Ein Philosoph, zwei Dörfer und viele Fragen

Stephan Brünjes

Von Stephan Brünjes

Sa, 09. Dezember 2017

Reise

GERNE WIEDER:die Halbinsel Chalkidiki und ein bizarrer Streit.

ie unterschiedlich die Menschen doch ticken! Die einen sind immer auf der Suche nach dem Unbekannten, die anderen zieht es Jahr für Jahr an den gleichen Urlaubsort oder sie machen den gleichen Wochenendausflug. Und freuen sich immer wieder aufs Neue, Vertrautes neu zu entdecken. Autoren der BZ schreiben in unserer Serie "Gerne wieder", warum es sie immer wieder an den gleichen Ort zieht. Viel Vergnügen!

WGerne wieder: Bei Aristoteles zu Hause und dann Zoff im Urlaub? Eigentlich tabu. Nur nicht, wenn ich dabei zuschauen darf, wie sich zwei nordgriechische Dörfer namens Stagira um das Erbe des Philosophen Aristoteles kabbeln. Da bin ich gerne mal dabei, zumal ich glaube, den Meister selbst in dieser Sache sprechen zu hören, gut 2300 Jahre nach seinem Tod. Wo? Auf der Halbinsel Chalkidiki, die wie eine verstümmelte Riesenpranke im Ägäischen Meer liegt und sozusagen an ihrer Handkantenküste den Geburtsort von Aristoteles verzeichnet – ein Dorf namens Stagira. Das existiert nicht einmal, sondern zweimal auf der Landkarte. Nummer 1 in den Bergen, Nummer 2 – kaum neun Kilometer Luftlinie entfernt – an der Küste auf einer Felsnase.

Beide Stagira werben emsig mit dem VIP – dem Very Important Philosopher. Dabei existiert das eine, an der Küste gelegene Stagira, eigentlich gar nicht mehr so richtig. Das andere in den Bergen hingegen schon, aber es hat genau genommen nichts mit Aristoteles zu tun. Immer, wenn ich das begreifen will, höre ich die Stimme des VIP aus dem Jenseits: "Denken und Sein werden vom Widerspruch bestimmt." Einer seiner klassischen Lehrsätze – alltagstauglich bis heute. Im Küsten-Stagira gibt es die bis zu zwei Meter dicke Stadtmauer aus Kalkstein und Marmor mit Turmruinen, restauriertes, antikes Straßenpflaster, Brunnen und tönerne Wasserleitungen sowie Grundrisse von Häusern. "Aber wo sind denn nun seine Devotionalien, Gedenksteine oder Heldenstatuen?", fragen Besucher früher oder später, und dann wird es interessant.

So weit sei man noch nicht, sagt Hotelier Dimitris Sarris leicht zerknirscht, "Finanzkrise, Sie wissen schon." Und macht trotz fehlender Spuren klar: "Aristoteles ist 384 vor Christus hier geboren – und nicht da oben, das haben Historiker zweifelsfrei festgestellt." Da oben? "In diesem Bergdorf", raunt Sarris nur, ohne dessen Namen zu nennen. Nein, Stagira kommt ihm nur für seinen Küstenort über die Lippen.

Im Berg-Stagira gibt es immerhin eine schmucke Statue: Mit Papyrusrolle in der Hand steht der VIP in Sandalen auf seinem marmornem Sockel und das schon seit 1954. Damals hat man dort nicht widersprochen bei Vermutungen, dieses Stagira könnte Aristoteles’ Geburtsort sein. Dass das Dorf erst 1924 gegründet wurde, also 2246 Jahre nach Aristoteles’ Tod, kann man da ja schon mal vergessen, nach all den Jahren. Und wenn er schon den ganzen Tag im Dorf rumsteht, dieser Aristoteles, dann soll er dabei ruhig ein bisschen was tun fürs Dorfmarketing, dachten sich findige Stagirianer in den 1980er Jahren und sahen den VIP als Zentralfigur eines Philosophen-Wallfahrtsortes. Mit Aristoteles-Hotel, und Aristoteles-Wanderwegen, vielleicht sogar einem Kongresszentrum und auf jedem Fall einem Themenpark, der wahrscheinlich tausende Besucher anzöge. Doch auch dort, immerhin 500 Meter über dem Meeresspiegel, ist die Stimme des Meisters deutlich hörbar: "Zur Wahrscheinlichkeit gehört auch, dass das Unwahrscheinliche eintreten kann."

Das Unwahrscheinliche erreichte Berg-Stagira schon bald in Form wirklich unpassender Nachrichten von der Küste. Dort wollten Archäologen 1990 das antike, das wahre Stagira gefunden haben. Sie begannen es auszubuddeln und sind sich seitdem sicher: Aristoteles’ Geburtsort ist das Küsten-Stagira. In den Bergen reagierte man sauer: "Ihr da unten habt sowieso schon den Strand und die Hotels. Jetzt nehmt ihr uns noch den berühmtesten Sohn weg." Dieser hat als Trost immerhin die Erkenntnis parat: "Lernen tut weh."