Schatten im Inselparadies

dpa

Von dpa

Sa, 06. Oktober 2018

Reise

Türkisblaues Meer und Palmenstrände wie im Bilderbuch, blauer Himmel und sehr viel Sonne / Aber St. Martin in der östlichen Karibik räumt auch ein Jahr nach dem Hurrikan "Irma" noch immer auf /.

Aus dem türkisblauen Meer ragen grüne Hügel. Glitzernde Wellen rollen an den weißen Strand. Palmen wehen im Passatwind. So sieht die Karibikinsel St. Martin aus dem Flugzeug aus. Ein ganz normales Bilderbuchparadies.

Rasant geht es tiefer. Im Sinkflug donnert das Flugzeug über den Maho Beach. Noch 15 Meter sind es bis zum Boden, noch zehn. Nur eine schmale Straße trennt die Landebahn vom Badestrand. Unten winken Planespotter, wie die fotografierenden Flugzeugenthusiasten heißen. Sie knipsen unentwegt und halten ihre Sonnenhüte fest. Vorsicht Schubstrahl! Fast nirgendwo sonst kommt man einem Jet so nah. Doch etwas hat sich verändert: Das Paradies wurde von einer Katastrophe heimgesucht.

Vor einem Jahr verwüstete Hurrikan "Irma" die Kleinen Antillen in der östlichen Karibik. Dazu gehört auch die Martinsinsel. Deren südlicher Teil Sint Maarten ist ein autonomes Land innerhalb des niederländischen Königreichs und deren größerer Norden Saint Martin wird als französisches Überseegebiet verwaltet. Mit Windstärken von knapp 300 Stundenkilometern fegte der Sturm damals über das kleine Eiland. Nie wurde ein stärkerer Hurrikan auf dem offenen Atlantik gemessen. Elf Menschen starben in Saint Martin, vier in Sint Maarten. Auf beiden Seiten der grünen Grenze entstanden Sachschäden in Milliardenhöhe. Nach offiziellen Angaben wurden zwischen 90 (Sint Maarten) und 95 (Saint Martin) Prozent der Gebäude beschädigt, auch der Princess Juliana International Airport im südlichen Inselteil, der größte von zwei Inselflughäfen.

Wie einen Flugzeugflügel hatten Architekten einst das moderne Dach des Flughafens entworfen. Schick, schlank, aerodynamisch. Dass es einmal in Teilen davonfliegen würde, war nicht geplant. Inzwischen ist das Dach wieder repariert und verstärkt. Die Konstruktion soll künftig auch stärksten Böen standhalten. 21 von 26 Airlines haben den Betrieb mit halber Kapazität wieder aufgenommen. Ausgebucht sind die Flüge nicht.

Die wenigen Reisenden, die am Flughafen eintreffen, finden sich in einem überdimensionierten Partyzelt, das die provisorische Ankunftshalle darstellt, wieder. Klasse ist das, kein Gedränge an der Gepäckausgabe! Aber wer will hier schon Urlaub machen, ein Jahr nach dem Hurrikan?

"Welcome!" Draußen freuen sich Taxifahrer über jeden Gast. Sie nicken eifrig. "Yes, yes!" Alle Straßen seien inzwischen aufgeräumt. In Sint Maartens kleiner Hauptstadt Philipsburg sind die Spuren der Verheerung jedoch noch immer nicht zu übersehen: zerbeulte Autos, umgestürzte Bäume, Häuserruinen mit bröckelnden Wänden, zerbrochene Fenster und blaue Plastikplanen statt Dächern. Weil die Bergungskosten ungeklärt sind, dümpeln Dutzende gesunkener Schiffe in der Simpson Bay Lagoon. Viele Strandbars und Geschäfte sind verbarrikadiert, Restaurants geschlossen. Das Paradies hat mehr als nur ein paar kleine Kratzer.

Beide Inselnationen auf St. Martin schöpfen rund 90 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung aus dem Tourismus. Die Niederlande rechnen 2018 für Sint Maarten mit Verlusten von etwa 490 Millionen Dollar (421 Millionen Euro), so das Fremdenverkehrsamt. Auch das "Divi Little Bay Beach Resort" blieb acht Monate dicht. Haushohe Sturmfluten hatten das Erdgeschoss der Ferienanlage überschwemmt. Meterhoch lag Sand in den Zimmern. "Ein Albtraum", erinnert sich Verkaufsleiterin Joan Samson.

Im August waren in Sint Maarten 34 Hotels mit Zimmern für 3 900 Gäste wieder in Betrieb – rund ein Drittel. Ende März 2019 sollen es 70 Prozent sein. Die französische Seite dagegen wirkt noch deutlich weniger aufgeräumt. An der Strandpromenade in der Hauptstadt Marigot gegenüber dem Fischmarkt sehen einige Sturmruinen aus, als hätte sich seit einem Jahr nichts getan.

"We are building back better", sagt May-Ling Chun von Tourism Sint Maarten. Wenn man die Destination ohnehin neu aufbauen müsse, dann besser als vorher. Hoteliers und Geschäftsleute investierten Millionen und nutzten das Unglück zur Modernisierung. Das Ziel: Sint Maarten soll ein ganz neues Produkt werden.

