Indien

Witz-Verbot über Glaubensgemeinschaft der Sikhs?

Doreen Fiedler

Von Doreen Fiedler (dpa)

Do, 07. April 2016

Panorama

Einige Sikhs in Indien möchten, dass keine Witze mehr über ihre Glaubensgemeinschaft gemacht werden – und klagen vor Gericht.

NEU-DELHI. Sikhs sind für Indien das, was Ostfriesen für Deutschland. Beide leben jeweils im Nordwesten des Landes, über beide Gruppen gibt es unzählige Witze. Einige Sikhs haben nun genug davon und ziehen vor Gericht. Zuständig ist der Supreme Court, das höchste Gericht Indiens.

Ein beliebter Witz in Indien geht so: Ein Angehöriger der Sikh-Glaubensgemeinschaft hat einen neuen Job. Am ersten Tag arbeitet er bis spät abends an seinem Computer. Sein Chef freut sich und fragt, was er so lange gemacht hat. Der Sikh antwortet: "Die Buchstaben der Tastatur waren nicht richtig angeordnet, also habe ich sie in alphabetische Reihenfolge gebracht."

Darüber kann Harvinder Chowdhury überhaupt nicht lachen. Denn dieser Witz ist nur einer von Tausenden über vermeintlich begriffsstutzige, naive, idiotische oder unfähige Sikhs. Sie fühle sich schikaniert und verhöhnt, erklärt Chowdhury. Deswegen hat sie – selbst Anwältin – mit anderen Sikhs Klage eingereicht. Sie fordern ein Witzverbot, damit die etwa 20 Millionen Sikhs in Würde leben können.

In einem beispiellosen Schritt nahm sich der Supreme Court, Indiens höchstes Gericht, der Sache an. Am Dienstag bat er in einer Anhörung das Management-Komitee der Sikh-Tempel in der Hauptstadt Neu-Delhi um Vorschläge für Richtlinien. Dann sei die Sache vertagt worden, sagt Anwalt Surinder Singh Gulati. Wann das Gericht eine Entscheidung fällt, ist unklar.

"Wir wollen ein Gesetz, das Witze verbietet, die Angehörige einer Gemeinschaft in ein schlechtes Licht rücken", sagt Parminder Pal Singh vom Management-Komitee. Rassistische Witze seien einfach nicht lustig, findet er, egal ob sie sich gegen Sikhs, Christen, Muslime, Buddhisten oder andere Bevölkerungsgruppen richteten. Tatsächlich spielen viele Witze in Indien mit Stereotypen der turbantragenden Sikhs. Zu Tausenden werden die Gags auf der Straße, per Handynachricht oder auf Webseiten erzählt. Einer geht so: Ein Sikh sagt zu seinem Angestellten: "Geh raus und gieß die Pflanzen." Der Angestellter sagt: "Es regnet." Der Sikh erwidert: "Ja und? Dann nimm halt einen Regenschirm mit."

Warum gerade die Sikhs zum Ziel des Spottes wurden, scheint in der Geschichte des Subkontinents verloren gegangen zu sein. Sikhs sind Angehörige einer monotheistischen Religion, die im 15. Jahrhundert vom Wanderprediger Guru Nanak gegründet wurde. Die Gemeinschaft lebt überwiegend im Bundesstaat Punjab im Nordwesten Indiens, doch die Anhänger reisen als Geschäftsleute durchs ganze Land.

Sikhs gelten in Indien als hart arbeitend und mit Unternehmergeist gesegnet, sie bilden eine der erfolgreichsten Minderheiten des Landes. Der Volkskunde-Spezialist Jawaharlal Handoo glaubt, dass die Witze der hinduistischen Mehrheit dazu dienen, mit ihren eigenen Ängsten umzugehen. Die erfolgreichen und wohlhabenden Sikhs seien eine Gefahr für das Hindu-Ego. Zwei Charaktere, die in den Witzen immer wieder auftauchen, sind Santa und Banta Singh. In einem davon isst Santa auf einer Hochzeit sehr langsam. Jemand fragt ihn: "Geht es Dir nicht gut?" Daraufhin Santa: "Auf der Einladungskarte steht doch: Abendessen von 19 bis 24 Uhr." Zu allem Überfluss kommen die Singhs nun auch noch in die indischen Kinos. Im Trailer des am 22. April erscheinenden Films "Santa Banta Pvt. Ltd." werden die beiden als "das hirnrissigste Duo" beschrieben – Männer, die weder gut aussehen, noch Geld besitzen, keine Manieren und keinen Stil haben.