Nationalpark Berchtesgaden

Hoch über dem Königsee

Andreas Heimann

Von Andreas Heimann (dpa)

Sa, 11. August 2018

Reise

Im Nationalpark Berchtesgaden ist der Himmel ein Stück näher und die Natur noch intakt.

Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung. Um halb acht sieht es in Schönau am Königssee in Bayern schon anders aus. Da ist die Schlange vor dem Ticketschalter für das erste Ausflugsschiff bereits sehr lang, und später wird es dann noch schlimmer. Die gute Nachricht: Viele Touristen belassen es bei einem beschaulichen Törn zur Halbinsel St. Bartholomä mit ihrer kleinen Wallfahrtskirche und wollen gar nicht mehr weiter.

Anders Hansi Stöckl. Für ihn geht es auf der Halbinsel erst richtig los. Stöckl ist Bergführer und will seiner Gruppe zeigen, was die meisten der rund 1,6 Millionen Besucher pro Jahr im Nationalpark Berchtesgaden nur flüchtig und aus der Froschperspektive – weil nur von unten – mitbekommen: die alpine Natur im zweitältesten Nationalpark Deutschlands, der in diesem Sommer 40 Jahre alt wird. Deshalb ist die Wallfahrtskirche für Stöckl auch nur ein Zwischenstopp auf dem Weg ganz nach oben. Sein erstes Etappenziel: Kärlingerhaus und Funtensee.

Zahlreiche Tiere, die viele nur aus Dokumentationen im Fernsehen kennen, sind im 210 Quadratkilometer großen Nationalpark noch zu Hause: Mal ist ein Steinadler zu sehen, der oben im Fels sitzt und neugierig seine Umgebung beobachtet, dann guckt ein mit seinen Knopfäuglein putzig aussehendes Murmeltier vorsichtig aus dem Bau und knabbert genüsslich an einer Löwenzahnblüte.

Und am Wegesrand steht plötzlich eine Gämse, die sich nicht sicher ist, was sie von den Wanderern zu halten hat und mit einem Sprung auf den Hang ins schützende, dunkelgrüne Dickicht verschwindet. Nur ihr Kopf lugt danach noch aus dem Gewirr von Ästen hervor. Auch für Schmetterlinge ist der Nationalpark Berchtesgaden ein Paradies. Wer bei der Vesperpause im Gras sitzt, hat schnell einen auf seiner Schulter sitzen.

Das Gelände im Nationalpark ist nicht immer einfach zu begehen. Auf dem Weg nach oben gibt es die eine oder andere Hürde, zum Beispiel die Saugasse. Auf diesem Streckenabschnitt mit mehr als 30 Kehren geht es vergleichsweise steil hinauf: 350 Höhenmeter sind zu bewältigen. Das schmerzt – spätestens, wenn sich abends der Muskelkater in Waden und Oberschenkeln meldet.

Jede Anstrengung wird belohnt. Und irgendwann ist dann nach gut fünf Stunden Aufstieg auch das Kärlingerhaus zu sehen. Das Kärlingerhaus ist die Hütte des Alpenvereins auf 1630 Metern Höhe, in der wir übernachten wollen. Der Anblick gleicht einem fast kitschigen Postkartenmotiv. Links und rechts der Hütte liegen die beeindruckenden Gipfel der Berchtesgadener Alpen und davor schlängelt sich der Weg durch das satte Wiesengrün bis vor die Hüttentür. Ganz still ist es hier oben, selbst die Wolken verharren bewegungslos.

Nur ein kleines Stück hinter dem Kärlingerhaus ruht der Funtensee, berühmt-berüchtigt als der kälteste Punkt Deutschlands: Schwer vorstellbare minus 45,9 Grad wurden hier 2001 gemessen, allerdings im Dezember. Sibirische Verhältnisse sind das. Aber auch im Sommer hat der See nicht gerade Badewannentemperatur.