Am schick restaurierten Pool im "Divi Resort" stehen schon nagelneue Sonnenliegen. Darauf sitzen Chuck und Thea Gedrich aus Chicago. Seit 30 Jahren reist das Ehepaar in die Karibik. Die Martinsinsel ist immer noch ihr Lieblingsziel. Für den vergangenen Frühling gebuchte Ferien haben sie nicht storniert, sondern verschoben. Das Warten habe sich gelohnt. Die 37 Strände der Insel sind so fantastisch wie vorher, finden die Gedrichs. Kristallklares Wasser, Korallen, alles noch da. Erstbesuchern werde sicher nichts fehlen.

Nur Stammgäste vermissen vertraute Plätze wie die Strandrestaurants von Oyster Bay. "Fünf, sechs Beachbars – komplett weggepustet", erzählt Chuck und schüttelt den Kopf. Er ist Ingenieur und kann die Mammutaufgabe Wiederaufbau beurteilen. "Ich bewundere die Kraft dieser Insel. Die Leute sind widerstandsfähig." Baugerüste und fehlende Gärten, solche Kosmetikfehler stören sein Urlaubserlebnis nicht. "Die Einheimischen haben ganz andere Sorgen."

"Irma" hat die rund 78 000 Bewohner der Martinsinsel schwer getroffen. Vor dem Sturm waren die meisten Bewohner im Gastgewerbe tätig. Doch die Menschen tragen ihr Los mit erstaunlicher Fröhlichkeit. "Wirbelstürme gehören zur Karibik wie der Sonnenschein", sagt Samuel Alexander und zuckt die Achseln. Er habe Auto, Dach und Restaurant verloren. Aber die Familie sei okay. Freunde halfen beim Wiederaufbau des Hauses. Einen Job als Portier habe er auch gefunden. "Glück gehabt", sagt Alexander.

Joseph Leblanc dreht noch Däumchen. Sein wackliger Tisch mit Batikkleidern und Häkelhemdchen steht hinter Philipsburgs historischem Gerichtsgebäude. Viele von diesen traditionellen Zedernholzhäusern, oft farbenfroh und mit typisch karibischem Schnitzereifachwerk, gibt es auf der holländischen Seite nicht mehr. Oben auf dem Dach des 1793 gebauten Courthouse prangt eine gelbe Ananas als Symbol für Wohlstand. Vor dem Hurrikan gab es einen lebhaften Freiluftmarkt. Jetzt wartet Großvater Joseph vergeblich auf Kundschaft, besonders auf die Passagiere der Kreuzfahrtschiffe, die früher scharenweise zur Shoppingtour ausschwärmten. Der Hafen liegt schräg gegenüber, in Laufnähe zu Philipsburgs zollfreier Einkaufszone gleich hinter der Strandpromenade mit den vielen Duty Free-Läden, Elektronikshops und Designerboutiquen. Leider ankert heute wieder kein Schiff.

13 lange Wochen blieb das Terminal ganz geschlossen. Seit Anfang Dezember 2017 kommen die Schiffe langsam zurück. Die schwimmenden Kleinstädte sind eine Rettungsleine für die gebeutelte Insel. Ihre Infrastruktur bringen sie ja mit. Im Vergleich zum Vorjahr stieg die Zahl der Kreuzfahrtbesucher zwischen April und Juli 2018 um 8,8 Prozent. Schon für die Wintersaison 2018/19 erwartet die Hafenbehörde eine Rückkehr zu den Gästezahlen vor "Irma".

Unterdessen bangen viele Geschäftsleute ums Überleben. Kunstlehrerin Tess Verheij pinselt mit einer Gruppe von Freiwilligen restaurierte Minipavillons in knallbunten Karibikfarben an. Die gebürtige Holländerin setzt auf Selbsthilfe, denn die Arbeit der Lokalregierung betrachtet sie skeptisch: "Das Parlament hätte wirklich nicht als eines der ersten Gebäude angestrichen werden müssen, oder?"

Dass die von den Niederlanden gewährten 550 Millionen Euro Aufbauhilfe auch wegen Angst vor Korruption nicht lokal, sondern von der Weltbank verwaltet werden, findet sie richtig. Mit dem Geld könnten hoffentlich auch alte Probleme gelöst werden, wie die nach "Irma" überlastete und regelmäßig brennende Mülldeponie. "Building back better", bekräftigt auch Tess, "aber für Besucher und Bewohner." Der Hurrikan sei auch eine Chance.

Wo Schatten ist, da ist auch Licht. Nick Maley weiß das. Der britische Maskenbildner arbeitete bei der Entwicklung der Yoda-Figur aus den Star Wars-Filmen mit. Heute betreibt der Endsechziger ein kleines, aber sehenswertes Filmmuseum in Philipsburg. Ja, es gebe noch ein paar Narben im Paradies, sagt er, aber die Sonne scheine trotzdem.