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05. März 2016

Garantierter Genuss

Alpenüberquerung light vom bayerischen Tegernsee ins Südtiroler Sterzing: Wandern ja, in Bewegung sein: ja, die Natur erleben: ja, außer Atem kommen: nein! /.

  1. Der Weg ist das Ziel: irgendwo unterwegs zwischen Deutschland und Italien Foto: Felix Held

  2. Abendstimmung: am Achensee Foto: Felix Held

  3. Rutschgefahr: Eine helfende Hand kann da nicht schaden. Foto: Felix Held

  4. Scheinbar notwendig: Hinweisschild zur Abfallentsorgung Foto: Felix Held

  5. Wegfinder: Georg Pawlata Foto: Felix Held

  6. Geschafft: Sterzing ist das Ziel der Alpenüberquerung. Foto: Felix Held

Ffiuuuu, ffiuuuu, ffiuuuu." Wir horchen auf. Welcher Vogel macht solche Geräusche? Ein Steinadler? Eine Bergdohle? "Das ist kein Vogel, sondern ein Murmeltier", sagt Bergführer Georg Pawlata. Wir schauen irritiert über das steinige Geröllfeld, suchen die Landschaft ab nach dem pelzigen Nagetier. Und tatsächlich: Aus sicherer Entfernung beobachtet uns ein kleines Murmeltier. Gut getarnt sitzt es in einem der struppigen Sträucher, die unterhalb des Pfitscher Jochs auf knapp 2300 Meter Höhe noch wachsen.

Das Joch ist unser Sehnsuchtsort. Der Punkt, um den sich bei unserer Tour alles dreht. Das Joch ist die Grenze zwischen Österreich und Italien, zwischen Zillertal auf der einen und Südtirol auf der anderen Seite. Wer den Pass überschreitet, hat es geschafft: Er hat die Alpen überquert, zu Fuß. Das ist unser Ansporn bei dieser Route, die vom bayerischen Tegernsee nach Sterzing in Südtirol führt.

Beim Anblick des Murmeltiers halten wir inne, atmen durch, schauen, genießen. Ohnehin ist der Genuss ein treuer Begleiter bei unserer Route über die Alpen. Während andere Strecken, wie beispielsweise der E 5 von Oberstdorf nach Meran oder der Fernwanderweg München–Venedig hohe Anforderungen an die körperliche Fitness der Wanderer stellen, ist unser Weg, der schlicht als "Die Alpenüberquerung" firmiert, harmloser an

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gelegt. Wandern: ja. In Bewegung sein: ja. Die Natur erleben: ja. Außer Atem kommen: nein.

Georg Pawlata hat den Weg konzipiert. "Ich habe Routen gewählt, die den Durchschnittswanderer fordern, aber nicht überfordern", sagt der 41-jährige Innsbrucker. Er hat Geografie studiert, ist Projektentwickler und kennt die Alpen ziemlich gut. Vor zwei Jahren holte er Tourismusverbände von Bayern über Österreich bis Südtirol in ein Boot und realisierte mit ihnen die Alpenüberquerung. Dabei ist der Weg die eine Komponente. Darüber hinaus setzen die Macher auch abseits auf Genuss. "Die Wanderung steht auch unter dem Motto ,vom Bier zum Wein’", sagt Pawlata.

Los geht’s im klassischen Bierland, in Bayern. Die erste Etappe von Gmund nach Wildbad Kreuth ist mehr Spaziergang denn Wanderung. Acht Kilometer ohne nennenswerte Höhenmeter sind es bis Tegernsee. In der bekannten 4000-Seelen-Gemeinde hat Uli Hoeneß ein Haus, Philipp Lahm und Manuel Neuer wohnen auch dort. "Langsam einwandern" ist das Konzept dieser Etappe. Uns ist das gerade recht. Schließlich ist es an diesem Tag nicht nur warm, es ist heiß. Wir lassen uns Zeit und haben Muße für ein paar Überraschungen am Wegesrand. Waschechte oberbayerische Lamas zum Beispiel. Sie grasen friedlich auf einer der zahlreichen Wiesen. Stören lassen sie sich nicht.

Im Bräustüberl, einem der bekanntesten Lokale in Tegernsee, lassen wir uns Haxn, Kaiserschmarrn und ein kühles Bier schmecken. Es sind sozusagen die Grundnahrungsmittel der Einheimischen – und da passen wir uns gerne an. Pappsatt und zufrieden sind wir froh, dass wir die restliche Tagestour abkürzen können.

