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24. April 2009

Alter Hut oder Stein der Weisen?

Lieber nach guten Regeln suchen statt Modelle mit viel Mathematik entwickeln – der neue Streit um die Ordnungsökonomik / Von Bernd Kramer

Professor Joachim Starbatty ist enttäuscht. Immer wieder hat der emeritierte Wirtschaftswissenschaftler der Uni Tübingen in seinen Vorträgen auf die Gefahren der Geldpolitik des US-Notenbankchefs Alan Greenspan hingewiesen. So recht auf ihn gehört hat keiner der Entscheidungsträger. Jetzt ist die Krise da – mitverursacht durch den Kreditboom, den Greenspans Niedrigzinspolitik angefacht hat.

Für Starbatty steckt hinter dem gegenwärtigen Absturz allerdings noch mehr als taube Ohren von Verantwortlichen in Wirtschaft und Politik. Für ihn ist das Desaster auch ein Beweis für das Versagen der eigenen Wissenschaft. Anstatt sich den wirklich wichtigen Fragen der Ökonomie zu widmen, habe man sich lieber immer ausgefeilteren mathematischen Modellen zugewandt, mit denen man glaubte, die Wirklichkeit besser erfassen zu können. Also statt im Sinne der Freiburger Ordnungsökonomik (siehe Text unten) nach Regeln zu forschen, die die Menschen im Sinne des Allgemeinwohls handeln lassen, lieber noch ein Häppchen höhere Mathematik mehr, das Exaktheit vorgaukelt – unter dem Vorwand, die Ökonomie könne in die Fußstapfen der Naturwissenschaften treten und mittels Formalisierung genaue Vorhersagen über die wirtschaftlichen Entwicklungen treffen. Oder sich zum Beispiel anzumaßen, man wisse, wie sehr eine Erhöhung der Staatsausgaben um x Prozent das Wachstum in einem Jahr stärke – auf die zweite Stelle hinter dem Komma genau.

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Wer heute als Ökonom über kein ausgefeiltes mathematisches Instrumentarium verfügt, hat es im globalen Wissenschaftsbetrieb in der Tat schwer, sich Gehör zu verschaffen. Die Fachblätter werden von Beiträgen dominiert, die an Formelsammlungen erinnern. Und wer die englische Sprache nicht perfekt beherrscht, wird Probleme haben, komplizierte Zusammenhänge zwischen Staat, Wirtschaft und Gesellschaft, bei denen jedes einzelne Wort zählt, dem Fachpublikum mitteilen zu können. Englisch ist die Sprache der Wissenschaft.

Die Folgen dieser Entwicklung hält Starbatty für katastrophal: Auch an den deutschen Unis rückten ordnungspolitische Fragestellungen in den Hintergrund. Als Beispiel nennt er die Uni Köln. Dort verabschiede man sich stillschweigend von der Ordnungsökonomik, indem die Lehrstühle anders besetzt würden. In Tübingen sei dies ebenfalls der Fall gewesen. Von einst drei ordnungspolitisch orientierten Lehrstühlen sei kein einziger übriggeblieben.

Es sind vor allem junge deutsche Ökonomen, die an US-Eliteuniversitäten wie Stanford oder Chicago Karriere gemacht haben, welche zurückschlagen. Sie, an mathematisch orientierten volkswirtschaftlichen Fakultäten in Deutschland ausgebildet, werfen den Ordnungsökonomen vor, stehen geblieben zu sein. Wo, fragen sie, sind die neuen Erkenntnisse der Ordnungsökonomik, die die Volkswirtschaftslehre weitergebracht haben? Und wo sind jene Untersuchungen, die die Gültigkeit ordnungspolitischer Theorien durch Beobachtung und Auswertung von Daten untermauern oder widerlegen? Die Welt sei nicht weiß oder schwarz, sondern zumeist grau, sagen die Kritisierten. Welche Politik gegen Arbeitslosigkeit am besten helfe, sei nicht allein durch theoretische Überlegungen herauszufinden, halten die neuen Ökonomen dagegen. Man müsse genau die Wirkungen einzelner Maßnahmen betrachten – und dies sei ohne formalisierte Modelle und mathematisch anspruchsvolle Statistikverfahren nicht zu leisten. Was Ordnungsökonomen mit dem Hinweis kontern, sie hätten sich schon immer um die Wirkungen von Regeln auf die Politik und menschliches Verhalten gekümmert.

Die Volkswirte an der Uni Freiburg bleiben von dem Streit nicht unberührt. Die Fakultät, einst wegen der Betonung der Ordnungsökonomik weltweit gefeiert, hat bei Vergleichen mit anderen Unis nicht immer am besten abgeschnitten. Auch was die Nachfolge von Viktor Vanberg (siehe Kasten) anbelangt, gab es unterschiedliche Meinungen. So wurde kontrovers diskutiert, ob nicht ein stärker mathematisch orientierter Wissenschaftler den Lehrstuhl bekommen soll.

Für Dekan Dieter Tscheulin steht jedoch außer Frage, dass die Ordnungsökonomik weiterhin eine zentrale Säule des Lehrangebots in Freiburg bleiben wird. Ihre Fragestellungen und Antworten seien schließlich aktueller denn je.

Autor: Bernd Kramer