Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

12. Juni 2009

Vom Käfig ins Klassenzimmer

Gregor Herb gilt als einer der besten deutschen Freefighter – im normalen Leben ist er Referendar für Englisch und Sport an einem Freiburger Gymnasium

  1. Mann mit Muskeln und Köpfchen: Gregor Herb beim Training in Freiburg-Littenweiler Foto: BENSIEK

Beißen, Spucken und Kratzen sind verboten, Kopfstöße und in die Augen stechen auch. 31 schmerzhafte Gemeinheiten und Fouls kennt die Verbotsliste des Ultimate Fightings, des Käfigkampfs. Schlichtweg übertrieben ist also das "vale tudo" auf Gregor Herbs grauem T-Shirt. "Alles geht" heißt das auf Portugiesisch.

Gregor Herb, 31, ist Deutschlands viertbester Freefighter. Derzeit geht er auf Krücken – es ist keine Kampfverletzung. Der Referendar aus Schallstadt bei Freiburg hat einen Knorpelschaden im Knie und ist deshalb bis auf Weiteres außer Gefecht gesetzt. Dennoch ist Herb an diesem Abend in der kleinen Kampfsporthalle in Littenweiler, wo er selbst trainiert. Jetzt trainiert er andere.

Die Decke im Freiburger Freefight-Dojo ist tief, auf dem Boden liegt Schaumstoff, in einer Ecke baumelt ein Boxsack. Herb hat sich einen Stuhl geschnappt und sich unter die Dachschräge gesetzt. Er ist gut gelaunt und gibt Kommandos zum Warmmachen. Acht Freefighter sind zur Übungseinheit angerückt, darunter ein Neuling, der mal erleben möchte, wie sich die Königsdisziplin der Kampfsportarten anfühlt.

Werbung


"Kämpfen steckt

im Menschen."

Ultimate Fighter Gregor Herb
Was sind das für Menschen, die für den ultimativen Kampf in einen Drahtkäfig steigen? Tätowierte Schlägertypen, Zuhälter, Neonazis, Kriminelle? Die Wirklichkeit widerlegt das Klischee. Es sind Anwälte, Lehrer, Unternehmer. Der Akademiker-Anteil unter den Freefightern liege bei 80 Prozent, wirbt die amerikanische Ultimate Fighting Championship (UFC). Ein Wert, an den kein anderer Kampfsport herankomme.

Außer breiten Schultern und großen Muskeln, die sich bei diesem Hobby nicht vermeiden lassen, hat auch Gregor Herb mit dem Klischee nichts gemein. Er ist ein sympathischer Typ mit einem freundlichen Lächeln und Augen, die Gelassenheit ausstrahlen. Er ist verheiratet und Vater eines anderthalbjährigen Sohnes. Seit Januar ist Herb Referendar für Englisch und Sport an einem Freiburger Gymnasium, das aber nicht genannt werden will.

"Kämpfen steckt im Menschen", sagt Herb. "Kinder fangen an zu hauen, einfach so, nur weil sie wissen, wie es geht. Die Kratzer, die ich im Gesicht habe, sind alle von meinem Sohn", sagt Herb, lächelt und fährt sich mit der Hand über die Wange. Seine Zulassungsarbeit zum Staatsexamen hat er über Gewaltprävention durch Kampfsport geschrieben. "Je mehr Jugendliche wir haben, die zum Kampfsporttraining kommen, desto weniger gelangweilte Gangs haben wir auf der Straße, die Schaden anrichten." Wer dreimal pro Woche zu ihm ins Training komme, sagt Herb, der habe kein Bedürfnis mehr, sich auf der Straße zu prügeln.



Der angehende Lehrer, der hin und wieder freiwillig in den Drahtkäfig steigt, ist mittlerweile eine kleine Berühmtheit – nicht nur bei seinen Schülern. Der Anlass dafür steht noch bevor: Die UFC veranstaltet erstmals in Deutschland eine Show mit zehn Kämpfen. Eine größere Veranstaltung gab es hierzulande noch nicht. 12 000 Zuschauer werden am Samstag in der Köln-Arena erwartet. Der Aufschrei unter Politikern war groß, als das Gastspiel angekündigt wurde. Ultimate Fight sei eine Verherrlichung von Brutalität und provoziere Nachahmung bei Jugendlichen, hieß es. Sofort verbieten, forderten einige. Sie scheiterten.