Am See bimmeln wir kräftig eine große Glocke. Mit Erfolg. Der "Überführer", der Fährmann, kommt angerudert und bringt uns mit seinem Boot über den See nach Rottach-Egern. Von dort geht die Wanderung weiter ins ehemalige Kurbad Wildbad Kreuth – berühmt-berüchtigt vor allem durch die jährliche Klausurtagung der CSU. Wer lieber noch ein bisschen in Tegernsee bleiben will, kann sich die restlichen Kilometer sparen und bequem mit dem Bus von Rottach-Egern bis zum Etappenziel fahren.

Wandern oder fahren – sportlich oder genussvoll: Egal, für welche Route sich die Wanderer entscheiden – verlaufen ist bei dieser Alpenüberquerung eigentlich nicht möglich. Eine kleine Plakette mit gelbem Ü auf schwarzem Grund markiert die Route. Pawlata hat bei seinen Kontrollgängen immer Hammer, Nägel und Ersatzplaketten dabei. So entwickelt sich bei unserer Wanderung eine kleine Routine: Während wir verschnaufen, setzt Pawlata seinen Rucksack ab und bringt abgefallene Plaketten wieder an. Oder nagelt mit sicherem Schlag neue an. Derart gut verortet und darüber hinaus mit einem kompetenten Wanderwart unterwegs, kämpfen wir auf dem Weg zum Joch nicht mit der Orientierung, sondern mit Schneeresten. Und das Anfang Juni. Eigentlich ist der Weg breit und gut zu begehen. Dennoch sind wir froh, dass wir unsere Bergschuhe fest geschnürt haben. Vor allem, als wir durch die Schneefelder müssen. Wir lassen uns davon aber nicht abschrecken. Ein paar beherzte Stapfer und wir sind rüber. Pawlata hilft außerdem, Vorsicht ist schließlich besser als ein verdrehtes Knie.

"Der Weg ist nur etwa vier Monate begehbar", sagt der Bergführer. Von Juni bis Oktober reicht grob die Reisezeit. Allerdings sind Wintereinbrüche auf dieser Höhe jederzeit möglich. "Hier oben kann es auch im August schneien." Lange liegen bleibt der Schnee im Sommer allerdings nicht. "Die Alpenüberquerer lassen sich von schlechtem Wetter sowieso nicht abschrecken", hat der Toureninitiator beobachtet. "Die sind ehrgeizig und wollen den Weg bei jedem Wetter meistern." Da wollen wir natürlich nicht zurückstehen und gehen tapfer weiter bis zum Joch. Zumal Petrus uns hold ist und wir ohne größere Wetterkapriolen bis zum Pass kommen.

Die alten Grenzhäuser am Pfitscher Joch sind schon lange nicht mehr besetzt. Früher machten die Grenzer dort oben Jagd auf Schmuggler. Jetzt macht der Wind, der schneidend über den Kamm pfeift, Jagd auf uns. Deshalb sind wir froh, dass wir uns im Pfitscherjochhaus aufwärmen können. Dort treffen wir einen, der viele Geschichten erzählen kann: Josef Turin, der Leiter der Touristinformation von Sterzing.

Das Haus ist renoviert und wird im Sommer bewirtschaftet. Wir setzen uns in die wohlig-warme Almstube, bestellen auf Anraten des Wirts einen Weißburgunder. Der ist aus Südtirol und schmeckt vorzüglich. Wir haben in diesem Moment nicht nur den Weg von Bayern über Österreich nach Italien geschafft, sondern auch den versprochenen Sprung vom Bier zum Wein.

"Ich finde es fast ein bisschen schade, dass es keine Grenzer mehr gibt", grinst der 61-jährige Turin. "Wir haben früher alle geschmuggelt. Am schönsten war das Gefühl, wenn man es geschafft hatte", sagt er verschmitzt. So habe er zum Beispiel seine erste Stereoanlage über die Alpen getragen. Aber auch auf die andere Seite wurde geschmuggelt. Wein zum Beispiel. Beim ersten Schluck auf 2276 Metern – so hoch liegt das Pfitscherjochhaus und ist damit der höchste Punkt unserer Alpenüberquerung – wurde uns sofort klar, warum. Hätten wir nicht noch ein paar Kilometer bis zu unserem Etappenziel vor uns, würden wir wohl noch das eine oder andere Gläschen mehr genießen.

Also gehen wir wieder los, schließlich machen wir keine Alpenbesteigung, sondern eine Alpenüberquerung. Das Tagesziel heißt St. Jakob, und damit wird dieser Teil der Reise für uns zu einem persönlichen kleinen Jakobsweg. Auch wenn die Route offiziell nicht zum Jakobsweg nach Santiago de Compostela in Spanien gehört.

