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05. Juni 2010 00:11 Uhr
Race Across America
Radsporter aus Vörstetten will in Amerika hoch hinaus
Das Race Across America ist eine der härtesten Sportveranstaltungen der Welt: Es führt quer durch die USA. Michael Nehls aus Vörstetten radelt mit – und ist ambitioniert.
OCEANCIDE/FREIBURG. Vor zwei Jahren wurde Michael Nehls aus Vörstetten beim Race Across America (RAAM) Siebter. Ein schöner Aktivurlaub mit Rundumbetreuung sei das gewesen, sagte er nach dem 4800 Kilometer langen Rad-Einzelzeitfahren von Küste zu Küste, das als härteste Ausdauerprüfung der Welt gilt. Der 47-Jährige machte viele Pausen und erreichte problemlos das Ziel. Vom 9. Juni an will er es bei seinem zweiten RAAM als erster Deutscher unter die besten drei schaffen. BZ-Redakteur Jürgen Ruoff hat sich mit ihm unterhalten.
BZ: Als Molekulargenetiker haben Sie lange in der Forschung gearbeitet. Welchem Forschungszweck dient es, das Race Across America zu fahren?Ich habe mich als Arzt und Molekulargenetiker mit den Ursachen von Krankheiten und deren Heilung beschäftigt. Vor zehn Jahren wog ich 94 Kilogramm, ich hatte Herzrasen und einen gestörten Fettstoffwechsel. Als Chef einer Biotech-Firma war ich drauf und dran, für Menschen wie mich Medikamente zu entwickeln. Ich habe dann mit dem Radfahren angefangen. Das Gewicht ging runter, der Puls normalisierte sich. Durch Bewegung und gesunde Ernährung habe ich im Leben wieder eine Balance gefunden. Ich möchte diese Erfahrung auch anderen zugänglich machen. Würde ich das als Molekulargenetiker tun, würde mir niemand zuhören. Als Radsportler gelingt das eher. Ich will aber niemanden dazu bewegen, das RAAM zu fahren. Ich will nur zu Bewegung, gesunder Ernährung und mehr Ausgeglichenheit animieren.
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BZ: Sie haben es schon einmal geschafft. Wieso gehen Sie bei diesem Rennen erneut an den Start?
Nehls: Bei der ersten Teilnahme habe ich eine Riesenerfahrung gemacht. Ich habe die bisher verborgene Triebfeder meines Tuns gefunden. Ich habe auch erkannt, dass ich mit meinen Leistungen meinen drei Kindern etwas gebe. Sie motiviere, inspiriere. Die Kinder sind allein durch unsere Erzählungen innerlich stärker geworden. Deshalb ist mir dieses Mal auch wichtig, dass neben meiner Frau auch meine Kinder im Betreuerteam mit dabei sind. Das RAAM soll ein Tor sein, durch das wir gemeinsam gehen.
BZ: Wie reagieren Frau und Kinder, wenn Sie leiden? Wie reagieren Sie, wenn sich Ihre Familie Sorgen um Sie macht? Starke emotionale Bindungen können in so einem extremen Wettkampf belastend sein.
Nehls: Ich möchte nicht leiden. Ich will ja gerade zeigen, dass man so eine immense Herausforderung mit Verstand und einem guten Team bewältigen kann. Dass die Kinder dabei sind, animiert mich unheimlich. Die Dimension des RAAM ist gigantisch. Die ersten 800 Kilometer bin ich das letzte Mal durchgefahren, vier, fünf Stunden Schlaf und dann wieder fast 500 Kilometer. So etwas bewegt auch innerlich. Mich – und die, die dabei sind. Das RAAM wird uns alle ein wenig verändern.
BZ: Mit welchen Ambitionen gehen Sie dieses Mal an den Start?
Nehls: Ich will schauen, ob ich mit meiner Strategie auch ein bisschen schneller sein kann. Beim ersten Mal habe ich 10 Tage, 22 Stunden und 56 Minuten für die Strecke gebraucht. 91 Stunden davon saß ich nicht im Sattel. Ich will etwas weniger pausieren und etwas schneller fahren. Die Pausen will ich aber effizienter nutzen, das heißt mehr schlafen. Klappt alles wie vorgesehen, müssten wir unter zehn Tagen das Ziel erreichen. Vor zwei Jahren wäre man damit unter die ersten drei gekommen.
BZ: Sie nennen Ihre Strategie Methusalem-Formel. Was verbirgt sich dahinter?
Nehls: Es geht um die Möglichkeiten eines langen, gesunden Lebens – ohne Medikamente. Im RAAM setze ich die Methusalem-Formel um. Die Zeit ist das Basiselement der Formel und spielt im RAAM wie auch im täglichen Leben eine bedeutende Rolle. Nimmt man sich nicht genügend Zeit, hat man Stress. Stress lässt uns schneller altern, ist aber meist reine Kopfsache – man kann sich dem also entziehen. Mein Ziel beim RAAM ist es, keinen Stress aufkommen zu lassen, obwohl es um Zeit geht, es ist ja ein Wettkampf. Ich versuche, gelassen zu bleiben. Ich mache Schlafpausen, selbst wenn alle anderen weiterfahren. Denn Regeneration ist auch wichtig. Das zweite zentrale Element der Methusalem-Formel heißt Lebensaufgabe. Wer keine Ziele hat, altert schneller. Das RAAM ist so ein Ziel.
BZ: Irgendwo war eine provokante These von Ihnen zu lesen: Jeder gut trainierte C-Radamateur kann das RAAM fahren. Jährlich trauen sich das aber nur 30 Fahrer zu.
Nehls: Die Aussage habe ich auf die Leistungsfähigkeit bezogen, auf den Motor, der vonnöten ist. Dass noch sehr viel mehr dazugehört, um das RAAM zu meistern, ist doch klar. Vor allem mentale Stärke. Die Physis macht nur zehn Prozent aus, der Rest spielt sich im Kopf ab. Mental stark zu sein heißt für mich zum Beispiel nicht, tagelang mit offenem Hintern zu radeln, so wie das beim RAAM immer wieder vorkommt. Mental stark zu sein heißt für mich, es durch eine ausgeklügelte Strategie erst gar nicht so weit kommen zu lassen. Ich will nicht leiden. Laktat, das sich bei einem harten Training anhäuft, tut mir weh. Ich fahre lieber 500 Kilometer locker, als 50 Kilometer sehr schnell.
