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05. Juli 2011 16:05 Uhr
Italien
Neapel und der Müll: Die Sache stinkt zum Himmel
Neapels neuer Bürgermeister wollte mit Mülltrennung das Image der Stadt in Italiens Süden aufpolieren. Jetzt schaut er in die Abgründe mafiöser Strukturen.
In der Stadt hat es schon wieder gebrannt. Noch immer wabert der beißende schwarze Rauch durch die Gassen. Die Bilder von brennenden Müllhalden inmitten von Neapel sind um die Welt gegangen. Noch immer versinkt Neapel im Müll. Die Luft ist verpestet, die Neapolitaner sind verzweifelt, wütend und ohnmächtig zugleich.
Der Himmel über Neapel ist diesig vom Müllrauch. Wer ankommt in der Stadt, ist kaum verwundert. Man hat ja schließlich eine Meinung von dieser Stadt: Neapel ist der am Golf liegende stinkende, kriminelle, bettelnde Landstreicher unter Italiens Großstädten. Neapel ist nicht mehr zu helfen, diesem korrupten Krattler. Ganz zu schweigen von der Camorra.
Deshalb kann man den schneidigen Mann an seinem Schreibtisch bemitleiden. Es ist Luigi de Magistris, vor vier Wochen gewählter neuer Bürgermeister von Neapel, der Mann, der dem Landstreicher Neapel in den Hintern treten will.
Er würde seine Geburtsstadt natürlich nie so bezeichnen. Schon gar nicht in diesen Hallen: Im Palazzo San Giacomo, nicht weit vom Hafen, ziemen sich solch harte Worte vom Schmutz in der Stadt nicht. Schon gar nicht in Magistris gediegenem Arbeitszimmer. Er sagt: "Ich möchte die Wiedergeburt Neapels."
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Eine Wiedergeburt, das klingt ambitioniert. Gleich nach seiner Wahl zum Bürgermeister hatte de Magistris angekündigt, binnen fünf Tagen den Müll von den Straßen verschwinden zu lassen. Der Mann ist hoch motiviert, nur wird er wohl Geduld haben müssen. Der Zeitplan war wohl doch zu optimistisch. Er gibt zu: Gelöst ist das Problem noch nicht. "Ich bin seit 20 Tagen im Amt. Das ist alles sehr schwierig und hat sich über viele Jahre so entwickelt." Wenn es nur darum gegangen wäre, den Müll aus der Stadt zu kriegen. "Das wäre auch in kürzerer Zeit möglich gewesen." Aber es dreht sich eben auch um die Kompetenzverteilung zwischen der Stadt Neapel, der Provinz, der Region Kampanien und der Regierung in Rom. Für De Magistris bleibt es dennoch dabei: "Das Thema Müll ist ganz grundlegend für die Wiedergeburt von Neapel." Der Mann ist zielstrebig.
Schnell zog er sein Jurastudium durch. Er wurde dann Staatsanwalt in Kalabrien, ermittelte in Korruptionsfällen und sorgte damit für so viel Wirbel, dass er strafversetzt wurde. 2009 trat er der kleinen Anti-Mafia-Partei "Italien der Werte" (IdV) bei. Im gleichen Jahr wurde er ins Europaparlament gewählt. Jetzt ist er 44 Jahre alt, mit 65,4 Prozent der Stimmen gewählter Bürgermeister von Neapel und entsprechend selbstbewusst: "Ich bin mit einem revolutionären Ergebnis aus der Wahl gekommen. Die Stadt will den Wandel. Natürlich sind die verschiedenen Interessen sehr stark. Aber wir werden das schaffen." Führt er Krieg gegen die Camorra? "Auch." Hat er Angst? "Es gibt keine Alternative zu den Dingen, die wir machen müssen."
Das sieht Signora Ferraro genauso. Die alte Frau lebt im vierten Stock des Hauses Nr. 49, Via Monte di Dio. Die Straße liegt in einer der schickeren Gegenden Neapels. Aber auch hier stapelte sich der Müll. In diesem großen Haus mit dem hohen Innenhof, in dem Signora Ferraro lebt, ist Staatspräsident Giorgio Napolitano aufgewachsen. Sie kennt ihn noch von früher, wie sie erzählt. Ihr Sohn hat heute seine Praxis hier, ihr Mann war auch schon Arzt. Während sie ein bisschen plaudert, müssen die Patienten draußen warten. "Früher war das ein ruhiges Viertel, aber heute…" Heute gehe sie nur noch ohne Portemonnaie aus dem Haus. Fremden öffnet sie ungern die Tür. Sie hat Angst. Aber momentan ist sie wieder etwas zuversichtlicher. Das liegt am Neuen im Rathaus. "Auf de Magistris hoffen wir sehr. Aber einfach wird es nicht für ihn."
