Deutschstämmige in den USA

Reise nach Chicago

Stephanie Streif

Von Stephanie Streif

Sa, 11. August 2018

Reise

Deutsche Einwanderer hat es schon im 19. Jahrhundert nach Chicago gezogen, aber auch heute noch leben Deutsche wie Österreicher in der US-amerikanischen Metropole ihren Traum /.

Als sie vor 15 Jahren ihre Koffer packte, wollte sie eigentlich nur sechs Monate bleiben. "In einem halben Jahr bin ich wieder zurück", sagte sie damals zu ihrer Mutter. Doch Nicole Outrequin Quaisser ist in der Ferne geblieben. Seit 1993 lebt sie in Chicago. Und nein, Deutschland vermisse sie nicht. Nicht einmal Hamburg, die Stadt, in der sie groß wurde. Nicole Outrequin Quaisser lebt das, was man den amerikanischen Traum nennt: Erst Hotelfachlehre in Hamburg, später geht sie für die Hotelkette Hilton Worldwide nach London, New York, Guam und schließlich nach Chicago. Sie arbeitet sich hoch, beschließt dann aber, ihr eigenes Ding zu machen und eröffnet zusammen mit ihrem Mann ein Restaurant. Heute leitet sie die LM Restaurant Group mit insgesamt sieben Restaurants sowie ein Cateringunternehmen, das sie nebenbei aufgebaut hat. Man sieht ihr an, dass sie Geld hat. Seidenbluse, Fingerringe, teure Uhr am Handgelenk.

Chicago, die drittgrößte Metropole der USA, ist mit ihren Einwanderern über die Jahrzehnte gewachsen. Ein bisschen sieht es so aus, als sei die am Südwestufer des Lake Michigan gelegene Stadt mit jedem Wellenschlag häuserweise aus dem See geschoben worden. Südlich des Chicago River, der sich in Ost-West-Richtung in die Innenstadt hineinfrisst, stehen die meisten Wolkenkratzer, die sich, weil rundum verglast, gegenseitig reproduzieren.

Besonders schön: Chicagos Skyline vor dem auf Hochglanz polierten Cloud Gate an sich vorbei ziehen zu lassen. Das Wolkentor, das aus 168 rostfreien Edelstahlplatten besteht und auch als Bean, Bohne, bezeichnet wird, steht etwas erhöht im Millenium Park. 22 Arbeiter sollen an der Skulptur des britischen Künstlers Anish Kapoor sieben Monate lang herumpoliert haben, bis endlich auch die letzte Schweißnaht verschwunden war. Alles glatt. Alles glänzt. Nach dem großen Feuer 1871, das Chicagos Innenstadt fast vollständig niederbrannte, war viel Platz für Neues – unter anderem für eine Stahlskelettbauweise, mit der sich immer noch höher bauen ließ. Die Katastrophe von damals hat die Stadt zur Geburtsstätte moderner Architektur gemacht. Über 400 Wolkenkratzer sind es in Chicagos Zentrum, dem Loop.

Vor Nicole Outrequin Quaisser steht eine Tasse Minztee. Natürlich treffen wir uns zum Lunch in einem ihrer Restaurants. Das Land & Lake Kitchen liegt an der East Upper Wacker Drive, direkt gegenüber dem Wolkenkratzer, den Donald Trump bauen ließ, als er noch nicht US-Präsident war. 98 Stockwerke ragt das Gebäude in Chicagos Himmel hinein. Ursprünglich sollte der Turm das größte Hochhaus der Stadt werden. Wurde es aber nicht, denn nach den Terroranschlägen vom 11. September wurden die ursprünglichen Pläne um ein paar Meter verkürzt. Aus Sicherheitsgründen. Der Trump Tower ist jetzt nur die Nummer zwei, nach dem 442 Meter hohen Willis Tower.

Kaum ist Trumps Name gefallen, kann Nicole Outrequin Quaisser gar nicht mehr aufhören mit dem Erzählen. Dass Chicagos Bürgermeister Rahm Emanuel die Stadt längst zur Trump-freien Zone erklärt hat und dass Chicago, die Stadt, aus der die Obamas kommen, ohnehin durch und durch demokratisch ist. Mit einem kurzen Nicken deutet sie rüber auf die andere Straßenseite und berichtet, dass es unten im Erdgeschoss des Trump Tower viel Leerstand gebe. "Dort drüben will keiner ein Geschäft aufmachen." Sie selbst habe mal die Anfrage einer Bekannten, die oben im Turm wohne, ablehnen wollen. "Ich sollte das Catering für ein Fest bei ihr im Apartment übernehmen. Geht nicht, habe ich gesagt. Mit unserem firmeneigenen Lieferwagen bei dir vorzufahren, wäre geschäftsschädigend." Schließlich hat Nicole Outrequin Quaisser einen Lieferwagen angemietet. Ja, sie fühle sich persönlich von Trumps Politik angegriffen, obwohl sie längst einen amerikanischen Pass habe.

Wer in den Häuserschluchten des Loop unterwegs ist, merkt sehr schnell, wie weit die Gesellschaft in Deutschland von Multikulti entfernt ist. Unterhalb der Bean stehen sich zwei etwa 15 Meter hohe Glasbausteintürme, über die ständig Wasser fließt, in einem flachen Becken gegenüber. Auf ihre Oberfläche werden rund um die Uhr die Gesichter von 1000 Chicagoern in Großaufnahmen projiziert. Diese Gesichter sind alle anders.

