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29. April 2013

Alkoholkonsum

Türkei soll trocken werden

Ministerpräsident Erdogan will Alkoholkonsum eindämmen / Kritiker warnen vor Islamisierung.

  1. Raki oder lieber Ayran? Foto: dpa

ISTANBUL. Das türkische Nationalgetränk? Manchen wird Raki einfallen, der aus Weintrauben oder Rosinen gebrannte Anisschnaps. Nein, sagt Ministerpräsident Tayyip Erdogan. Das türkische Nationalgetränk sei Ayran, ein aus Joghurt und Wasser schaumig gerührtes Erfrischungsgetränk, das auf dem Land Gästen traditionell zur Begrüßung gereicht wird. Er will den Alkoholkonsum in der Türkei eindämmen.

Leider, so erläuterte Erdogan vergangenen Freitag den Delegierten der "Globalen Konferenz zur Alkoholpolitik", seien alkoholische Getränke wie Bier und Wein auf dem Vormarsch. Zur Teilnahme an der Istanbuler Konferenz, die 1200 Teilnehmer aus 53 Ländern versammelte, brauchte Erdogan nicht lange überredet zu werden. Der Kampf gegen den Alkohol ist für den konservativen Muslim nicht nur eine Herzens- sondern eine Glaubenssache. Erdogan kündigte schärfere Strafen für Alkohol am Steuer an. Auch die Werbung für alkoholische Getränke soll weiter eingeschränkt, Warnhinweise auf den Flaschen, ähnlich wie auf Zigarettenpackungen, sollen vor den Gefahren des Alkohols warnen.

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Der Premier beklagte, alkoholische Getränke wie Bier seien in den Anfangsjahren der 1923 gegründeten Republik als "modern" oder gar "gesund" hingestellt worden – sogar in manchen Schulbüchern. Tatsache ist, dass Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk, ein Atheist, gern dem Raki zusprach. Sogar bei Kabinettssitzungen soll gebechert worden sein. Dass Atatürk mit 57 Jahren an Leberzirrhose gestorben sei, bestreiten allerdings viele seiner Anhänger – obwohl man im Volksmund von der "Atatürk-ün hastaligi", der Atatürk-Krankheit spricht, wenn man den Alkoholismus meint.

In den Augen überzeugter Kemalisten ist Erdogans Anti-Alkohol-Kampagne Teil der geheimen Agenda der islamischen Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP). Kritiker behaupten, sie arbeite auf eine Islamisierung von Staat und Gesellschaft hin. In vielen AKP-regierten Kommunen werden Einzelhändler und Gastwirte mit mehr oder minder sanftem Druck davon "überzeugt", auf den Verkauf von Alkohol zu verzichten.

Außerhalb der Touristenzentren, wo man noch Rücksicht auf die Trinksitten der Urlauber nimmt, wird die Vergabe von Alkohol-Konzessionen immer restriktiver gehandhabt. Trinken auf der Straße ist inzwischen verboten. Lokale, die noch Alkohol ausschenken, werden oft ins Rotlichtmilieu an den Stadtrand abgedrängt. Die von der säkularen Oppositionspartei CHP regierten Kommunen halten dagegen und vergaben bereitwillig Alkohol-Konzessionen. Auch deshalb steigt der Alkoholkonsum in den Türkei von Jahr zu Jahr. Erdogan will das nicht hinnehmen. Er kündigte jetzt weitere Anhebungen der erst 2010 um 33 Prozent erhöhten Alkoholsteuern an. Sie seien schließlich eine wichtige Einnahmequelle für den Staat, sagte Erdogan.

Seit seine AKP 2002 die Regierung übernahm, hat sich der Ladenpreis für eine Flasche Raki verdreifacht. Die immer höheren Steuern spülen allerdings nicht nur mehr Geld in die Staatskasse. Sie sind auch ein Anreiz für Schwarzbrenner. Und dann wird Alkohol erst recht gefährlich: Vor zwei Jahren starben vier russische Türkei-Touristen nach dem Genuss von gepanschtem Whisky. Bereits 2009 waren drei deutsche Berufsschüler durch vergifteten Wodka im Badeort Antalya ums Leben gekommen.

Autor: Gerd Höhler