafür, den Tsukiji als Unesco-Weltkulturerbe zu erhalten. Mit seinen Händlern, Sushi-Kneipen, Nudelständen und Minishops bot er nicht nur jede Menge Folklore, sondern auch die Nostalgie der guten alten Zeit. Für viele Tsukiji-Fans ist es jetzt zumindest ein Trost, dass wenigstens der äußere Ring des Marktes mit seinen rund 500 Geschäften und Restaurants bestehen bleibt. Auf den neuen Markt ziehen in erster Linie die Groß- und Zwischenhändler. Touristen dürfen künftig nicht mehr in das Getümmel der Markthalle. Für sie wurde eine Besuchergalerie mit Aussichtsplattform errichtet. Der innere Kern des Marktes soll für die in Tokio stattfindenden Olympischen Sommerspiele 2020 zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt umfunktioniert werden. Was danach mit dem Grundstück in bester Citylage geschieht, ist noch unklar.

Ein Problem für den nun geschlossenen Tsukiji sind Tausende Ratten, die sich in den Kanälen tummeln. Anwohner im Viertel Ginza fürchten, dass die Tiere nun die Edelboutiquen und Luxusrestaurants erobern. Deshalb werden vor dem Abriss die Kanalisation verschlossen und hohe Stahlwände aufgestellt. Innerhalb dieser Festung sollen Kammerjäger die Ratten mit Gift und Klebefallen vernichten.