Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

03. September 2010

Das Herz Marokkos schlägt in Marrakesch

Schiefe Flötenklänge lassen die Kobra aus dem Korb gucken, die Kollegen des Schlangenbeschwörers halten den Touristen kleine, schwarz glänzende Schlangen unter die Nase. Manche zücken begeistert die Kamera, andere drehen sich angewidert weg.

  1. Kontrastreich: Marrakesch, die ehemalige Oase, wird die Rote Stadt genannt. Im Hintergrund die weißen Gipfel des Atlasgebirges. Foto: Fremdenverkehrsamt

  2. Platz der Gaukler: Feuerspucker, Schlangenbeschwörer und Musikanten beherrschen die Szene. Foto: Fremdenverkehrsamt

  3. Budenzauber: Am Abend verwandelt sich der Jemaa el Fna in eine Garküche. Foto: Fremdenverkehrsamt

  4. Henna-Bemalung: bei Touristen beliebter als bei Marokkanern Foto: Fotolia.com

Nebenan mischt sich zur Flöte wildes Getrommel. Die Tänzer in weißen Gewändern mit blau gehäkelten Säumen wirbeln in Ekstase über wenige Quadratmeter. Äffchen und ihre Besitzer hoffen auf knipsfreudige Fotografen. Auf dem Jemaa el Fna, dem bekannten Platz der Gaukler in der Innenstadt Marrakeschs, lebt der Orient aus 1001 Nacht.

Das Ganze ist fast zu viel des Guten. Die Erlösung taucht am Rande des Platzes auf. Dort, wo kein Gedrängel herrscht, stehen die orientalischen Versionen der Imbissbude. Ohne Currywurst, dafür mit frisch gepresstem Orangensaft. Die aufgetürmten Orangen leuchten wie untergehende Sonnen. Und das mitten am Tag. Die Sonne steht hoch am Himmel und bringt im Sommer die Stadt bei 40 Grad zum Flimmern. Der Saft fließt wie ein erfrischender Wasserfall die ausgetrocknete Kehle herunter. Wer über seinen Becherrand hinausschaut, kann am Horizont den Schnee auf den Bergspitzen des Atlasgebirges sehen.

Schon im 12. Jahrhundert beschrieb der andalusische Dichter Hafsa Bint el Hadj Marrakesch als "die über den Atlas geworfene Perle". Heute entdecken Stars wie Madonna, Brad Pitt, Kate Moss oder Johnny Depp die Wüstenmetropole als neuen Hotspot. Luxuriöse Hotels werden aus dem Boden gestampft, alte Riads erstrahlen in neuem Glanz. Die einstigen Herrenhäuser reicher Händler und Wesire scheinen von außen alle gleich, denn die Hausfarbe ist Pflicht. Die Rote Stadt wird Marrakesch genannt. "Bei 300 Sonnentagen im Jahr würde weiß blenden und der Wind, der den Sand aus der Wüste trägt, die Häuser schmutzig machen", erzählt Mohammed, der Touristen durch die Stadt führt. Er hat recht: Die Mischung aus Apricot und Terrakotta wirkt fast wie eine Sonnenbrille. Doch das Faszinierende der Riads liegt nicht allein in ihrer Farbe. Wer zum ersten Mal die Tür öffnet und das Haus betritt, dem öffnet sich ein großzügiger Innenhof. Dort blüht ein andalusischer Garten, unterteilt in die vier Jahreszeiten. Ein grünes Refugium in der Roten Stadt. Mancher Hausbesitzer ersetzt das Grün durch Blau – mit einem Pool zur Erfrischung. Doch nicht nur das Hausinnere überrascht. Obwohl das pulsierende Leben auf der Straße nur wenige Meter entfernt ist, dringt kein Laut zum Hof durch. Absolute Stille. Als ob eine Glaskuppel das Riad umhüllt.

Werbung


Außerhalb des Riads herrscht buntes Treiben, Chaos. Autos hupen, Mopeds winden sich durch enge Lücken, Verkehrsregeln sind für westliche Augen nicht zu erkennen. Dafür sehen sie atemlos unzählige Beinahe-Unfälle. Die Marokkaner bleiben abgesehen von dem ständigen Griff zur Hupe ruhig. Kein Unfall, kein Zusammenstoß, kein Kratzer. Der Verkehr fließt, die Bilder auch. Dabei werden die krassen Gegensätze deutlich: Während ein Esel mühsam einen Wagen voll prall gefüllter Jutesäcke zieht und ein älterer Mann mit einem Stock nebenher geht, rauscht ein blitzend roter Ferrari röhrend vorbei. Einfaches Leben trifft Luxus. Eine junge Marokkanerin düst in engen Jeans, einen iPod im Ohr, auf ihrem Moped vorbei, die langen Haare wehen im Wind. Direkt hinter ihr fährt ein Mädchen, von Kopf bis Fuß verschleiert. Tradition trifft Moderne. Die jungen Marokkanerinnen zeigen, wie sich arabische und westliche Welt harmonisch miteinander vereinbaren lassen. Die langen Gewänder gibt es mit bunten aufgedruckten Rosen und Strasssteinen. Designer Ed Hardy ist auch in Marrakesch angekommen.