Dennoch: Nach dem Aufstieg verspricht die bergseegrün funkelnde Wasseroberfläche in ungewöhnlicher Höhenlage doch die angenehme Erfrischung, die viele jetzt gebrauchen können. Schon ist die erste Wanderin im Wasser, nicht ohne einen Laut leichten Erschreckens. Ein paar Schwimmzüge, dann geht es schnell zurück ans Ufer, länger als wenige Minuten hält keiner durch im See. Bei den Schätzungen zur aktuellen Wassertemperatur gibt es Schwankungen: Um die 15 Grad gelten als realistisch, gefühlte acht Grad lautet die Einzelmeinung eines wahrscheinlich doch etwas verweichlichten Großstädters.

Lukas Schöbinger hat den Funtensee fast direkt vor der Haustür. Zum ersten Mal verbringt der 21-Jährige nach seiner Ausbildung den Sommer hier oben in einer Hütte aus dem Jahr 1841. Dabei geht es ihm nicht ums Baden und auch nicht um die Bergidylle. Schöbinger interessiert sich nur für Schnaps – und zwar für richtig hochprozentigen.

Schöbinger ist von Beruf Destillateur, er arbeitet bei Grassl. Das Traditionsunternehmen in Berchtesgaden hat seit dem 17. Jahrhundert das Recht, Enzian zu brennen. Und dafür oben in den Bergen die Wurzeln der blau blühenden Pflanze auszugraben, die für die Herstellung von Enzian unverzichtbar sind. Schöbinger bleibt für gut sieben Wochen auf der Brennhütte und das vor allem wegen dieser wertvollen Wurzeln. "Enzian ist die bitterste Pflanze der Welt", sagt er. "Den lassen auf der Alm sogar die Kühe stehen." Aber in der Wurzel stecke Fruchtzucker, aus dem sich der bekannte Schnaps destillieren lasse. Enzian, das versichern Schöbinger und sein Kollege Max Irlinger im Brustton der Überzeugung, sei gut für die Verdauung.

Beim Ausgraben lässt sich Schöbinger von Freunden helfen. "Die kriegen dafür Schnaps, so viel sie wollen, und werden pro Kilo bezahlt", erzählt er. Der Fachmann zeigt, wie es geht: Die Wurzeln werden im Bach vor der Hütte gereinigt, später in der Hütte zerhackt, die daraus angesetzte Maische in einer Brennblase aus dem Jahr 1940 destilliert.

Das Destillat für den Enzian hat 80 Prozent und muss im Herbst ins Tal gebracht werden – mit dem Helikopter. Anschließend wird es im Fass gelagert, die Feinarbeit erledigt Schöbinger im Winter in Berchtesgaden. Bis der Enzian in die Flasche kommt, dauert es je nach Sorte noch etliche Jahre.

Im Kärlingerhaus herrscht am nächsten Morgen Aufbruchstimmung. Die ersten Wanderer haben bald nach Sonnenaufgang ihren Hüttenschlafsack zusammengefaltet. Ein Frühaufsteher prahlt, er habe schon das zweite Frühstück hinter sich. Auch Stöckl will schnell los zur Gipfelwanderung auf den Feldkogel, der in knapp einer Stunde zu erreichen ist. Der Funtensee liegt ruhig und noch im Schatten. Die Sonne steht zu dieser Stunde so tief, dass ihre Strahlen den Wald am Hang nur zum Teil erreichen. Und so geht es durch die morgendliche Alpenlandschaft bergauf in Richtung Gipfel, vorbei am satten Grün der Alpenwiesen. Das erste Murmeltier des Tages lässt nicht lange auf sich warten. Das Gipfelkreuz steht in 1886 Metern Höhe, und der Blick von oben ins Tal fällt weit über den Königssee. Die Kirchtürme von St. Bartholomä sind zu sehen, ganz hinten die Häuser von Berchtesgaden. Über allem ragt der nahe Watzmann mehr als 2700 Meter hoch in den blauen Sommerhimmel.

Lukas Schöbinger kommt öfter mal auf den Feldkogel, weil man auf dem Gipfel – anders als am Funtensee – Handyempfang hat. Doch den Wanderern, die oben am Gipfelkreuz stehen, ist das Smartphone jetzt erst einmal so egal, dass sie nicht mal fotografieren. Das Panorama ist viel zu imposant. Auch Hansi Stöckl sagt jetzt gar nichts mehr. Aber er denkt sich wohl: So soll es sein.