Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

08. August 2017

Auch Bernd soll fliegen lernen

21 Jungstörche wurden aus der Aufzuchtstation in Reute in die Freiheit entlassen / Der jüngste Pflegefall war erst wenige Tage alt.

  1. „Ab in die Freiheit“ hieß es für 21 junge Störche in der Aufzuchtstation in Reute. Foto: Benedikt Sommer

REUTE. 21 junge Störche wurden am Sonntagmorgen in der Aufzuchtstation des Vereins Weißstorch Breisgau in die Freiheit entlassen. Es sind meist "Erstflieger", die den Sprung vom Horst gewagt haben, aber nicht mehr in der Lage sind, den Weg zurückzufinden oder auf dem Nest zu landen. Diese Jungtiere, noch auf die Fütterung durch ihre Eltern angewiesen, würden verhungern, könnten sie nicht aus der ganzen Region, von Lörrach bis Kehl, nach Reute gebracht werden.

In diesem Jahr kamen die Tiere unter anderem aus Kehl, Böhringen, Gamshurst, Stegen, Riegel, Rheinhausen oder Willstätt und Steinach. Zwar gibt es noch eine weitere, kleinere Aufzuchtstation, in Reute steht den Tieren aber eine gut 100 Quadratmeter große und etwa fünf Meter hohe Voliere zur Verfügung, in der sie das Fliegen nicht ganz vergessen.

Bei Verletzungen kann Storchenvater Martin Kury, der eigentlich Krankenpfleger ist, nur leichte Wunden versorgen. Für Bernd, wie der kleinste Storch in diesem Jahr nach seinem Finder genannt wurde, wäre so gar kein Platz gewesen. Er wurde im Alter von zwei bis drei Tagen in Nimburg aus dem Nest geworfen, sei über das Flachdach gepurzelt und von Architekt Bernd Schmidt gleich gebracht worden, erzählte Kury. Nur etwa zwanzig Zentimeter sei das "Würmle" groß gewesen, und da es gleich gefunden worden sei, habe er eine Ausnahme gemacht.

Werbung


Die Findlinge werden, falls nötig, medizinisch versorgt, beringt und vor allem gefüttert. Anfangs fünf Mal am Tag, später gibt es drei Mahlzeiten, denn es heißt Kraft zu tanken für die anstehende Reise. "Da Störche zahm werden können wie ein Hund, achte ich darauf, dass sie scheu bleiben und keine Bindung zu Menschen aufbauen. In bestimmten Regionen stehen sie ja auf dem Speisezettel", so Kury.

Ob sie dann nach Südfrankreich, Spanien, Portugal oder gar nach Afrika fliegen werden, weiß er nicht. Aber fliegen werden alle. Auch Bernd, immer noch etwas kleiner als seine Kollegen, machte unter den Augen der gut 40 Zaungäste, darunter Kinder, Nachbarn und Storchenbetreuer, den ersten Schritt in die Freiheit und verließ mit seinen Artgenossen die Voliere, um sich erst einmal zu Fuß auf der benachbarten Streuobstwiese umzusehen. Einige Minuten ließen sich die Vögel Zeit, stocherte mal Probe, bevor der erste Storch sich in die Luft erhob und den anderen zeigte, dass der Himmel von nun an nicht mehr mit einem Metallzaun versperrt ist. "Wenn erst mal einer fliegt, folgen die anderen", erklärte Martin Kury. Bald ziehen sieben, acht Tiere weite Kreise über dem landwirtschaftlichen Anwesen. "Sie werden hier noch eine Weile gefüttert, machen sich aber nach und nach auf den Weg. Nur wer bis abends absolut nicht starten wollte, darf noch einmal für vierzehn Tage in die Voliere zurück. Da die Tiere unterschiedlich alt sind, sind manche auch einfach noch nicht so weit".

Gustav Bickel, Vorsitzender des Vereins, berichtete, dass die ersten Störche bereits auf großer Reise seien. Mit einer App kann er die Flugstrecken besenderter Tiere täglich exakt verfolgen. "Leider kostet ein Sender 1500 Euro, daher werden nur wenige Tiere damit ausgestattet." Es gebe aber eine große Gruppe von Storchenbeobachtern, die, oft mit Wohnmobilen in Südfrankreich und Spanien unterwegs, mit speziellen Beobachtungsfernrohren die Ringe der Tiere ausläsen und ihre Flugdaten dann ins Netz einspeisten.

2016 sei ein gutes Jahr gewesen, von 126 Horsten in der Region wären 112 Nester besetzt gewesen. 111 Junge wurden beringt, bei 17 Jungtieren, etwa auf dem Kamin der Riegeler Brauerei, wäre das zu aufwändig gewesen. Insgesamt haben 126 junge Störche überlebt. "Die Population ist gut, allein in Riegel gab es acht neue Nester – eine regelrechte kleine Invasion." Aber auch die Verluste seien hoch gewesen. Die meisten jungen Störche starben in der Unwetternacht auf den 19. Mai bei Regen und niedrige Temperaturen von fünf Grad.

Ute Reinhard, Weißstorchbeauftragte des Regierungspräsidiums Tübingen, berichtete, dass in anderen Gegenden Baden-Württembergs die Verluste geringer waren. Die Situation für den Weißstorch habe sich deutlich verbessert. Erstmals sei nicht mehr Polen das Storchenland Europas, sondern Spanien. In Baden-Württemberg rechnet sie mit 1000 Horstpaaren. Ein Umdenken in der Landwirtschaft und Ausgleichsmaßnahmen wie an der Elz führten zu einem erhöhten Nahrungsangebot, das sich im Bestand auswirke.

Und während Bernd anscheinend doch lieber zu Fuß durch die Wiese spazierte als das Abenteuer des Fliegens zu wagen, trifft Gérard Mercier aus Eckartsweier bei Offenburg mit einem neuen Pensionsgast ein. Der knapp acht Wochen alte Weißstorch ist vom Dach abgerutscht und hat jetzt erst mal die Voliere für sich allein.

Autor: Benedikt Sommer