Für mehr Rücksicht

Thomas Geiger

Von Thomas Geiger

Sa, 13. Januar 2018

Auto & Mobilität

Autos ohne konventionelle Rückspiegel sollen mehr Sicherheit bringen.

Der Zündschlüssel ist meist nur noch ein Chip für die Hosentasche. Das Kassettendeck ist ausgemustert. Und jetzt geht es dem Spiegel an den Kragen. Denn bald sollen Kameras den Blick nach hinten erleichtern. Sie revolutionieren die Rücksicht.

Normalerweise schauen Designer gerne nach vorn. Doch wenn Audi-Fachmann Marc Lichte über den kommenden E-Tron spricht, dann lenkt er den Blick bisweilen auch zurück. Und das gilt im Wortsinn: "Denn als unser erstes Auto in großen Stückzahlen werden wir den E-Tron ohne Außenspiegel bauen und stattdessen auf Kameras setzen", sagt Lichte über den Akku-SUV, der in der zweiten Jahreshälfte seinen Einstand geben soll.

Damit reagiert Audi auf einen Trend, der bei Studien und Showcars schon seit Jahren zu sehen ist, es auf der Straße aber bislang nur in Kleinserien wie den VW XL1 geschafft hat. "Denn erstens braucht man dafür noch Sondergenehmigungen der Zulassungsbehörden und zweitens waren die Übertragungsqualität und die Lichtstärke lange Zeit zu mäßig", nennt VW-Designchef Klaus Bischoff die Hürden, die eine Einführung der neuen Technologie noch gebremst haben. Von den deutlich höheren Kosten ganz zu schweigen.

Doch es gibt Gründe, die für Kameras statt Spiegel sprechen, sagt der oberste BMW-Elektroniker Elmar Frickenstein. Auf der einen Seite sei das eine Frage des Images und der Wirkung auf den Kunden, weil Kameras statt Spiegel als modern und cool angesehen würden, argumentiert der Ingenieur. "Aber auf der anderen Seite geht es ganz banal um den Luftwiderstand und mit ihm um den Verbrauch." Für Elektroautos bedeute dies dann eine größere Reichweite.

Zudem versprechen die Hersteller mit den neuen Technologien ein größeres Sichtfeld und mit ihm mehr Sicherheit. Denn sie wollen die Spiegel nicht einfach durch Kameras ersetzen, sondern die Bilder entsprechend aufbereiten und mit so genannter Augmented Reality (AR) Technik anreichern. "Das beginnt bei der Markierung einzelner Hindernisse und endet damit, dass Teile der Fahrzeugkarosserie kurzerhand durchsichtig werden", erläutert ein Entwickler bei Jaguar Land Rover, wo man mit der AR-Technik beim Fahren über steile Kuppen auf diese Weise zum Beispiel quasi durch die Motorhaube auf die Fahrbahn sehen kann.

Und im Elektroauto Chevrolet Bolt hat man nur deshalb eine so gute Rücksicht, weil die Elektronik das Spiegelbild mit der Übertragung einer Kamera mischt und man so durch die Karosseriesäulen hindurchsehen kann. "Der Tote Winkel ist damit Geschichte", sagt ein Entwickler. Nissan setzt auf die Technik beim Geländewagen Armada und ermöglicht mit im Spiegel integrierter Kameraübertragung eine Sicht nach hinten, auch wenn der Kofferraum randvoll geladen und der direkte Blick so blockiert ist.