Thorsten Lumbsch kommt eigentlich aus Frankfurt, lebt aber schon 15 Jahren in der Stadt. Die Menschen hier vergleicht er mit denen im Ruhrpott. Sie seien offen, sagt er. Und hätte er damals nicht in Chicago, sondern in einer texanischen Großstadt einen Job bekommen, würde er vermutlich längst wieder in Deutschland wohnen. Thorsten Lumbsch ist Biologe, genauer Flechtenforscher, und arbeitet am Field Museum of Natural History als Kurator. Wer zu ihm will, muss, an riesigen Dinoskeletten vorbei, den Aufzug nehmen, um sich oben durch einen Dschungel an Fluren zu schlagen. In den Regalen seines Arbeitszimmers stehen ausgestopfte Vögel, Tierschädel und natürlich Bücher. Von seinem Büro aus fällt der Blick hinunter in den Grant Park. Lumbsch mag seine Stadt. Den Strand, das Essen, das kulturelle Angebot, von dem im Sommer viel ins Grüne verlagert wird. Nur im Winter, wenn es draußen so kalt wird, dass sogar die Wellen auf dem Michigan See zu Eis werden, kehrt der Wissenschaftler Chicago gerne mal den Rücken, um in den Tropen Flechten zu erforschen. Dann ist er froh, weg zu sein. Häufig wird Chicago als die zweite Stadt Amerikas bezeichnet – the second city, die mit New York nicht mithalten könne. Lumbsch ist froh, dass sie das nicht kann. Hier gehe es weniger hektisch zu und eine metallrumpelnde U-Bahn habe man auch.

Chicago ist schon lange eine Stadt der Einwanderer, auch von deutschen. Um 1900 galt sie als sechstgrößte deutsche Stadt und auch heute noch sollen rund 600 000 Einwohner deutschstämmig sein. Am Lincoln Square im Norden der Stadt geht es noch immer deutsch zu. In der U-Bahn-Station Western steht ein Stück Berliner Mauer, ein paar Meter weiter hängen Dirndl im Schaufenster und im gut besuchten Supermarkt nebenan reiht sich im Kühlregal das Sauerkraut becherweise aneinander. Früher war hier das Zentrum der deutschstämmigen Chicagoans.

Um die Ecke steht ein riesiger, etwas in die Jahre gekommener Häuserklotz am Straßenrand. Im Innern riecht es angestaubt. Das Dank-Haus (Dank ist die Abkürzung für Deutsch-Amerikanischer-National-Kongress) konserviert das, was mal deutsche Kultur war. In Vitrinen stehen bemalte Bierkrüge mit Zinndeckeln und an den Wänden hängen Makramee-Eulen und Rettungsringe von Einwandererschiffen, darunter ein mit ein paar Habseligkeiten gepackter Lederkoffer, der es mit seiner Besitzerin vor Jahrzehnten über den Atlantik geschafft hat.

Im Dank-Haus wird aber nicht nur ausgestellt, sondern auch gefeiert – im Herbst Oktoberfest, vor Weihnachten ein Christkindlmarkt und wochenends kommen die ehemals Deutschen gerne mal bei Kaffee und Kuchen zusammen, um Heimatfilme zu schauen, erzählt Dank-Haus-Chefin Monica Jirak. Sprachkurse gebe es obendrein und in denen sitzen überwiegend die Nachkommen der Einwanderer von damals. "Plötzlich ist es da, das Interesse für die eigenen Wurzeln."

Auch bei Robert Birnecker. Vor zehn Jahren arbeitete er noch als Pressesprecher im österreichischen Konsulat in Washington, heute lebt er mit seiner Familie in Chicago und betreibt zusammen mit seiner Frau Sonat die Brennerei Koval. "Wir wollten raus aus unserem alten Leben und was eigenes schaffen", erzählt er. Und von ganz weit unten stiegen plötzlich alte Erinnerungen in ihm hoch, wie er damals als Kind in Oberösterreich seinem Großvater beim Schnapsbrennen geholfen hatte. Danach sei alles schnell gegangen. Die Birneckers kündigen ihre gut bezahlen Jobs, ziehen nach Chicago und investieren ihr Vermögen in ihre kleine Brennerei – die erste in der Stadt nach Ende der Prohibition im Jahr 1933. Anfangs sei es hart gewesen, erinnert sich Birnecker. Um sich das nötige Fachwissen draufzupacken, besucht der studierte Politikwissenschaftler Lehrgänge und wälzt alles, was er an Fachliteratur finden kann. Heute ist er der Experte, räumt mit seinen Spirituosen Preise ab und gibt sein Wissen in Workshops weiter, denn das Selberbrennen ist in den USA in Mode gekommen. Große Industriebetriebe wie Jim Beam und Jack Daniel’s, die nach der Prohibition den Whiskeymarkt über Jahrzehnte hinweg dominierten, haben Konkurrenz bekommen. Die vielen kleinen Craft Distilleries wollen weg von der Norm.

Robert Birnecker gehört zu den Schnellen, bei der Führung durch seine im Norden Chicagos gelegenen Brennerei ist wenig Zeit für Anekdoten, er bleibt bei dem, was wichtig ist. Hier der Dephlegmator, dort die Blasenkappe. Die Technik sei auf dem neuesten Stand, alle Grundprodukte kommen von Biobauern aus der Region. Offenbar hat er noch zu tun. Ein bisschen kommt er dann aber doch noch ins Plaudern. Der Firmenname Koval stamme von Roberts Großvater. Im Jiddischen bedeute das "Schmied", es bezeichne aber auch Menschen, die außergewöhnlich seien. Sonats Großvater wurde von seiner Familie so genannt, denn mit gerade einmal 17 Jahren wanderte er von Wien nach Chicago aus. Alleine.

Die Reise wurde unterstützt von
Choose Chicago.