Superfood unter die Lupe nehmen

Anika von Greve-Dierfeld

Von Anika von Greve-Dierfeld (dpa)

Mo, 12. März 2018

Panorama

Mit begehrten exotischen Lebensmitteln wird viel Schindluder getrieben / Wissenschaftler wollen helfen, Fälschungen zu vermeiden.

KARLSRUHE. Exotisches Superfood kämpft um seinen Ruf. Der Nutzen von Chia-Samen und anderen Wunderlebensmitteln ist umstritten, Produkte sind überteuert. Und: Imitate sind auf dem Markt, die schädlich sein können. Doch Tests können sie entlarven.

Die mildgrünen getrockneten Blättchen in der Tüte auf dem Labortisch des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) riechen nach Heu und sehen unauffällig aus. Moringa olifera soll das sein, eine extrem nährstoffreiche Pflanze aus Nordindien und als sogenanntes Superfood schwer in Mode. Aber steckt wirklich diese Moringa-Art in der Tüte? Die Firma, die sie vertreibt, will es vom KIT-Zellbiologen Peter Nick genau wissen. Zur Sicherheit. Denn immer wieder verbergen sich hinter exotischem Superfood wie Chia-Samen, Goji-Beeren und Tulsi andere Pflanzen als auf der Verpackung deklariert. Das ist bestenfalls Täuschung der Verbraucher. Schlimmstenfalls kann es schädlich sein.

"Wenn ein Superfood in Mode kommt, entsteht in kurzer Zeit eine hohe Nachfrage", erklärt Nick. "Es gibt inzwischen einen riesigen Markt für solche Heilpflanzen, die eigentlich nur in bestimmten Regionen vorkommen." Importeure suchen dringend Nachschub – die Folge sei ein blühender Plagiate-Handel. Angela Clausen von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen sieht das ähnlich. "Man muss sich bei den plötzlich nachgefragten Mengen von Superfoods schon fragen, wo diese eigentlich herkommen", sagt sie. "Denn so schnell lassen sich Anbaugebiete ja nicht aus dem Boden stampfen."

Nick nahm die Diskrepanzen zwischen tatsächlicher Ernte und den Exportmengen zum Anlass, angebliche Superfoods unter die Lupe zu nehmen. Er entwickelte "eine ganze Batterie von Tests", mit deren Hilfe er die genetischen Barcodes der "echten" Pflanzen von denen anderer Arten unterscheiden kann, auch wenn die getrocknet sind oder in Pulverform. Mithilfe sogenannter Referenzpflanzen ermittelt er den genetischen Fingerabdruck, der zu einem bestimmten Superfood-Gewächs gehört. Dann beginnt der Vergleich mit der Probe – ein mehrstündiges Verfahren.

Im Falle des von der Firma gebrachten Moringa-Produktes läuft das so: Ein Löffelchen der verarbeiteten Blätter wird in einen Mörser bugsiert, mit flüssigem Stickstoff begossen und zermahlen. Eine Lösung kommt hinzu, die DNA wird extrahiert und dann typische Abschnitte in einem Gerät, dem PCR-Cycler, solange vervielfältigt, bis sie erkennbar sind. Dann werden die Sequenzen auf ein Gel aufgetragen, in UV-Licht sichtbar gemacht und mit der DNA der Referenzpflanze verglichen.

Der ganze Aufwand hat einen Grund: Nick erzählt vom Bambustee-Boom vor zwei Jahren. In den Proben, die er analysierte, sei nirgends Bambus drin gewesen, sondern chinesische Nelke – offenbar eine sprachliche Verwechslung. Denn im Chinesischen wird Nelke "Steinbambus" genannt: "Die Hersteller suchten verzweifelt nach Bambus. Sie fanden Steinbambus und bestellten ihn – und orderten unwissentlich Nelke." Je nach Wirkstoff kann das fatale Folgen haben: Schwangere Frauen zum Beispiel sollten Nelkentee nicht trinken.

Überhaupt ist der Begriff Superfood heikel. "Es gibt keine rechtliche Definition von Superfood, jeder kann das auf seine Produkte schreiben", sagt Michaela Barthmann vom Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart. Vor allem der Handel im Internet sei schwer zu kontrollieren. Generell mahnen Experten: Je exotischer die Pflanze, desto häufiger Rückstände wie Schwermetalle oder Pestizide.

"Wir hatten 2016 eine Moringa-Probe mit so hohem Nikotinrückstand, dass wir sie als gesundheitsschädlich beurteilen mussten", erzählt Barthmann. Die Zeitschrift "Ökotest" fand vor knapp einem Jahr in 20 von 22 Produkten – etwa Chia-Samen, Goji-Beeren, Weizengras-Pulver, Hanf-Samen, Roh-Kakao und Moringa-Pulver – Schadstoffe, darunter erhöhte Mengen an Pestiziden, aromatischen Kohlenwasserstoffen, Schimmelpilzen, Cadmium und Blei.

Wissenschaftliche Nachweise dafür, dass Superfood gesünder ist als einheimisches Obst und Gemüse, gibt es nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung nicht. "Deutschland ist kein Vitaminmangelland und es sind keine exotischen Früchte notwendig, um unseren täglichen Nährstoffbedarf zu decken", sagt eine Sprecherin. Vielleicht ist diese Erkenntnis inzwischen angekommen und hat die Superfood-Begeisterung ein wenig abgeschwächt: Der Gesamtumsatz exotischer Superfood-Artikel wie Goji-Beeren, Chia, Amaranth, Quinoa oder Matcha-Tee ging nach Angaben von Katharina Feuerstein vom Düsseldorfer Marketing-Beratungsunternehmen IRI im vergangenen Jahr um 9,2 Prozent zurück.