Nach dem eher trüb-kalten Tag in Österreich wird das Wetter bei unserem Abstieg fast schon klischeehaft immer besser und wärmer. Auch die Vegetation wird mit jedem Schritt gen Tal üppiger und grüner. Während wir oben noch die hochalpine Fauna mit Alpenrosen, Enzian und Co. bestaunt haben, weiden weiter unten in Südtirol schwarz-weiß-gefleckte Kühe auf satten grünen Wiesen. Das Beste allerdings ist der würzige Duft, den die Zirben – eine Kiefernart – verströmen. Die Bäume können bis zu 1000 Jahre alt werden, sind knorrig, urwüchsig und ein exklusives Bauholz. In Österreich und Südtirol werden sie zudem für die Produktion von vielerlei Spezialitäten verwendet – etwa für Zirbenlikör oder Zirbenschnaps. Den wollen wir uns natürlich nicht entgehen lassen. Wir nehmen ein Schnäpschen am "Buderl" des Hotels in St. Jakob ein. So wird die Hotelbar genannt, erklärt uns der Barkeeper, der selbst so urtümlich daherkommt wie die Zirben, deren veredelte Form er uns serviert. So rundum versorgt fallen wir erschöpft in unsere Betten.

Am nächsten Tag steht die finale Etappe auf dem Programm. Die ist ein lockeres Auslaufen. Von St. Jakob ist es nicht mehr weit nach Sterzing – oder Vipiteno, wie der Ort auf Italienisch heißt. In Südtirol haben die meisten Ortschaften einen deutschen und einen italienischen Namen. Zeugnis der wechselvollen Geschichte dieser Region, die nach dem Ersten Weltkrieg an Italien fiel. Auch heute noch gibt es viele Menschen, die deutsch und italienisch sprechen. Oder das urtümliche ladinisch. Alle drei Sprachen sind offizielle Amtssprache.

Dieses Multi-Kulti merken wir an den paar Kilometern durch das Tal, die uns an alten Kirchen und Bauernhöfen vorbei bis nach Sterzing führen. Viele Schilder sind auf Deutsch und Italienisch beschriftet. Es ist fast ein Sinnbild unserer Tour, schließlich sind wir aus Deutschland gekommen und nach Italien gewandert. Jetzt können wir nicht einmal mehr sagen, welche Seite der Berge uns besser gefallen hat. Jede hat ihren eigenen Charme.

Genauso wie Sterzing. Dort machen wir es nach unserer letzten Etappe wie die Murmeltiere auf dem Pfitscher Joch. Wir pfeifen einfach mal – und zwar auf unseren Diätplan. Zu lecker sind die Südtiroler Spezialitäten von Spinatknödel über Schlupfkrapfen bis hin zu zünftigem Speck. Ein Genuss.

Die Reise wurde unterstützt von der

Alpenregion Tegernsee Schliersee.

von Tegernsee nach Sterzing

Reisezeit: von zirka Juni bis
Oktober, je nach Wettersituation
Etappen: Im Internet sind alle sieben Etappen einsehbar (Länge insgesamt zwischen 88 und 126 Kilometer). Die Routenbeschreibungen stehen zum
Download bereit. Für alle, die es ganz genau wissen wollen, sind jeweils die GPS-Daten hinterlegt. So kann jeder Wanderer selbst entscheiden, wie anspruchsvoll er sich seinen Wandertag gestalten will. Weitere Infos im Internet unter:
http://www.die-alpenueberquerung.com
Unterkünfte: Es gibt an der Route einige Möglichkeit zum Übernachten. Tipp: Zimmer vor Anreise reservieren.
Preis: Es werden verschiedene Pakete angeboten. Für 520 Euro gibt es sieben Nächte in Drei- und Vier-Sterne-Hotels mit Halbpension. Für 840 Euro kommt ein Gepäcktransfer dazu und für 1090 Euro gibt es die gesamte Tour in Begleitung eines Bergführers. Eine solche Begleitung ist interessant, begehbar sind die Wege aber sehr gut ohne eigenen Bergführer.
Auskunft: Alpenregion Tegernsee Schliersee Kommunalunternehmen, Hauptstraße 2, 83684 Tegernsee, Tel. 08022/9273890,
E-Mail: info@tegernsee-schliersee.de  

Autor: lix

Autor: Felix Held (Text und Fotos)