Neujahrsbräuche

Wie die Menschen weltweit das neue Jahr begrüßen

Angela Köhler

Von Angela Köhler

Di, 31. Dezember 2013

Panorama

Von brennenden Autos bis zu gruseligen Schweinsköpfen - legale und illegale Neujahrbräuche in aller Welt.

FRANKREICH: JEDES JAHR BRENNEN AUTOS
Wer in Paris zur Jahreswende auf den Balkon tritt, sieht erst einmal schwarz. Weit und breit kein Feuerwerk, kein Farbenzauber. Doch dann, beim genaueren Hinsehen, zeigt sich meist doch ein wenig Lichterglanz. Im Land der Revolution ist es Silvesterbrauch, Autos anzuzünden. Vor einem Jahr waren 1193 in Flammen aufgegangen – ein neuer Rekord. Der alte stammt von 2009. Damals waren 1147 verkohlte Autowracks gezählt worden. Man mag einwenden, dies sei nicht Brauchtum, sondern tausendfache schwere Brandstiftung. In der Tat drohen einem Autoanzünder in Frankreich zehn Jahre Haft und 150 000 Euro Strafe. Nur, dem pyromanischen Treiben tut das keinen Abbruch. Der Kriminologe Alain Bauer erklärt das Autoabfackeln zum Jahresende als einen Versuch, "die Silvesternacht aus der Monotonie anderer Nächte herauszuheben". Der Figaro zieht einen Vergleich zum Ritus des Lagerfeuers. Beide Erklärungsversuche dürften zu kurz greifen. Aus Polizeiakten geht hervor, dass verschmähte Liebende und Besitzer alter Schrottmühlen in versicherungsbetrügerischer Absicht ebenfalls zündeln. Doch in 41 Prozent der Fälle bleiben sie zum Leidwesen der Ermittler im Dunkeln.

JAPAN: GLÜCKSBRINGER FEIERN KONJUNKTUR

Das Reich der Glücklichen muss in Fernost liegen. Geht es nach der Vielzahl der Glücksgötter und Glücksbringer, kann wohl kein Land dieser Erde Japan das Wasser reichen. Japaner finden für jede Lebenslage, für jede Krise und für jede Hoffnung ein passendes spirituelles Mittel. Hochsaison der japanischen Leidenschaft für übersinnliche Kräfte ist der Jahreswechsel. Am Silvesterabend, zu Neujahr und in den Tagen danach strömen Millionen Menschen in die Tempel und Schreine des Landes, um sich mit großzügigen Spenden den Segen der Götter zu holen. Dazu gehört der Kauf eines Glückspfeils, der nach Volksglauben die alltäglichen Wünsche erfüllt und Familien vor Gefahren und Unbilden schützt. An den hölzernen Fetischen mit einer Zielscheibe und glückverheißenden Schriftzeichen bimmeln zwei Glöckchen, damit es jenen, die diese Wunder vollbringen sollen, in den Ohren klingt. Zwar hält die magische Wirkung nur ein Jahr lang an – aber man weiß ja nie: So bringen Millionen Japaner in diesen Tagen ihre alten Pfeile in die Schreine zurück, wo sie ersetzt werden.

ISRAEL: KÜSSCHEN NICHT ERST UM MITTERNACHT

Eingespielte Silvesterrituale kennen die Israelis nicht. Ihr eigenes jüdisches Neujahrfest – Rosch Ha-Schana – folgt zwar gewissen Regeln. Aber es fällt meist in den September oder auf Anfang Oktober, wird im Familienkreis gefeiert und ist eher besinnlich. Man isst Apfelschnitzchen, getaucht in Honig, Symbol für eine gute Zukunft, und schaut zurück und nach vorne. Religiöse Juden blasen zudem ins Krummhorn, um das Neue Jahr einzustimmen. Böller, Feuerzangenbowle oder Bleigießen gehören da nicht her. Allerdings wächst die Minderheit in Israel, die sich Silvester als Gelegenheit zum Partymachen nicht entgehen lässt. Man braucht nicht lange herumzufragen, um eine Fete zu finden. Es kann sogar passieren, dass Mitternacht – die Stunde null – glatt an einem vorbeirauscht. Auf eine Silvesterparty gehen Israelis nämlich gerne mit einer Schampusflasche, die sofort geöffnet und mit begeisterten Ausrufen – "Happy New Year!" – ausgeschenkt wird. Und mit den Küsschen wird auch nicht bis Mitternacht gewartet.
ÖSTERREICH: GRUSELIGE SCHWEINSKÖPFE

Viele Unterschiede weisen die österreichischen Silvesterbräuche gegenüber den deutschen nicht auf. Dafür aber einen besonders gruseligen: Man isst einen Schweinekopf. Einen Tag lang wird der Schädel einer Sau gewässert, dann wird er gekocht und verziert: mit einem Apfel im Maul und Petersilienbüscheln in den Ohren. Schließlich kommt der Sauschädel auf eine Holzplatte, worauf sich alle mit einem Messer über ihn hermachen. Gelitten hat der Brauch unter dem Mangel an großen Kochtöpfen in modernen Haushalten, aber auch am wachsenden Ekel der jüngeren Generation, besonders vor dem gallertartigen Rüssel. Die alternde Bevölkerung schließlich tut sich schwer damit, mit ihren dritten Zähnen das knorpelige Ohr zu kauen, das der Legende nach Glück bringt. Wirklich genießbar sind allein die fleischigen Wangen.
SPANIEN: TRAUBEN FÜRS GLÜCK