Die traditionellen Gewänder und Tücher gibt es im Händlerviertel, den Souks. Aber was die Menschen in das Labyrinth der engen Gassen lockt, sind nicht die Kleider. Ein Spaziergang durch die Souks erweckt und betäubt die Sinne gleichermaßen. Die Reizüberflutung wird zum Rausch. Die Farben, die Klänge und die Gerüche ziehen die Menschenmassen in ihren Bann. Von oben kämpfen sich Sonnenstrahlen durch die Strohmatten und tauchen das Treiben in ein rätselhaftes Licht.
Die Farben werden noch intensiver. Die Gewürztürme leuchten in Grün, Gelb, Rot, Ocker, Orange und Braun. Sie zwingen dazu, jede einzelne Nuance aufzunehmen.

Zum Verarbeiten der Bilder bleibt keine Zeit. Die Gerüche schleichen sich in die Nase. Curry gepaart mit Leder. Eine Prise Muskat. Nicht lange. Frische, würzige Oliven. Plötzlich süß. Ein Windhauch trägt den Duft frischgebackener Chebakias, marokkanisches Honig- und Mandelgebäck, durch die Luft. Die Händler preisen lautstark ihre Ware an. Sobald jemand stehenbleibt, springen sie auf wie Löwen, die ihre Beute packen. Für eine der geschnörkelten Lampen will der Händler 2000 Dirham haben. Die Preisansage ist der Startschuss, das Spiel um den Preis beginnt. Wer die Spielregeln nicht kennt, hat verloren. Feilschen gehört zum Markt wie die unzähligen Stände selbst. 2000? No, too much. 300. Das Angebot ist so unverschämt wie das des Händlers. Entsetzt geht er auf 1800 runter. 350. Fassungslosigkeit. 1500. So geht es weiter. Hartnäckig versucht er den Preis hochzuhalten. Wer genauso hartnäckig bleibt, wird belohnt. Am Ende kostet die Lampe 500 Dirham. Der Souvenirjäger freut sich über sein Schnäppchen, der Händler freut sich über das Schnippchen, das er dem Touristen geschlagen hat.

So aufregend die Achterbahn der Sinne in den Souks ist, für manche ist das hektische Treiben zu viel. Die Lösung für das Problem ist gleichwohl nicht fern: das marokkanische Bad, das Hammam. Für Urlauber Verwöhnprogramm, für Marokkaner Notwendigkeit. In den Häusern der Altstadt, der Medina, gibt es meist kein Badezimmer. Das Hammam ist nach Geschlechtern geteilt. Hier können die muslimischen Frauen ihre Zurückhaltung zusammen mit dem Kopftuch ablegen. Klatsch und Tratsch findet beim Schwitzen und Seifen statt, nicht bei Kaffee und Kuchen.

Viele Hotels bieten eine Hammambehandlung in ihrem Spabereich an. "Die Verbindung Hammam und Spa erweckt alte Traditionen zu neuem Leben", sagt Laila Khadija, Verkäuferin in einem Kosmetikladen. Doch sie weiß auch, dass die westliche Kultur längst Einzug in den marokkanischen Alltag gehalten hat. Beispielsweise beim traditionellen Henna. "Eine Henna-Bemalung ist das Größte für eine Frau", sagt Laila. Nach der ersten Euphorie fügt sie hinzu: "Aber Teenager lassen sich nur noch für ihre Hochzeit bemalen. In ihren Augen ist es nicht mehr modern." Dass die Traditionen in Marrakesch untergehen, ist nicht zu befürchten. Vielmehr beweisen Schlangenbeschwörer, Riads und Hammam, dass in Marrakesch der Okzident den Orient mit neuem Leben erfüllt. Ein gegensätzliches Durcheinander und ein harmonisches Miteinander – auch zwischen den Religionen. Hier sagen sich Morgenland und Abendland noch Gute Nacht – Laila Saida.

Marrakesch

Anreise: Die Fluggesellschaft Royal Air Maroc fliegt täglich ab Frankfurt nach Marrakesch. Hin- und Rückflug kosten durchschnittlich 400 Euro. Allerdings bieten sie keinen Direktflug an, die Anreise ist nur mit Zwischenstopp in Casablanca möglich. Direktflüge gibt es ab Basel mit Easy Jet.
Beste Reisezeit: im Frühjahr (März bis Mai) und im Spätjahr (September-Oktober). Dann liegen die Durchschnittstemperaturen bei angenehmen 20 bis 25 Grad. In den Sommermonaten können Städtereisende bei mehr als 40 Grad ins Schwitzen kommen. Im Winter klettert das Thermometer dagegen tagsüber kaum über die 18-Grad-Marke und sinkt nachts schon mal auf 5 Grad.
Währung: Für einen Euro erhält man derzeit 10,93 Marrokanische Dirham. Ein- und Ausreisende dürfen allerdings nicht mehr als 1000 Dirham mit sich führen. Am besten direkt bei der Ankunft wechseln und vor der Rückreise alles ausgeben.
Hamman: Wer ein öffentliches Hammam aufsucht, muss ungefähr 5 Dirham bezahlen. Für ein Privathammam der Luxusklasse können auch 1500 Dirham fällig werden. Ähnlich sieht es mit der Unterkunft aus.

Kontakt: Staatliches Fremdenverkehrsamt Marokko, Graf-Adolf-Straße 59, 40210 Düsseldorf, Tel. 0211/370551, http://www.tourismus-in-marokko.de  

Autor: bex

Autor: Anja Hammer