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27. Juni 2013

Bremen

Note 1,4 für Schulverweigerer

Er hat es tatsächlich geschafft: Nach weniger als fünf Monaten Unterricht an einer Bremer Oberschule hat der Schulverweigerer Moritz Neubronner jetzt den Mittleren Schulabschluss erreicht – mit einem Schnitt von 1,4.

  1. Moritz Neubronner Foto: PRIVAT

Der heute 16-jährige Moritz und sein 14-jähriger Bruder Thomas hatten sich einst an der Grundschule so unwohlgefühlt, dass die Familie beschlossen hat, den Unterricht in die eigene Hand zu nehmen. Insgesamt acht Jahre lang wurden die Jungen zu Hause von ihren freiberuflichen Eltern unterrichtet oder lernten sogar ganz allein nach Lust und Laune. Als die Behörden dies nicht länger hinnehmen wollten und die Familie auch vor Gerichten mit ihrem Antrag auf "Homeschooling"-Erlaubnis scheiterte, zog der Vater mit den beiden 2008 ins bildungsrechtlich liberalere Frankreich, um der deutschen Schulbesuchspflicht zu entkommen.

Aus der Ferne bereitete sich Moritz dann auf eine externe Hauptschulprüfung in Deutschland vor und bestand sie im Jahr 2012 mit ebenfalls 1,4. Ein halbes Schuljahr später dann die große Überraschung: Moritz wollte doch noch einmal Schulluft schnuppern und stieg Anfang Februar in die zehnte Klasse einer Bremer Oberschule ein. Zunächst musste er dort den Stoff der letzten Wochen nachholen, wie er der Badischen Zeitung erzählt. "Aber ich habe nicht Tag und Nacht durchgearbeitet und hatte auch nicht das Gefühl, dass die anderen einen großen Vorsprung hätten." Denn den Stoff der vergangenen Jahre hätten sie schon überwiegend vergessen.

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Und er selber habe eine ganz gute Allgemeinbildung mitgebracht. Jedenfalls, sagt er, sei es für ihn an der Schule sehr gut gelaufen – was auch die Bildungsbehörde bestätigt. "Die Mitschüler und Lehrer waren alle total nett und haben mich sehr, sehr gut aufgenommen und unterstützt", freut sich der selbstbewusste 16-Jährige, der keineswegs wie ein schrulliger Einzelgänger wirkt. Schwer gefallen sei ihm nur das frühe Aufstehen.

Nach Schulabschluss und Sommerferien will er Betriebspraktika durchlaufen, am liebsten im Medienbereich. "Ich möchte in verschiedene Berufe reinschnuppern und Klarheit gewinnen, was ich machen will." Tendenziell habe er vor, auch noch das Abitur zu schaffen – nach ähnlichem Muster wie jetzt die Mittlere Reife: sich nicht jahrelang jeden Morgen zur Schule quälen, sondern nur das letzte Jahr oder Halbjahr mit den anderen büffeln.

Dass er acht Jahre Schulleben versäumt hat, bereut er überhaupt nicht. "Ich habe natürlich Sachen verpasst – aber sonst hätte ich zu Hause etwas verpasst." Er habe jedenfalls das Gefühl: "Für mich war das der ideale Weg." Gedanken macht er sich nur um seinen jüngeren Bruder Thomas. Der lernt weiter zu Hause, und Moritz hofft, "dass ich ihn nicht angestiftet habe, jetzt auch schon in die Schule zu gehen". Damit solle er lieber noch warten. Für ein halbes Jahr wäre das ja "absolut lohnenswert". "Aber ich kann ihm nicht empfehlen, jetzt die ganzen zwei Jahre bis zum mittleren Abschluss in die Schule zu gehen."

Schulsenatorin sieht Homeschooling kritisch

Die Bremer Bildungssenatorin EvaQuante-Brandt (SPD) sieht das natürlich etwas anders als Moritz Neubronner. Sie ist weiter gegen "Homeschooling", wie ihre Sprecherin am Mittwoch bekräftigte. Denn: "Es geht beim Schulbesuch nicht nur darum, Unterrichtsinhalte zu vermitteln, sondern auch darum, Kinder und Jugendliche darauf vorzubereiten, dass sie Teil einer pluralen Gesellschaft sind." Moritz Neubronner sei ein Einzelfall. "Daraus kann man nicht noch ableiten, ob Homeschooling generell funktioniert."

Autor: Eckhard Stengel