Die halbe Welt stößt um Mitternacht auf ein glückliches Neues Jahr an. Nur die Spanier nicht. Die erste halbe Minute des anbrechenden Jahres verbringen sie damit, Weintrauben zu verschlingen: zwölf Weinbeeren, eine zu jedem Schlag der Turmuhr an der Madrider Puerta del Sol. Viele Fernsehsender übertragen die Glockenschläge, damit sie keiner verpasst. Wie immer bei solchen Traditionen lauert dem, der ihnen untreu wird, das Unglück, also schluckt vorsichtshalber jeder brav die Beeren. Das hat auch schon Schwierigkeiten mit sich gebracht: Zu Neujahr 1997 verschluckte sich ganz Spanien an seinen Trauben, weil die damals frisch sanierte Turmuhr an der Puerta del Sol doppelt so schnell schlug wie gewöhnlich. Zum Glück kehrte sie im folgenden Jahr zum alten Rhythmus zurück: Für jede Beere sind seitdem drei Sekunden Zeit. Mit den frisch verspeisten Trauben im Magen stoßen endlich alle auf ein glückliches Neues Jahr an.

USA: KRISTALLKUGELN UND PARADEN

Wer zu Silvester ein Feuerwerk an internationalen Bräuchen erleben möchte, ist nirgends besser aufgehoben als im Einwandererland USA. Menschen aus aller Herren Länder begrüßen das neue Jahr mit bunten Traditionen aus ihrer Heimat. Zusammengehalten wird die Nation von einer TV-Tradition: Kurz vor Mitternacht versammeln sich Menschen im ganzen Land vor Bildschirmen, um die Übertragung vom New Yorker Times Square mitzuerleben. Seit 1907 sinkt dort in der letzten Minute des Jahres eine vier Meter dicke Kristallkugel am Mast eines Wolkenkratzers herab. Um Punkt Mitternacht erreicht sie das Dach, worauf die traditionelle Neujahrshymne "Auld Lang Syne" angestimmt wird. Wer in einer anderen Zeitzone wohnt, feiert versetzt hinterher, denn das Spektakel hat viele regionalspezifische Nachahmer gefunden. Viele Metropolen organisieren zudem eine "First Night". Die Tradition, bei der die Attraktionen ganzer Städte bis Mitternacht geöffnet bleiben, trat 1975 von Boston aus ihren Siegeszug an. Das amerikanischste Element des Neujahrstages ist dann eine Parade. Der bekannteste Neujahrsumzug findet im kalifornischen Pasadena statt.

SÜDAFRIKA: FLIEGENDER SPERRMÜLL

Schon an gewöhnlichen Tagen tun die Bewohner des rauen Johannesburger Stadtteils Hillbrow gut daran, auf der Straße über die Schulter zu schauen. Am letzten Tag im Jahr muss noch ein Blick nach oben hinzukommen: Denn von dort kann jederzeit ein alter Fernseher, ein Kühlschrank oder ein Bett geflogen kommen – in Hillbrow pflegt es an Silvester Sperrmüll zu regnen. Woher der noch junge Brauch kommt, weiß keiner so genau. Mit seinen Appartementblocks ist Hillbrow seit Jahrzehnten Anlaufstelle für Immigranten aus aller Welt: Kamen sie früher aus Deutschland, Griechenland oder Osteuropa, handelt es sich heute um Simbabwer, Kongolesen und Nigerianer. Irgendwann muss jemand auf die Idee gekommen sein, den letzten Tag im Jahr zu nutzen, um alte Haushaltsgegenstände abzustoßen. Und weil es zu mühevoll ist, einen rostigen Herd viele Stockwerke hinab durchs Treppenhaus zu bugsieren, werden die Gegenstände aus dem Fenster gekippt: Auf diese Weise sorgten sie für neue Arbeitsplätze unter Straßenkehrer und Sperrmüllverwertern, sagen die Hillbrower. Zur Hochzeit der rauen Sitte rückte die Polizei an Silvester mit Hundestaffeln, gepanzerten Einsatzfahrzeugen und Hubschraubern an. Notaufnahmelager wurden eingerichtet, um die Opfer des Jahreswendekrieges behandeln zu können: Es kam zu massenhaften Blessuren und zu Todesopfern.

POLEN: UNBERECHENBARE BÖLLER

In Polen sorgen über Silvester vor allem die berühmt-berüchtigten Knallkörper für Wirbel. Dabei sind die schlimmsten Zeiten vorbei. 2010 hat die EU ihre Richtlinie "Über das Inverkehrbringen pyrotechnischer Gegenstände" so überarbeitet, dass heute (fast) gleiches Recht für alle gilt. Alles gut also? Nicht unbedingt. "Das Problem sind die illegal zusammengemischten Sprengkörper", warnen Experten. Die tragen Namen wie "Totenköpfe" oder "kleine Atombomben" und sind in ihrer explosiven Wirkung unberechenbar. Diese Horrorböller stammen allerdings nicht allein aus Polen. Sie werden auch in Deutschland gemixt oder aus China importiert. Was den Absatz in Polen erleichtert: Dort dürfen Knallkörper das ganze Jahr über verkauft werden. Auch deshalb wird an der deutschen Grenze auch im Sommer nach Böllern gefahndet. Bei den Silvesterfeiern im Land selbst spielt die Angst vor pyrotechnischen Exzessen aber keine Rolle. "Wir freuen uns über das Spektakel", sagt der Warschauer Adam Nowak.