Staatspräsident Napolitano kann nicht glücklich über das sein, was man in den vergangenen Jahren aus seiner Heimatstadt hörte. Wenn sein eigener Nachname fast synonym für brennende Müllhaufen in den Straßen der Stadt steht, obwohl er dafür nichts kann, dann kann Napolitano darüber kaum glücklich sein. Immerhin ist seine alte Straße jetzt müllfrei. Weiter unten wird eine Ausfahrt mit dem Wasserschlauch sauber gespritzt. Hier in der reichen Gegend wirkt Neapel schon so reinlich, wie es bald überall sein soll. Fast schon symbolisch stehen zwei Container zur Mülltrennung direkt vor dem Haus. Und sie sind nicht einmal überfüllt.
Das muss dem Staatspräsidenten genauso gefallen wie dem neuen Bürgermeister in seinem prächtigen Büro. Für de Magistris ist genau das der Ansatzpunkt: Mülltrennung. Eine so einfache wie alte Idee, die aber in Neapel bislang nicht konsequent umgesetzt wurde. Roberto Saviano, der im Ausland derzeit wohl bekannteste italienische Schriftsteller, der sich mit seinen investigativen Recherchen ("Gomorrha") einen Platz ganz oben auf der Abschussliste der Mafia erschrieben hat, erklärt für die deutsche Wochenzeitung Die Zeit in einer Serie seine rätselhafte Heimat. Er fasst zusammen: "Die Mülltrennung funktioniert nicht etwa deswegen nicht, weil die Neapolitaner sie nicht beherrschten oder nicht wollten. Sie funktioniert nicht, weil das Geschäft mit dem Abfall blüht, solange er nicht getrennt wird. Mülltrennung bedeutet weniger Abfall, und weniger Abfall bedeutet weniger Verdienst für die Müllwirschaft, die mit dem organisierten Verbrechen verfilzt ist. So absurd es klingt: In Neapel ist Mülltrennung eine Antimafia-Aktion. Bisher hat sich noch keine Stadtverwaltung getraut, das wirklich durchzusetzen."
De Magistris will sich trauen. Im Rathaus ist die Stimmung gut. Im Vorzimmer sitzen vier junge Leute zusammen, die alle so wirken, als wären sie jetzt Teil von etwas Größerem. Freundlich lächelnd scheinen sie zu wissen, wofür sie arbeiten. Sie glauben an den Aufbruch. De Magistris ist überzeugt, dass es genau darauf ankommt: "Absolut. Die Neapolitaner sind so. Wenn sie an etwas glauben, dann sind sie am stärksten." Aus diesem Grund werde auch sein Konzept der Mülltrennung funktionieren. Aber ist Mülltrennung, jenseits des Kampfes gegen die Mafia, die verkrusteten Strukturen, die geschäftlichen Interessen, nicht am Ende einfach nur eine Sache der Gewohnheit, an die sich aber schwer zu gewöhnen ist. Kann er die Neapolitaner umerziehen? "Ja", sagt de Magistris knapp.
Das muss man nicht glauben. Es reicht, einen Blick auf eine andere Ecke von Neapel zu werfen. Nicht unbedingt auf die Vororte, wo sich der Müll heute noch hoch stapelt, sondern auf die etwa zwei Kilometer vom Hauptbahnhof Neapels entfernte Straße Via Gianturco. Hier sieht Neapel so aus, wie es dem Klischee folgend wohl zu sein hat. Hier ist Neapel keine Straße, sondern eine Müllkippe, auf der es kürzlich erst gebrannt hat. Es riecht auch so. Das ist zwar keine Wohngegend, aber es ist eine Straße in Zentrumsnähe. Dann passiert das: Ein gepflegter schwarzer VW Golf fährt vorbei. Am Steuer sitzt ein Mann in schicker Bürokleidung. Er bremst den Wagen, lässt das Fenster herunter. Zwei Müllsäcke fliegen raus, dann fährt der Mann gemütlich weiter.
Bisher hat sich noch keine Stadtverwaltung getraut, das wirklich durchzusetzen."
Autor Roberto Savione
Hier kommt auch Ulderico vorbei. Auch er hofft auf den neuen Bürgermeister de Magistris und darauf, dass sich endlich etwas ändert. Ulderico ist Aktionskünstler. In seinem Atelier ein paar Gassen weiter zeigt er, was er vor drei Jahren schon für eine visuelle Kunstausstellung inszeniert hat. Es heißt "Napoli 35 000 Kubikzentimeter". Es ist ein Koffer gefüllt mit eng verschnürtem Müll. Damit ist Ulderico nach Berlin abgereist. Das war sein Statement zu seiner Stadt. Man hätte gerne noch gewusst, was der neue Bürgermeister zu dieser Aktion sagt. Aber de Magistris hat jetzt wirklich zu tun.
Autor: Stefan Küpper



