Karneval

Spaßbremse vom Zuckerhut: Rios Bürgermeister legt sich mit den Samba-Schulen an

Tobias Käufer

Von Tobias Käufer

Do, 08. Februar 2018 um 20:30 Uhr

Panorama

Der erzkonservative Bürgermeister Rio de Janeiros, Marcelo Crivella, hat sich mit den Karnevalisten überworfen. Doch zu Beginn des bunten Treibens am Freitag rudert das Stadtoberhaupt zurück.

Mit finsterer Miene durchschritt Marcelo Crivella die Achse des Bösen. Aus reinem Interesse an der Infrastruktur sei er gekommen, hieß es vorher aus dem Umfeld des erzkonservativen Bürgermeisters von Rio de Janeiro. Nun marschiert er das berühmte Sambodrom ab, in dem 70 000 Zuschauer Platz finden und das sich wie eine kerzengerade Verkehrsachse durch das Zentrum der Stadt zieht. Dumm nur, dass Crivella, ein ehemaliger evangelikaler Bischof, vom jecken Treiben unter dem Zuckerhut so überhaupt nichts hält: "Ich war noch nie beim Karneval. Ich bin evangelikal, und er hat nichts mit meiner Welt zu tun", sagte der Bürgermeister bereits vor einem Jahr. Das wäre in etwa so, als ob sich Münchens Oberbürgermeister dem Oktoberfest oder Kölns Verwaltungschef dem Rosenmontagszug verweigerten.

"Ich war noch nie beim Karneval. Ich bin evangelikal, und er hat nichts mit meiner Welt zu tun"Marcelo Crivella
Schon damals fragten sich die brasilianischen Zeitungen, wie das funktionieren solle, ein Karnevalshasser und das Samba-Spektakel? Es sollte nicht. Erstmals verweigerte ein Verwaltungschef von Rio die symbolische Übergabe der Stadtschlüssel an König Momo, mit dem Rios Jecken traditionsgemäß das närrische Treiben beginnen. In seinem ersten Amtsjahr blieb Crivella dem Sambodrom fern. Immerhin tauchte er in dieser Woche nun auf Rios heiligem Boden auf – aus rein architektonischem Interesse.

Der Boykott durch das Stadtoberhaupt sollte nicht die einzige böse Überraschung sein, die der Bürgermeister seinen karnevalswütigen Untertanen bereitete. Denn angesichts der leeren Kassen nach den Olympischen Spielen kürzte Crivella den Samba-Schulen für die laufende Saison die Zuschüsse. Für Rios Samba-Schulen hat das dramatische Folgen: "Ich habe meinen Job verloren. Danke Crivella", posteten Opfer des Sparkurses in den sozialen Medien. Denn der Karneval ist auch eine wichtige Jobmaschine für die kriselnde Stadt: Ob Tourismus, Kostümindustrie oder Vereinswesen – alle profitieren von der fünften Jahreszeit.

"Ob mit oder ohne Geld, ich spiele"Samba-Schule Mangueira
Leandro Vieira von der legendären Samba-Schule Mangueira, einer der Organisatoren und künstlerischen Leiter des Karnevals sieht im Vorgehen Crivellas religiösen Fanatismus: "Für die evangelikalen Kirchen ist der Karneval das Fest des Teufels." Die Mangueira reagierte auf ihre Art und geht mit einem Protest-Song in die laufende Session: "Ob mit oder ohne Geld, ich spiele". Überhaupt wird der Karneval 2018 in Brasilien so politisch wie selten: Ex-Präsident Lula da Silva, gerade wegen Korruption verurteilt, lädt aus Protest zu einer eigenen Veranstaltung in Sao Paulo. Und Rios Samba-Schulen wollen nicht nur den Bürgermeister aufs Korn nehmen, sondern die gesamte in die aktuellen Korruptionsskandale verwickelte Politik.

Inzwischen spürt auch der Bürgermeister, dass er vielleicht einen Schritt zu weit gegangen ist. Zuletzt wurde Crivella sogar in der Cidade do Samba gesichtet, der Samba-Stadt in Rio, in der die Schulen ihre großen Umzugswagen bauen. Dort versuchte er zerschlagenes Porzellan wieder zu kitten und wurde sogar beim Singen eines Samba-Liedes erwischt. Wie er das allerdings wiederum seinen karnevalskritischen evangelikalen Anhängern erklären will, ist noch nicht bekannt.