Bei "Stern-TV" sollte Herb vor dem Kölner Käfigspektakel für die Free-Fight-Szene sprechen. Als Gegenspieler hatte Moderator Günther Jauch den Boxexperten Werner Schneyder eingeladen, der kräftig vom Leder zog: "Ultimate Fighting ist keine Sportart. Das ist ein Brutalo-Event und gehört verboten."

Herb ärgert sich heute noch darüber. "Der hatte gar keine Ahnung von Freefight. Wahrscheinlich hat er Angst, dass unser Sport dem Boxen den Rang abläuft." Ein Ringarzt, der ebenfalls eingeladen war, zitierte aus einer Studie einer US-Universität: Danach gibt es beim Freefight weniger Verletzungen als beim Boxen. In einer Abstimmung sprach sich das Studiopublikum am Ende gegen ein Verbot aus. Genugtuung für den Freefighter.

Weil Gregor Herb mit seinen Kämpfen auch ein bisschen Geld verdient, ist er offiziell Freefight-Profi. Andere Kämpfer, vor allem in den USA, tragen Kampfnamen wie "Der Graf" oder "Der Axtmörder". Herb lacht darüber: "Ich habe keinen." Auf der deutschen Szene-Internetseite "groundandpound.de" läuft er unfreiwillig als "Bodenkampf-Monster". Das kommt nicht von ungefähr: An zwei Tagen in der Woche unterrichtet Herb Bodenkampf, das sogenannte brasilianische Jiu-Jitsu, seine stärkste Disziplin. "Für mich geht es am Boden erst richtig los. Ich habe meine Kämpfe bisher allesamt am Boden gewonnen, durch Hebel und Würgegriffe." Außerdem beherrscht Herb noch Judo, Ringen und Boxen.

Fünf Profikämpfe hat der Referendar hinter sich, der letzte stieg im Mai bei einem Ländervergleichswettkampf in Brasilien gegen einen Russen. Verloren hat er nur einmal. "Damals bin ich zwei Wochen vor einem Kampf für einen anderen eingesprungen und war nach einer Runde platt", erinnert sich Herb. Der Gegner, ein Schwede, war topfit und brach Herb in der zweiten Runde mit einem Schlag die Nase – seine bisher einzige nennenswerte Verletzung.

Nach einem Kampf ist Herb natürlich nicht davor gefeit, am Montag mit einem Veilchen vor seine Schüler zu treten. "Für mich ist das kein Problem", sagt eine Neuntklässlerin, die Englischunterricht bei Herb hat. "Kritisch sehe ich das nur, wenn er jüngere Schüler unterrichtet." Der Tenor auf den prominenten Referendar sei unter den Schülern durchweg positiv, bestätigt auch ihr Klassenkamerad. "Der erste Eindruck war: Ey, voll der Türsteher." Viele hätten großen Respekt vor seinen Erfolgen. "Man nimmt ihn nicht nur als Lehrer, sondern auch auf einer anderen Ebene wahr."

Herbs Fernsehauftritt blieb nicht ohne Folgen. Eltern meldeten sich besorgt bei der Schulleitung. Der Direktor musste beschwichtigen: "Es wird bei uns keine Freefight-AG geben." Solange Herr Herb an der Schule keine Werbung mache, gebe es kein Problem. Mehrere Schulklassen haben sich die Sendung mittlerweile angeschaut und mit ihren Lehrern darüber diskutiert. Darf ein Pädagoge Freefighter sein? "Wenn die Kämpfer freiwillig in den Ring steigen, ist das was ganz anderes als eine Schulhofschlägerei, bei der es meist ein Opfer gibt", sagt ein Schüler aus der 13. Klasse. "Ein blaues Auge kann man auch beim Judo bekommen."

Eine Stunde haben Herbs Freefight-Schüler hinter sich: Bodenkampf, Aushebeln, Schlagkombinationen, alles in Zweierteams. Der Schweiß fließt. Nun steht Sparringkampf an mit Mund- und Tiefschutz. Probe für den Ernstfall also. Der muskulöse Anfänger, der mal hineinschnuppern wollte, atmet schon nach einer Minute schwer. Er unterbricht den Kampf, geht zu einem Dachfenster, öffnet es und holt tief Luft. Gregor Herb nickt. In einer Stunde wird der Neue keiner Fliege mehr etwas zuleide tun können.

Autor: Arne Bensiek