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11. Februar 2011
Zeitumstellung
Russland schafft die Winterzeit ab
Zum zweiten Mal wird die Zeitumstellung abgeschafft / Bereits 1930 wurden die Uhren im Herbst nicht zurückgestellt.
MOSKAU. Der russische Präsident Dimitri Medwedew hat angekündigt, dass zu Beginn der Sommerzeit am 27. März zwischen Kaliningrad im Westen und Kamtschatka im Osten die Uhren letztmalig um eine Stunde vorgestellt werden. Ende Oktober, wenn der Rest der Welt wieder zur Normalzeit übergeht, werden sie nicht mehr zurückgestellt. Derzeit liegt Berlin das ganze Jahr über zwei Stunden hinter Moskau und St. Petersburg. Künftig werden es im Winter drei sein.
Der Kremlherrscher hat sich bereits seit seinem Amtsantritt im Mai 2008 für eine ganzjährig geltende Zeit ins Zeug gelegt. Das Vor- und Zurückstellen der Uhren, so die Begründung, habe negative Folgen für die Gesundheit der Bürger. Laut einer Umfrage unterstützen 60 Prozent der Russen die Änderung.Russische Wissenschaftler sehen das ähnlich. Sie hatten aber gehofft, der Kremlchef werde sich bei der Korrektur dazu aufraffen, endlich einen Beschluss aus der Stalin-Ära zu korrigieren, durch den die Uhren in Russland bereits seit mehr als 80 Jahren falsch gehen. Angeblich um Energie zu sparen, hatte die Sowjetregierung schon im Frühjahr 1930 per Dekret die Sommerzeit in Kraft gesetzt, die Uhren im Herbst aber nicht wieder zurückgestellt. Seit damals ist die amtliche Zeit der natürlichen damit um eine ganze Stunde voraus. Durch Medwedew kommt im Herbst eine weitere dazu. Eine Entscheidung, deren Konsequenzen sich derzeit nur schwer abschätzen lassen. Nachahmer finden sich offensichtlich. So brachte nun in der Ukraine ein Abgeordneter der regierenden Partei der Regionen einen ähnlichen Vorschlag ein.
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Die Länge des Lichttages in Russland hängt von der geografischen Breite ab. Im Sommer gibt es zwar lange, helle Nächte, im Winter aber extrem kurze Tage. Sogar in Moskau, das auf dem 55. Breitengrad und damit weit südlich des Polarkreises liegt, wird es im Dezember und im Januar erst kurz vor neun Uhr hell und sieben Stunden später schon wieder dunkel. Noch jedenfalls. Nach der neuen Regelung geht die Sonne künftig zwar eine Stunde später unter, aber auch eine Stunde später auf – nämlich gegen zehn Uhr.
Um diese Uhrzeit geht die Sonne auch in St. Petersburg oder den Regionen im polaren Ural auf. Diese Gebiete belegen seit Jahren unangefochtene Spitzenpositionen bei Suiziden, Depressionen und Alkoholkonsum. Ein dunkler Morgen schlage dem Menschen viel stärker aufs Gemüt als ein früh hereinbrechender Abend, so Psychologen.
Auch unter energiepolitischen Aspekten rechnet sich der Großfeldversuch nicht. Sogar die Duma, wo Kreml und Regierung sich auf eine satte Zweidrittelmehrheit stützen können, verweigerte entsprechenden Vorlagen daher bereits zwei Mal die Zustimmung – 2003 und 2008. Kritische Beobachter fragen sich daher, was Medwedew wohl dazu bewogen hat, das Vorhaben notfalls per Dekret durchzuziehen und damit nicht nur Stalins Kunstzeit für die Ewigkeit zu konservieren, sondern den Diktator von links zu überholen.
Verschwörungstheoretiker werten den Ausstieg aus der Sommerzeit, auf die sich die meisten Staaten Westeuropas nach der Ölkrise 1977 verständigten und der sich auch die Sowjetunion 1981 anschloss, als endgültige Emanzipation Russlands von ausländischer Bevormundung. In Wahrheit geht es Medwedew wohl eher darum, die Zeitzonen einzudampfen. Zentrum und Regionen müssten besser miteinander kommunizieren können, sagte er bereits in seiner ersten Jahresbotschaft. Anderenfalls sei der Fortbestand Russlands in seinen Grenzen gefährdet. Deshalb wurden auch zwei der einst elf Zeitzonen bereits 2010 abgeschafft.
Durch die neue Amtszeit bewegt sich der kleine europäische Teil des Landes auf die eigentliche Landmasse, die in Asien liegt, immerhin um eine volle Stunde zu. Mit seinem Fernziel, die restlichen neun Zeitzonen auf vier, maximal fünf zu reduzieren, dürfte Medwedew dennoch scheitern. Denn eine Zeitzone umfasst gerade einmal fünfzehn Längengrade und ist nicht beliebig dehnbar. Es sei denn, man nimmt selbst im Hochsommer Erwachen in tiefer Dunkelheit und um Mitternacht einen Sonnenbrand in Kauf.
Autor: Elke Windisch
